Außerschulische Bildung 4/2025

Ines Geipel: Fabelland

Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück

Ines Geipel gelang die Flucht im Sommer 1989, Inge Müller im Rucksack. War nun alles klar? Eher nicht: „Früher bin ich als Sprinterin sehr viele, unerhört gerade Geraden gelaufen. Immer wieder, jahrelang, in allen möglichen Ecken der Welt. Von A nach B. Ich kam immer an. Nach einer Flucht aber gibt es keine Geraden mehr, nur noch Ellipsen, Abgeknicktes, Krümmungen, Hyperbeln, Achsenverschiebungen, Außenwinkel, parallele Sehnen, immerzu Abgeleitetes.“ (S. 109) Mit Velém Flusser sieht sie „die Beheimateten und die Heimatlosen, die Gebliebenen und die Emigranten“ als „Paar“. Die Geflüchteten leben in einem „Andererseits, etwas zwischen lost place und lost in place.“ (S. 108)

Guten Morgen, ihr Schönen! „Aber wie hatte man sich das auch vorgestellt? Dass Millionen Deutsche nach vierzig geteilten Jahren aus dem Zeittunnel auftauchten und den vielen Anderen von der anderen Seite entzückt zuriefen: Was seid ihr denn Schönes?“ So wurde der „Mauerfall als ein glücklicher Verblendungsmoment“ erlebt (S. 151). Es folgten: „Der Streit um die Deckfabeln“ (S. 281), „Gedächtnispolitische Ereignisse, denen ein Debattenfuror folgte.“ (S. 211), „Treuhandbashing“ (S. 55), „Heimatcodes“ (S. 103). Ein mystifiziertes Als-Ob: „Dresden. Eine gleichsam mythische Stadt, die in ihrer eigenen imaginären Vergangenheit lebte, die kein Außen brauchte, eine ausgewiesene rechte Szene hatte, zu DDR-Zeiten das Tal der Ahnungslosen war, den anglo-amerikanischen Angriff überstanden hatte und nicht zuletzt die barocke Bühne für die erhofften Bilder in die Welt bieten konnte. Der Schauplatz für die Konservative Revolution war perfekt.“ (S. 223)

Verstehen die Menschen im Westen das? Die Frage, was und wie der „Osten“ eigentlich sei, ist ständiges Thema in Politik, Medien, Kunst und Kultur. „Anders als der Generation im Westen war es im Osten nicht möglich, sich auf die Siegerseite der Geschichte hinüberzuerzählen, da diese Generation schlicht zu viel Geschichte in den Knochen hatte.“ (S. 100) „Umkämpfte Zone“ und „Schöner neuer Himmel“ analysieren schonungslos. An diese beiden Bände knüpft „Fabelland“ an. Der Titel erinnert an Christian Krachts Roman „Faserland“ (1995): „Ich las ihn als Pendant zu unseren Wundheiten und hatte dabei Showbiz-Größen wie Heidi Klum, Thomas Gottschalk, Boris Becker oder Rudolf Scharping vor Augen, die in den geräumigen Coupés des Kracht-Textes rumlümmelten, winkend durch die Landschaft der jungen Einheitsjahre schipperten und dabei einen stillen Passagier aushalten mussten, diesen jungen Mann ohne Namen, der die ganze Szenerie unablässig im Blick hatte. Die Post-Politik, der Eskapismus, die nette Marken-Welt, das inwendig Unerlöste.“ (S. 127)

Ines Geipels Stil reißt mit! Polysyndetische Reihen, ein Feuerwerk der Assoziationen, Anakoluthe, Sätze ohne Verb, bei denen man sich fragt, ob sie mit einem Frage- oder einem Ausrufezeichen enden sollten, zuspitzende Schlussfolgerungen, die in einfachen Aussagesätzen daherkommen, aber wenig später wieder in Frage gestellt werden. Mit dem Mauerfall „stellte sich ein ‚Interregnumsgefühl‘ ein, ein ‚Nichtmehr und Nochnicht‘“ (S. 16), es bleiben „Wörterbojen“ (S. 17), wie zum Beispiel „Erinnerungstransfer“, „Gedächtnistheater“ (Y. Michal Bodemann) (S. 206), „Verleugnungskarussell“ (S. 147), „Erinnerungsbeton“ (S. 70). „Das Endlager der Nazis als eingefrorener Tatort“ (S. 69). Mit Erich Loest verbindet Ines Geipel die Vor-Sicht, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen: „Ich zögere, warte auf die Wörter, bis es die richtigen sind. Es sind nie die richtigen.“ (S. 253)