Außerschulische Bildung 4/2025

Steffen Mau: Ungleich vereint

Warum der Osten anders bleibt

Es begann im Rostocker Neubauviertel Lütten Klein, dessen Entwicklung Steffen Mau 30 Jahre nach dem Mauerfall beschrieb (Berlin 2009, Suhrkamp). In „Sortiermaschinen“ befasste er sich mit dem zweiten hoch kontroversen Thema unserer Zeit, der „Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert“ (München 2021, C.H. Beck). Ost-West-Gegensätze, Migration, die diversen identitätspolitischen Themen (Stichworte: Gender, LSBTIQ*) werden mit extremen Gefühlen verbunden, bis hin zum Ressentiment. In „Triggerpunkte“ (Berlin 2023, Suhrkamp) stellte Mau jedoch gemeinsam mit Thomas Lux und Linus Westheuser fest, dass die Gegensätze in der Bevölkerung kleiner sind als vermutet, andererseits aber auch, wie wichtig es wäre, wenn Menschen mit gegensätzlichen Ansichten über diese Gegensätze offen diskutieren könnten.

Die Methode der „Triggerpunkte“ ist ein zentraler Aspekt in „Ungleich vereint“. Steffen Mau erinnert an die Aufbruchsstimmung der Jahre 1989 und 1990, in der über die Runden Tische zunächst eine andere DDR, dann auch ein anderes Deutschland als möglich erschien, das demokratischer, liberaler und nicht zuletzt auch wirtschaftlich erfolgreicher hätte werden können. Steffen Mau schlägt vor, die deliberative Demokratie dieser Runden Tische wiederzubeleben und die „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ zu ermöglichen, die viele Menschen im Osten nicht hätten machen können (S. 103). Die Runden Tische würden im Osten „mit positiven Erinnerungen an politische Selbstwirksamkeit verbunden“ (S. 145). Aus dieser Tradition ließen sich Bürgerräte begründen, mit der Perspektive der Kombination deliberativer, repräsentativer und direktdemokratischer Formen der Demokratie.

Inzwischen hat sich in Ostdeutschland ein „Gefühl der Nichteinbezogenheit in die Politik“ verbreitet, gepaart mit „Veränderungsmüdigkeit“ (S. 102). Das Ergebnis sind Ohnmachtsgefühle, die auch durch den präsidentiellen Politikstil der Ministerpräsidenten der 1990er Jahre bewirkt wurden (S. 50). Es entwickelte sich ein gefährlicher Gefühlscocktail. Schon Uwe Johnson habe „von der ‚Einbildung der eigenen Minderwertigkeit‘ geschrieben“ (S. 70). In der DDR gab es immerhin ein Ventil, das verbreitete „Eingaben- und Beschwerdebriefwesen“ (S. 48).

Fragt man nach der Wertschätzung von Demokratie – wie das die Bielefelder Mitte-Studie und die Leipziger Autoritarismus-Studie regelmäßig tun – ergibt sich, dass nicht alle unter „Demokratie“ dasselbe verstehen. „Während die Bejahung der Demokratie als Idee im Osten recht stark ist (über 90 Prozent), rauschen die Werte in den Keller, wenn man fragt, ob die Demokratie in der Bundesrepublik gegenwärtig gut funktioniert (nur noch knapp über 40 Prozent Zustimmung). Viele haben ein ganz eigenes Politikverständnis ausgebildet, bei dem Vorstellungen des ursprünglichen und direkten ‚Volkswillens‘ im Zentrum stehen.“ (S. 93) „Hier sollte man allerdings hinzufügen, dass die von vielen artikulierte Forderung, man wolle ‚gehört werden‘, vielfach eher auf ein Sich-unmittelbar-durchsetzen-Wollen hinausläuft und weniger auf die zeitraubende und oft zähe aktive Mitarbeit in politischen Prozessen.“ (S. 102)