Außerschulische Bildung 2/2026

Die Zukunft der Demokratisierung

Demokratiebildung oder politische Bildung für eine sozial-ökologische Transformation?

Der Beitrag analysiert das spannungsreiche Verhältnis von Demokratiebildung und politischer Bildung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Krisen. Er zeichnet historische Entwicklungslinien politischer Bildung nach und fragt, warum eine Orientierung am „demokratischen Prinzip“ für politische Bildungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg leitend war. Die Autorin fragt, ob eine auf Werte- und Verhaltensvermittlung fokussierte Demokratiebildung ausreicht. Angesichts kapitalistischer, autoritärer und ökologischer Krisendynamiken plädiert sie für eine kritisch-emanzipative politische Bildung, die gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Blick nimmt und zu einer sozial-ökologischen wie demokratischen Transformation befähigt. von Bettina Lösch

In der gegenwärtigen Praxis politischer Bildungsarbeit wird sich in unterschiedlichster Form und teils mit sehr viel Emphase auf Demokratie berufen. Demokratiebildung gilt mittlerweile als einflussreiches Konzept (vgl. Bürgin 2025), soll in Schulen, der Jugend- und Erwachsenenbildung, der offenen Jugendarbeit, in Vereinen sowie der sozialen Arbeit leitend sein und umgesetzt werden. Der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung hat die Bedeutung politischer Bildung für eine demokratische Gesellschaft akzentuiert und auch das Verhältnis von politischer Bildung und Demokratiebildung thematisiert (vgl. BMFSFJ 2020). Die großen staatlichen Förderprogramme zur Extremismusprävention und Demokratieförderung tragen das Ansinnen Demokratie leben! bereits im Titel. Politische Zielsetzungen, wissenschaftliche Debatten und bildungspraktische Vorgehensweisen sind im Hinblick dessen, was unter politischer Bildung und Demokratiebildung verstanden wird, keineswegs einheitlich. Es herrscht, wie Benedikt Widmaier bereits 2018 angemerkt hat, ein Begriffs-Wirrwarr und eine „neue Unübersichtlichkeit in der politischen Bildung“ (Widmaier 2018). Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich politische Bildung und Demokratiebildung unterscheiden, warum eine Orientierung am demokratischen Prinzip für politische Bildungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg leitend war und welche Bildungsarbeit es angesichts gegenwärtiger Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Gesellschaft und autoritärer werdender Verhältnisse bräuchte.

Ein Blick zurück: Das „demokratische Prinzip“ politischer Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Praxis politischer Bildung hat in der Historie Deutschlands sehr unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen. Sie stand lange Zeit im Dienst einer ideologisch aufgeladenen Staatsbürgerkunde: Im Kaiserreich sollten die Menschen zu gehorsamen Untertanen, im Faschismus zu strammen Nazis oder in der DDR zu getreuen Staatssozialist*innen erzogen werden. Ganz im Gegensatz zu dieser ideologischen, staatlichen Vereinnahmung politischer Bildung und der damit einhergehenden Funktionalisierung als Herrschaftsabsicherung und -unterwerfung haben Menschen, Gruppierungen, Bewegungen, Initiativen immer wieder versucht, sich die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst politisch bildend anzueignen, sie zu verstehen und damit auch eingreifend handelnd – auch im Sinne ihrer eigenen Interessenslagen – verändern zu können. Aus emanzipativen sozialen Bewegungen wie der alten Arbeiter*innen- oder Frauenbewegung, aber auch aus den neuen sozialen Bewegungen gingen Bildungsvereine, -einrichtungen, -konzepte und neue Methoden hervor.