Außerschulische Bildung 2/2026

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert

Der Münchner Osteuropahistoriker referiert faktenreich und bestens belegt die Sichtweisen deutscher Politik in den vergangenen 150 Jahren auf die Ukraine. Fatal ist die Fixierung auf Russland. Die Ukraine hingegen spielte immer nur dann eine Rolle, wenn sich ukrainische Politiker*innen und Intellektuelle für deutsche Zwecke vereinnahmen ließen.

Martin Schulze Wessel verfolgt die Geschichte der deutschen Ignoranz gegenüber der Ukraine in sechs chronologisch angeordneten Kapiteln. Er beginnt mit dem Zarenreich, fährt fort mit der Zwischenkriegszeit, dem Zweiten Weltkrieg, den Jahren des Kalten Krieges, der Zeit nach 1989 und schließlich der Zeit nach 2013. Im Schlusskapitel verweist er auf die „selektive Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen“ (S. 233), die nur Russland als Opfer der Nazis gesehen habe: „Die Ukraine wurde in beiden deutschen Staaten ideologisiert“ (S. 234), aus unterschiedlichen Gründen, mit unterschiedlichen Botschaften, aber mit demselben Ergebnis. Mehrere Karten illustrieren die Diagnosen der einzelnen Kapitel.

Martin Schulze Wessel dokumentiert die Hilflosigkeit ukrainischer Intellektueller, die in ihrer Not sich mehrfach die falschen Bündnispartner suchten, beispielsweise Doncov oder Bandera, deren Fehlgriffe heute noch von der russischen Propaganda genutzt werden, um alle Politiker*innen der Ukraine pauschal als Nazis zu brandmarken. Zur Geschichte der Ukraine gehört auch die Tatsache, dass im Zweiten Weltkrieg 1,5 von 2,7 Millionen ukrainischen Juden von Wehrmacht und Einsatzgruppen ermordet wurden und dass es in der Ukraine antisemitische Pogrome gab, beispielsweise in der kurzen Zeit der ukrainischen Staatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg. Stalin und Hitler setzten gleichermaßen auf Hunger als Waffe, um die ukrainische Bevölkerung zu dezimieren und zu beherrschen.

Ein Trauma, das nicht nur in der Ukraine von Bedeutung ist, ist der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, nach dem Hitler am 1. September sowie Stalin am 17. September Polen überfielen. Die heutigen Grenzen zwischen den EU und NATO angehörigen Staaten und der Russischen Föderation, der Ukraine und Belarus entsprechen mit Ausnahme der baltischen Staaten nach wie vor den Grenzen der sogenannten Molotow-Ribbentrop-Linie. Die deutsche Wehrmacht wütete vor allem in der Ukraine und in Belarus, dort lagen die „Bloodlands“, die Timothy Snyder beschrieb.