Mentalitäts- und Interessengegensätze im Streit um Transformation
Alfred Döblin wird der Satz zugeschrieben: „Jedes Buch wirft am Ende dem nächsten Buch den Ball zu“ – was sich umstandslos auf Rezensionen übertragen lässt. So ist „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt“ stark verbunden mit „Triggerpunkte“ von Steffen Mau et al. (2023) und „Landkrank“ von Nikolaj Schulz (2024), die ich 2024 rezensieren durfte.
Das vorliegende Werk verbindet die Frage nach gesellschaftlichen Konflikten mit dem Fokus auf notwendige Transformationen, die die Klimakrise uns aufnötigt. Wie Mau et al. kommen die Autor*innen zu dem Schluss, dass es keine in zwei Großgruppen gespaltene Gesellschaft gibt und ebenso wie Schulz möchten sie nach wie vor den Begriff des Klassenkonflikts nutzen. Anders als in „Triggerpunkte“ widersprechen die Autor*innen der optimistischen Deutung, dass in wichtigen Fragen die Gesellschaftsmitglieder weitgehend ähnlich denken. Die unscharfe Klassendefinition bei Schulz ablehnend, nutzen sie „Klassenkonflikt“, um deutlich zu machen, dass es sich um Konflikte handelt, die aus der kapitalistischen Steigerungslogik und der Gesellschaftsstruktur erwachsen. Der „sozial-ökologische(r) Klassenkonflikt“ wird als ein neuartiger gesellschaftlicher Konflikt verstanden, der aus den Spannungen zwischen Transformationsanforderungen und bestehenden sozialen Ungleichheiten entsteht. Die Autor*innen betonen, dass es hierbei um die Verknüpfung von sozialen Verteilungsfragen mit ökologischen Herausforderungen geht. Der Konflikt zeigt sich insbesondere im Widerstand gegen Maßnahmen zur sozial-ökologischen Transformation, die von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen als ungleich verteilt, ideologisch motiviert oder überstürzt wahrgenommen werden.
Das Buch ist aus der Forschungsarbeit der Nachwuchsgruppe „Mentalitäten im Fluss“ (flumen) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena entstanden. Zur Untersuchung der sozial-ökologischen Mentalitäten in Deutschland wurde eine Umfrage namens „BioMentalitäten 2022“ durchgeführt. Dabei wurden Ende 2021 4.000 Menschen zu ihren Sichtweisen und Gefühlslagen bezüglich des anstehenden Wandels, ihren Alltagsgewohnheiten, ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement sowie ihrer sozialen Lage befragt. Mithilfe dieser Daten identifizieren die Autor*innen zehn distinkte Mentalitätstypen, die sie in drei übergeordnete Spektren einordnen.
Das erste Spektrum wird als ökosozial bezeichnet. Personen in diesem Spektrum zeichnen sich durch eine starke Befürwortung der sozial-ökologischen Transformation aus. Sie nehmen den Klimawandel als dringendes Problem wahr, halten weitreichende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft für notwendig, zeigen Bereitschaft, den eigenen Lebensstil zu verändern, und setzen sich für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz ein. Oft haben sie einen akademischen Hintergrund, arbeiten im öffentlichen Sektor, können und wollen sich die Transformation auch ökonomisch leisten.