Grundlegende Systematik und ethische Aspekte
„Generationen“ haben als gesellschaftswissenschaftliche Kategorie lange Zeit weniger Aufmerksamkeit erfahren als die Kategorien „Schicht“ (bzw. deren Abwandlungen „Klasse“ oder „Milieu“) sowie „Geschlecht“ (bzw. „Gender“). In den letzten Jahren ist jedoch ein bemerkenswertes Erstarken des Interesses an den Beziehungen, Konflikten und Gerechtigkeitsfragen zwischen den Generationen zu beobachten. So ist die „Verantwortung für kommende Generationen“ seit dem Aufkommen der ökologischen Bewegung eine viel zitierte Begründung dafür, dass die Natur geschützt werden sollte (siehe z. B. den „Brundtland-Bericht“, WCED 1987). Auftrieb erhielt die Debatte um „Generationengerechtigkeit“ aber auch aufgrund der demografischen Entwicklung und der Krise der Sozialversicherungssysteme in alternden Industriestaaten. In wirtschaftlicher Hinsicht hat das Politikziel „Generationengerechtigkeit“ unmittelbare Relevanz für Renten-, Pflege-, Gesundheits- bzw. die Finanz- und Haushaltspolitik insgesamt. Die menschengemachte Erderwärmung und die Alterung der Gesellschaft sind also zwei der drängenden Herausforderungen, die das Verhältnis zwischen den Generationen prägen. „Fridays for Future – Saturdays for Social Security“ ist eine griffige Formel, die beide Bereiche verknüpft.
Generation und Gerechtigkeit
Eine vollständige Theorie der Gerechtigkeit zwischen den Generationen hat zu klären, wer (Empfangende) von wem (Abgebende) wieviel (Muster; Umfang) von was (Wertmaßstab; „Währung“; bei Theorien der Verteilungsgerechtigkeit das sogenannte Distribuendum) erhalten soll. In der exponentiell wachsenden Literatur zu Generationengerechtigkeit sind alle diese W-Fragen umstritten. Nicht strittig ist allerdings, dass sich Fragen der Gerechtigkeit zwischen den Generationen (= intergenerationelle Gerechtigkeit; Generationengerechtigkeit), dem Wortsinn von „inter = zwischen“ entsprechend, nicht zwischen Zeitgenossen des gleichen Alters stellen. Gerechtigkeit innerhalb einer (wie auch immer definierten) Generation ist das Reich der intragenerationellen Gerechtigkeit. Die intragenerationelle Gerechtigkeit bezieht sich auf Menschen gleichen Alters, die durch Wohlstand, Gesellschaftsschicht, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion usw. getrennt sein können. Die intergenerationelle Gerechtigkeit bezieht sich auf Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Position in der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) getrennt sind (vgl. Abbildung 1). Der Begriff „Generationengerechtigkeit“ umfasst also ein spezifisches Element der Gerechtigkeit und deckt somit nicht alles ab, was moralisch bzw. gerecht ist. Gerechtigkeit zwischen den Generationen ist ein abgegrenztes Feld der Gerechtigkeit, auch wenn es Wechselwirkungen zu Fragen der intragenerationellen Gerechtigkeit geben mag.