Außerschulische Bildung 4/2025

In den Köpfen nun auch geeint?

Gesellschaftliche Ziel- und Wertvorstellungen in Ost- und Westdeutschland 35 Jahre nach der Wiedervereinigung

Der Beitrag untersucht 35 Jahre nach der Wiedervereinigung auf Basis des Deutschland-Monitors 2024, ob die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland gemeinsame gesellschaftliche Werte und Zielvorstellungen teilt. Die Ergebnisse zeigen: Ost- und Westdeutsche verbindet heute mehr, als sie trennt. In zentralen Fragen wie Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Wohlfahrtsstaat herrscht weitgehende Einigkeit. Unterschiede bestehen v. a. bei kontroversen Themen wie Migration, Klimaschutz und europäischer Integration. Doch auch hier überlagern politische Lagerzugehörigkeiten die bestehenden Ost-West-Unterschiede. von Marion Reiser und Pierre Zissel

Eine prominente Gesellschaftsdiagnose für das Deutschland der Gegenwart lautet, das Land und seine Bevölkerung seien stark gespalten und polarisiert. Weite Teile der Bevölkerung teilten demnach nicht mehr dieselben Werte und Zielvorstellungen. In der Debatte werden dabei unterschiedliche gesellschaftliche Spaltungsdimensionen hervorgehoben: zwischen Arm und Reich, zwischen „Volk“ und „Eliten“, zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, zwischen Stadt und Land, zwischen Links und Rechts (vgl. u. a. Lackner 2025; Mau et al. 2024) – und auch zwischen Ost- und Westdeutschland. So verweisen u. a. die aktuellen Wahlergebnisse auf Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ost und West, was insbesondere an den hohen Stimmenanteilen der AfD in Ostdeutschland festgemacht wird (vgl. Schulz 2025; siehe auch Weisskircher 2020).

Nicht zuletzt durch diese Erfolge der AfD hat die wissenschaftliche Debatte über den Stand der „inneren Einheit“ in der jüngeren Vergangenheit einen erneuten Aufschwung erfahren. Während in der Zeit nach der Wiedervereinigung Perspektiven dominierten, die eine stetige Annäherung beider Landesteile in politischer Kultur und gesellschaftlichen Wertvorstellungen voraussagten (vgl. Zapf 1994; Dalton/Weldon 2010), betonen aktuelle Beiträge, dass sich die Unterschiede verfestigt haben und auch in der längeren Frist bestehen bleiben (vgl. Oschmann 2023; Mau 2024).

Dass auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – trotz gewisser Angleichungen – Unterschiede in den politischen Einstellungen zwischen Ost- und West bestehen, ist wissenschaftlich gut dokumentiert (vgl. etwa Pickel/Pickel 2023; Zick et al. 2023; Reiser/Reiter 2023; Hebenstreit et al. 2025). So ist die ostdeutsche Bevölkerung vergleichsweise weniger zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie, hegt ein geringeres Vertrauen in bundesdeutsche Institutionen und äußert häufiger populistische oder diktaturaffine Einstellungen.