Handlungsrahmen und Orientierungskategorie für politische Bildung in Europa
Im internationalen Diskurs werden folgende Bildungskonzepte unterschieden: Das internationale Konzept Global Citizenship Education (GCE) soll Menschen befähigen, über nationale Grenzen hinaus zu denken und zu handeln (vgl. UNESCO 2015). Werner Wintersteiner (2022, S. 347) hat aufgefordert, GCE als „kritisch-transformative Bildung“ mit Bezug auf „critical und decolonial education“ weiterzuentwickeln (vgl. ebd. 354 f.). Davon in Nuancen zu unterscheiden sind Konzepte des Globales Lernens, der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und der Umweltbildung (vgl. Riß/Overwien 2010; Overwien 2022). Die genannten Konzepte orientieren sich an international verabschiedeten Politikrahmen der UNESCO bzw. der Vereinten Nationen und beinhalten die Aufforderung an alle Staaten und deren formalen und non-formalen Bildungssysteme und Akteure, diese Konzepte auch in die jeweiligen nationalen Bildungskonzepte und die Bildungspraxis auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene umzusetzen. Der normative Kern aller genannten Konzepte verweist auf die Notwendigkeit einer Veränderung des Status quo hin zu mehr Demokratie und weltweiter sozialer Gerechtigkeit. Die bestehende internationale Ordnung wird dabei als historisch gewordene angesehen, die in politischer, wirtschaftlicher, sozialer und epistemischer Hinsicht als nicht gerecht beschrieben wird und sich in Richtung größerer Gerechtigkeit und Geltung universeller Menschenrechte weiterentwickeln sollte.
Auch auf europäischer Ebene wurden Begriffe und Konzepte entwickelt, die über ein auf den nationalen Diskurs bezogenes Denken in der politischen Bildung hinausgehen. Citizenship Education und Democratic Citizenship Education sind als politische Gestaltungsrahmen formuliert und kodifiziert und haben unterschiedliche Geltungsansprüche. Mit den Konzepten verbinden sich die Hoffnung auf einen ernsthaft betriebenen Transfer internationaler Perspektiven in das non-formale und formale Bildungssystem, mit dem Ziel der Beeinflussung der nationalen Bildungsvorgaben und der jeweiligen Strategien in Jugendpolitik und Erwachsenenbildung. Die internationale Perspektive stärkt auch die transnationale Orientierung der zivilgesellschaftlichen Akteure auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene. Im Jugendbereich ergeben sich Schnittstellen zu Youth Work – in der deutschen Systematik sind damit die Kinder- und Jugendarbeit, inclusive Jugendbildung sowie die Jugendsozialarbeit – gemeint (vgl. Pirker/Thimmel 2024) und zur internationalen Jugendarbeit.
Vorstellungen und Wissen über zentrale Begriffe und Konzepte der politischen Bildung, des politisch-administrativen Systems und der politischen Theorie sind in nationale Diskurse und Wissensordnungen eingebettet. Die jeweilige (nationalstaatlich eingebettete) politische Bildung und die spezifische Interpretation der internationalen Konzepte sind stark von der jeweiligen Sozialisation in ein spezifisches politisch-administratives System, von Sprach- und Medienregimen und einer politischen Kultur beeinflusst und in entsprechende Diskurse eingelagert. Das Fehlen einer komparativ angelegten nonformalen internationalen Bildungsforschung auf der Grundlage einer transnationalen politische Bildung limitiert zudem einen europäischen und internationalen Austausch und ein gemeinsam geteiltes sozialwissenschaftliches Wissen auf europäischer und internationaler Ebene.