Außerschulische Bildung 2/2026

Jana Hensel: Es war einmal ein Land

Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet

Mit dem Buch „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ legt die Journalistin und Autorin Jana Hensel eine essayistische Bestandsaufnahme der politischen Befindlichkeit Ostdeutschlands vor. Ausgehend von AfD-Wahlergebnissen im Osten, stellt Hensel ihre provokante Grundthese in den Raum: Der demokratische Konsens sei dort nicht nur erschüttert, sondern de facto bereits aufgelöst worden. Für Hensel geht die „(kurze) Ära der Demokratie“ nicht nur im Osten zu Ende, aber sie tut es dort „radikaler, als wir uns das vorstellen mochten. (…) Ein immer größer werdender Teil der Ostdeutschen will diese Demokratie nicht mehr.“ (S. 9)

Die Stärke des Buches liegt in seiner Verknüpfung einer politischen Biographie der Ostdeutschen und gesellschaftlichen Entwicklungen seit 1990. Dabei nutzt Hensel ihre eigene ostdeutsche Sozialisation als Erinnerungsraum, um die rund 35-jährige politische Geschichte der Deutschen Einheit zu rekonstruieren und stößt – wie schon in ihrem autobiografischen Buch „Zonenkinder“ (2002) – Debatten über ostdeutsche Identität an. Ihr gelingt dadurch ein subjektiv valider Zugang zur politischen und sozialen Verfasstheit vieler Ostdeutscher, der monokausale Erklärungen über ökonomische Deprivation oder Arbeitslosigkeit vermeidet. Zugleich evoziert dieser Ansatz die Frage, inwieweit ihre subjektiven Beobachtungen empirisch haltbar sind und zur Basis einer generalisierenden politischen These erhoben werden sollten.

Hensel entfaltet ihre zentralen Argumente anhand eines historischen Erzählstrangs, der vom frühen linken Protest (die Jahre 1990 bis 2005) bis zur gegenwärtigen Rechtsverschiebung, von politischer Erschöpfung und Ohnmacht bis zur vermeintlichen demokratischen Entfremdung im Osten reicht. Semantisch markiert sie nicht nur die AfD als Indikator, sondern als Symptom einer tieferliegenden Legitimationskrise der Demokratie: „Hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche.“ (S. 253) In diesem Zugriff liegt eine theoretisch anschlussfähige These: Demokratie ist nicht nur eine Regierungs- und Verfassungsform, sondern ein normativer gesellschaftlicher Konsens. Gerade diesem scheint aber, so formuliert es Hensel, in der in Teilen weit rechtsstehenden ostdeutschen Gesellschaft „der Boden unter den Füßen abhandengekommen“ zu sein (S. 99).

Ein zentrales Manko des Werkes liegt darin, dass eine normativ aufgeladene Diagnose nicht immer klar von analytischer Beschreibung getrennt wird. Wo Hensel die demokratische Verfasstheit als bereits verloren, als „Ende eines Traums“ (S. 9) deklariert, fehlt die abwägende Auseinandersetzung mit der Frage, ob die von ihr gesetzte implizite Kausalität zwischen ostdeutscher Erfahrung und Demokratiedämmerung als Erklärungsansatz ausreichend ist oder ob das Wahlverhalten nicht auch ein Ausdruck von Protest oder von ideologischer Polarisierung sein kann. Hensel deutet das Wahlverhalten der Ostdeutschen primär als kulturelle Unterscheidung, die einer Distanzierung vom Westen Ausdruck verleiht. Dafür fokussiert sie sehr stark politische Haltungen und reißt strukturelle Faktoren wie ökonomische Ungleichheiten, demografische Veränderungen und mediale Segmentierungen nur an.