Außerschulische Bildung 3/2026

Orte des Ver_lernens in der dekolonialen Bildungsarbeit

Dekoloniale Stadtrundgänge und autobiografische Archivarbeit als Praxis der Verschiebung hegemonialer Wissensordnungen

Ausgehend von dekolonialen Stadtrundgängen in Köln und dem autobiografischen Archivprojekt DAASO stellen die Autorinnen im Gespräch zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Praxen des Ver_lernens vor. Anhand von Orten, Biografien und Archiven zeigen sie, wie koloniale Kontinuitäten, Leerstellen und Machtverhältnisse in Geschichte, Erinnerung und Gegenwart kritisch befragt werden können. Der Beitrag versteht Ver_lernen als einen offenen Prozess der Verschiebung hegemonialer Wissensordnungen und diskutiert dessen Möglichkeiten und Grenzen in der dekolonialen Bildungsarbeit. von Merle Bode und Pamela Twinwaah Amponsah

Was verstehen wir unter Ver_lernen in dekolonialer Bildungsarbeit?

Bei Decolonize! e. V. setzen wir uns in unterschiedlichen Projekten mit dekolonialer Bildungsarbeit und Prozessen des Ver_lernens auseinander. Der Unterstrich markiert Aspekte, die sich eindeutigen Benennungen entziehen, und verweist auf die Offenheit, Komplexität und Unabgeschlossenheit von Begriffen und Positionierungen, etwa in diasporisch_ghanaisch_deutsch oder Schwarz_westdeutsch_queer. Zugleich wird er in Anlehnung an Pasquale Virginie Rotter verwendet, um zusätzliche Bedeutungsebenen innerhalb von Begriffen hervorzuheben, etwa in Geschichte_n, Ver_lernen oder Über_setzung (vgl. Rotter 2015, S. 111). Ver_lernen verstehen wir dabei nicht als bloßes Ablegen falschen Wissens oder als Ergänzung fehlender Informationen. In Anlehnung an Gayatri Chakravorty Spivaks Überlegungen zum „unlearning one’s privilege as one’s loss“ (Spivak 1996) geht es vielmehr darum, eingeübte Wahrnehmungsweisen, privilegierte Positionierungen und hegemoniale Wissensordnungen als Begrenzungen erkennbar zu machen. Dekoloniale Bildungsarbeit fragt deshalb nicht nur danach, welche Geschichte_n bisher nicht erzählt wurden, sondern auch danach, wer als wissend gilt, welche Quellen anerkannt werden und welche Formen von Erinnerung, Erfahrung und Analyse aus Bildungsräumen ausgeschlossen bleiben.

Im Folgenden sprechen Pamela Twinwaah Amponsah und Merle Bode über zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Praxen dekolonialer Bildungsarbeit. Bode reflektiert dekoloniale Stadtrundgänge zu (post)kolonialen Perspektiven auf die Kölner Südstadt, die im Kontext von Decolonize Cologne entwickelt wurden. Amponsah setzt sich mit DAASO auseinander, einem nicht abgeschlossenen transnationalen Filmprojekt, aus dem ein Recherchedreh, Videorohmaterial und eine theoretische Masterarbeit hervorgegangen sind. Während der Stadtrundgang den öffentlichen Raum als Archiv kolonialer Kontinuitäten lesbar macht, eröffnet DAASO einen Zugang zu filmischem Rohmaterial, diasporischen Familiengeschichte_n und kritischer Archivarbeit.