Der Bund. Gemeinschaft für sozialistisches Leben – Kulturrevolution und Politik in einem Langzeitexperiment
Der Titel dieser Studie bringt mit wenigen Worten ein politisches Gemeinschaftsprojekt auf den Punkt, das in dem langen Zeitraum von den 1920er bis 1980er Jahren in Deutschland bestand und exemplarisch eine Miniatur deutscher Kultur- und Politikgeschichte repräsentiert. Diese Gemeinschaft – sie bestand aus maximal 200 Mitgliedern –, die sich „Der Bund“ – Gemeinschaft für sozialistisches Leben nannte, regional in Essen und im Ruhrgebiet angesiedelt war, steht für ein Lebensgefühl und eine Haltung, die sich an vielen Stellen in den 1920er und 1930er Jahren wiederfand. Es handelt sich um ein (bildungs-)politisches Experiment im Kontext der Arbeiter- und Jugendbewegung. Reichling spricht von einem „selbstgewählten Soziotop“ (S. 309).
Die Wiederentdeckung dieser sozialistischen Gemeinschaft begann in den 1980er Jahren und findet mit der Studie von Reichling ein vorläufiges Ende. Die Recherchen dazu fingen im Frühjahr 1988 an, als sich der Autor mit ehemaligen Mitgliedern in einem Altersheim traf.
Diese Gemeinschaft ist nur schwer einzuordnen. Sie ist, so Reichling, weder eine Bildungseinrichtung noch eine proletarische Kulturorganisation, kein klassischer Arbeiterverein und auch kein sozialutopisches Experiment – „aber von alldem etwas“ (S. 15). Der Autor beschreibt diese Gruppe als einen politisch-pädagogischen Langzeitversuch und als eine „Ausnahmeerscheinung“ (S. 16).
Die Analyse ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit dem vielschichtigen Gründungszeitraum 1923–1924 als „Freier proletarischer Bund für Erziehung“, der sich ideologisch zwischen Volkshochschulbewegung, Jugend-, Arbeiter- und Lebensreformbewegung bewegt. Es folgen die Biografien der beiden zentralen Gründungspersonen, den Pädagog*innen Artur (1880–1968) und Dore (1894–1979) Jacobs. Der Bildungsaspekt hat von Beginn an eine große Bedeutung und konzentrierte sich auch auf die Körperbildung mit einer eigenen Bewegungslehre. Dazu wird 1927 eine „Bundesschule für Körperbildung und rhythmische Erziehung“ mit einem eigenen Schulgebäude, dem „Blockhaus“, gegründet. Ein weiteres umfangreiches Kapitel ist der Erwachsenenbildung mit der proletarisch-sozialistischen Gruppe in der VHS Essen gewidmet. Mit dem Begriff und der Struktur des „Bundes“ sowie mit dem sozialistischen Selbstverständnis befasst sich ein Kapitel und dokumentiert das gesellschaftskritische und lebensreformerische Potenzial der Gemeinschaft. Die Auseinandersetzung mit einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse und der Gleichstellung von Mann und Frau waren weitere wichtige Themen für die Gruppe und machte sie insbesondere für Frauen interessant. Zwei Kapitel dokumentieren die Nazi-Zeit 1933–1945, in der vom Bund einerseits ein offener Widerstand vermieden wurde, und andererseits neue illegale Strukturen aufgebaut wurden, die auch dem Schutz der jüdischen Mitglieder dienten. Erstaunlich ist die Feststellung, dass alle in Deutschland gebliebenen Bund-Mitglieder die Nazi-Zeit mehr oder weniger ohne Gefährdung des Lebens überlebt haben, trotz Polizeibewachung, Denunziation, Berufsverbote, Gestapo-Verhöre und Verhaftungen. Die Gemeinschaft verstand es geschickt, durch Tarnung und Täuschung, ihre Strukturen zu verbergen und gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Dieser „konspirativer Zusammenhalt“ (S. 215) rettete die Gemeinschaft und führte zu einer besonderen Form des zivilen Widerstands im Nationalsozialismus. Nach 1945 wurden die ehemaligen Gewissheiten auf den Prüfstand gestellt und man suchte nach neuen Konzepten und Orientierungen. Es bestand eine große Unsicherheit, wie der Bund in der neuen Zeit fortgeführt werden sollte. Sehr schnell wurde die außerschulische Bildungsarbeit wieder zu einem Schwerpunkt. Der bereits in der Vorkriegszeit gegründete „Volkshochschulkreis Bund“ wurde ab den 1950er Jahren öffentlich gefördert und die „Bundesschule“ entwickelte sich zu einer staatlich anerkannten Berufsfachschule. Seit 2000 trägt die Schule den Namen „Dore-Jacobs-Berufskolleg“ zur Ausbildung von Gymnastiklehrer*innen und hat den Status einer „Höheren Berufsfachschule und Berufliches Gymnasium“.