Außerschulische Bildung 3/2026

Bildung als Umordnung von Wissens- und Begehrensstrukturen

Verlernen im Kontext transnationaler Studierendenbegegnung

Der Beitrag nimmt konzeptionell-vermessende Reflexionen zur Bedeutung des Verlernens im Kontext von Studierendenbegegnung in post-kolonialer Konstellation an den Hochschulstandorten Duisburg-Essen (Deutschland) und Mwanza (Tansania) aus Sicht kritischer Bildungstheorie und -praxis vor. Das transnationale Projekt arbeitet mit dem Konzept des Critical Service Learnings, bei dem zivilgesellschaftliche Akteure aus dem Umfeld der Universitäten einbezogen werden, sodass die Reflexionen über die Bedeutung des Verlernens über den Hochschulkontext hinausgehen. von Lukas Eble und Franziska Stracke

Transnationale Begegnungen werden häufig als Möglichkeiten des von- und miteinander Lernens markiert. Mit den Einsätzen postkolonialer Theoriebildung wird diese Perspektive mit der des Verlernens irritiert. In diesem Horizont gehen wir der Frage nach, wie das Konzept des Verlernens im Kontext eines Projektes in post-kolonialer Konstellation zwischen der St. Augustine University of Tanzania, Mwanza, und der Universität Duisburg-Essen, mit besonderem Blick auf die Studierendenbegegnungen, kritisch aufgegriffen werden kann. Dazu werden zunächst bildungstheoretische Überlegungen zum Konzept des Verlernens skizziert. In dem darauffolgenden Schritt verdeutlichen Reflexionen zur hochschuldidaktischen Praxis eines Seminars die konzeptionellen Überlegungen.

Verlernen als Element kritischer Bildungstheorie

Für die alltägliche Reproduktion bestehender Gesellschaften in ihren verschiedenen Facetten sind die in Sozialisationsprozessen der jeweiligen Gesellschaft erworbenen und angeeigneten Wissens- und Begehrensstrukturen notwendig: Sie strukturieren unser Denken und Wahrnehmen sowie unsere Handlungen und durchdringen alle menschlichen Beziehungsweisen. Sie legen uns Praktiken der Alltagsgestaltung als unumgänglich nahe und basieren wesentlich auf einer historisch gewordenen, hegemonialen Wissensordnung und -produktion, die sich mit bestimmten „Wunsch- und Begehrensstrukturen“ in den Subjekten zeigen (König 2021, S. 454). Sämtliche Praktiken der Diskriminierung und Unterdrückung, wie z. B. anhand von Klasse, Gender, race, beruhen auf diesen Strukturen. Der Einsatz kritischer Bildung liegt somit auf einer „unerzwungenen Neuanordnung“ dieses wirkmächtigen Begehrens im „Modus des Künftigen“ (Spivak 2008, S. 12).