Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft
Marcus Hawel und Stefan Kalmring haben gemeinsam mit 16 Autor*innen einen Reader vorgelegt, um zu „ergründen, welchen Beitrag eine linke politische Bildung für die verschiedenen Krisenfelder der Gesellschaft leisten kann und was dafür getan werden sollte, damit dies gut gelingt.“ (S. 8)
Der Band wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert. Er enthält vier Teile, zu Beginn zwei grundsätzliche Texte von Marcus Hawel und Holger Oppenhäuser. Der zweite Teil diskutiert Teilaspekte, unter anderem Klassismus, LSBTQIA*, Klima, historisch-politische Bildung („Erziehung nach Auschwitz“) und Antisemitismus. In einem zum dritten Teil überleitenden Text betont Friedrich Burschel die enge Verknüpfung von linker Politik und aktivistischer Bildung. (S. 205) Im dritten Teil analysiert Stefan Kalmring die Grundlagen aktivistischer Bildung. Es folgen drei Beiträge mit konkreten Projekten, im Zeichen von „Gegenkultur als Kettenbrecher*in“ (Ahmed Shah, S. 265 ff.). Der Band schließt mit zwei Erfahrungsaustauschen über die Bildungspraxis.
Den Rahmen bildet die „multiple Dauerkrise, mit der wir uns heute konfrontiert sehen und die das gesellschaftliche Miteinander auf eine harte Probe stellt“, jedoch auch als „Chance“ gesehen werden sollte. Grundlagen sind Solidarität, Humanismus und ökologische Nachhaltigkeit. (S. 7) In diesem Sinne dient der Band der Verständigung unter denen, die politische Bildung betreiben und sich selbst in der Regel eher auf der linken Seite des politischen Spektrums sehen, ist aber anschlussfähig auch für Akteure, die sich nicht dort einordnen. Als Gewährsleute werden mehrfach Karl Marx (als Analytiker, nicht als Handlungsanweisung), Oskar Negt, Theodor W. Adorno oder Walter Benjamin zitiert.
Klimaleugner*innen und Extremist*innen lassen sich kaum erreichen. Politische Bildung darf sich dennoch nicht auf deren Polarisierung einlassen, sondern sollte – so Julian Niederhauser am Beispiel des „Klimaskeptizismus“ – die „diversen Ausprägungen“ erkennen, um „eine Mittlerposition zwischen moderaten Skeptiker:innen und der Klimagerechtigkeitsbewegung einzunehmen.“ (S. 126)