Außerschulische Bildung 1/2026

Fakten unter Druck

Wie unser Informationsökosystem in Europa herausgefordert wird – und was wir dagegen tun können

Zwei Jahre nach dem globalen Superwahljahr 2024 zeigt sich, dass digitale Öffentlichkeiten in Europa unter anhaltendem Druck stehen. Vor allem Social-Media-Plattformen haben sich als zentrale Orte politischer Meinungsbildung etabliert, an denen sich eine von Polarisierung und Desinformation geprägte Diskurskultur verstärkt. Im Kontext transatlantischer Beziehungen werden diese Dynamiken zunehmend geopolitisch und sicherheitspolitisch gerahmt und erzeugen neue Spannungen zwischen Regulierung, Meinungsfreiheit und dem Schutz des Informationsökosystems. Technologische Entwicklungen, insbesondere im Bereich generativer KI, verschärfen bestehende Probleme. Ein resilienter Umgang erfordert einen langfristig orientierten, gesamtgesellschaftlichen Ansatz. von Charlotte Freihse

Zwei Jahre nach dem Superwahljahr: eine Bestandsaufnahme

Zwei Jahre sind vergangen, seit 2024 als größtes globales Wahljahr in die Geschichte eingegangen ist. In über 70 Staaten gaben Menschen ihre Stimmen ab, darunter mit Indien, den USA und der Europäischen Union drei der bevölkerungsreichsten Demokratien der Welt. Wahlen sind in demokratischen Systemen jene Phasen, in denen sich Bürger*innen besonders intensiv mit politischen Inhalten, politischen Akteur*innen und der eigenen Meinungsbildung auseinandersetzen. In diesen Zeiträumen steigt nicht nur die politische Aufmerksamkeit, sondern auch die Bedeutung öffentlicher Informationen für individuelle Entscheidungen (vgl. Unzicker 2023). Gerade deshalb sind Wahlen besonders anfällig für gezielte Desinformationskampagnen, die darauf abzielen, Stimmungen zu beeinflussen, Vertrauen zu untergraben oder die Legitimität demokratischer Prozesse infrage zu stellen (vgl. z. B. Bernhard et al. 2024; Mauk/Grömping 2024). Desinformation bezeichnet dabei nicht beiläufige Unschärfen, unbeabsichtigte Fehler oder falsch verstandene Aussagen, sondern die bewusste Verbreitung falscher oder irreführender Inhalte mit dem Ziel, Wahrnehmungen zu verzerren, zu manipulieren und Verunsicherung zu erzeugen (vgl. Breidenbach et al. 2022).

Vor diesem Hintergrund war das Jahr 2024 ein umfassender Stresstest für offene Gesellschaften. Ein erheblicher Teil politischer Kommunikation und öffentlicher Debatten findet heute im digitalen Raum statt – und dort vor allem auf Social-Media-Plattformen (vgl. Habermas 2021; Freihse/Unzicker 2024). Zwar ist die gezielte Verbreitung verfälschter Informationen zur Täuschung oder Einflussnahme ein Mittel politischer Auseinandersetzung, das lange vor dem Internet eingesetzt wurde (vgl. Bradshaw/Bailey/Howard 2020), Social-Media-Plattformen haben aber durch ihre technische Gestaltung und ihre auf Reichweite und Interaktion ausgerichteten Geschäftsmodelle dazu beigetragen, dass Desinformation eine neue Geschwindigkeit, Sichtbarkeit und Verbreitungsmacht erreicht hat (vgl. Saurwein et al. 2022). Algorithmisch gesteuerte Newsfeeds, virale Dynamiken und geringe Zugangshürden begünstigen die schnelle Skalierung manipulativer Inhalte und erschweren ihre Erkennung und Einordnung im öffentlichen Diskurs (vgl. Jungherr/Schroeder 2023).