Versuch einer Standortbestimmung
Medienvertrauen ist ein Streitthema: In der Wissenschaft steht Medienvertrauen seit etwa 20 Jahren zunehmend im Fokus der Forschung (vgl. Jackob 2012). Streitpunkte sind bis heute die Fragen, was Medienvertrauen eigentlich ist, wie man es misst und welche Relevanz es insbesondere für die Demokratie hat. Im öffentlichen Diskurs wird spätestens seit der Kölner Silvesternacht 2015/2016 über eine Vertrauenskrise der Medien oder wahlweise des Journalismus debattiert (vgl. Schultz et al. 2017). Hier ist Medienvertrauen zu einem Kampfbegriff avanciert, den verschiedene Seiten im Munde führen: Gegner des etablierten Mediensystems in Deutschland sehen das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien im Sinkflug oder gar ganz am Boden – und das seit Jahren. Menschen skandieren „Lügenpresse“, verweisen auf „alternative Fakten“, die man zumeist auf Social Media finden kann und greifen insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „Staatsfunk“ an (vgl. z. B. Jackob et al. 2017; Ziegele et al. 2018). Verteidiger des Systems verweisen auf das Berufsethos des Journalismus und seine professionellen Checks and Balances, den Pluralismus des deutschen Mediensystems und Umfragewerte, die empirisch keine Vertrauenskrise erkennen ließen – auch wenn es keinen Zweifel an Fehlleistungen und Skandalen z. B. bei (öffentlich-rechtlichen) Fernsehsendern und bei Presseverlagen gibt (vgl. z. B. Jackob et al. 2019).
Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen unternimmt in diesem Umfeld den Versuch, dem wissenschaftlich schwer fassbaren Phänomen Medienvertrauen empirisch näher zu kommen – und einen Beitrag zu einer Ausdifferenzierung und Versachlichung der in der Öffentlichkeit in Wellen hochkochenden Debatte zu leisten. Ausgehend von einer Pilotstudie aus dem Jahr 2008 (Jackob 2012) beobachtet die Forschungsgruppe die Entwicklung des Medienvertrauens in Deutschland seit 2015 auf Basis zumeist jährlich stattfindender, repräsentativer Telefonbefragungen der Bevölkerung in Deutschland (vgl. als Überblick Jackob et al. 2023). Die Studie ist wissenschaftlich unabhängig und wird derzeit durch die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb gefördert. Die Konzeption der Studie und die Auswertung der Daten liegen in Händen der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Für die aktuelle Welle 2024 wurden zwischen dem 4. November und dem 7. Dezember 2024 bundesweit 1.203 Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren in einer repräsentativen Telefonumfrage (CATI) durch das Umfrageinstitut Verian befragt. Bei einer Sicherheitswahrscheinlichkeit von 95 % beträgt die statistische Fehlertoleranz maximal +/- 3 Prozentpunkte. Ausgangspunkt war die Frage, ob sich die seinerzeit vielfach öffentlich insinuierte Krise des Medienvertrauens mit empirischen Methoden erfassen und auf der Zeitachse beobachten lässt. Verbunden war damit auch das Bemühen, sozial- und kommunikationswissenschaftlich relevante Konstrukte mit dem des Medienvertrauens zu verbinden, um den Ursachen, spezifischen Ausprägungen und Facetten von Medienvertrauen auf die Spur zu kommen – darunter u. a. Demokratievertrauen, Vertrauen in andere gesellschaftliche Systeme, Mediennutzung, politische Prädispositionen und medienbezogene Einstellungen.