Außerschulische Bildung 3/2026

Auszeit von den Algorithmen

Die Bildungsplattform SHOAH STORIES ermöglicht historisch-politisches Lernen mit kurzen Videos in Zeiten grassierender Desinformation

Der Beitrag diskutiert die Potenziale und Grenzen kurzer Social-Media-Videos für die historisch-politische Bildung über Holocaust, NS-Verfolgung und Antisemitismus. Am Beispiel der Bildungsplattform SHOAH STORIES zeigt er, wie kuratierte Videos von Gedenkstätten, Überlebenden und Creator*innen in einen faktenbasierten, didaktisch aufbereiteten Lernraum überführt werden können. Die Plattform begegnet damit den Problemen algorithmischer Aufmerksamkeitsökonomien, Desinformation und antisemitischer Inhalte und ermöglicht entdeckendes, partizipatives Lernen jenseits kommerzieller Plattformlogiken. von Tobias Ebbrecht-Hartmann

„Hallo TikTok! Was denkt ihr über KZ-Gedenkstätten, die TikTok Videos machen?“ In dem neunundvierzig Sekunden langen Video spricht eine junge Frau. Sie steht vor den historischen Überresten des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich. Die Gedenkstätte war eine der ersten, die Anfang 2022 auf der populären Kurzvideoplattform aktiv wurde, die damals vor allem für lustige Tanzvideos und Unterhaltung bekannt war (vgl. Ebbrecht-Hartmann/Divon 2024). Mittlerweile produzieren über siebzig Institutionen weltweit kurze Videos für TikTok oder Instagram, um über NS-Geschichte aufzuklären und an den Holocaust zu erinnern. Damit wollen sie die Sichtbarkeit für diese Themen erhöhen und insbesondere junge Menschen erreichen, die wenig über diese Geschichte wissen.

Umkämpfte Räume

Der Erfolg von Gedenkstätten und anderen Bildungsinitiativen, die mit kurzen Videos Geschichte vermitteln, lässt sich sehen. Bis Ende 2025 hatten sie bereits mehr als 7.000 Videos geteilt, die allein auf TikTok mehr als 3,6 Millionen Mal angeklickt wurden. Über 1 Millionen Nutzer*innen folgen ihren Accounts auf der Plattform. Aber die Entwicklungen vergangener Jahre trüben die Hoffnung, mit den Erklärvideos Holocaustleugnung, Relativierung, steigendem Antisemitismus und Online-Hass etwas entgegenzusetzen.