Außerschulische Bildung 4/2025

Thomas Gill/Heinz Stapf-Finé/Annette Wallentin (Hrsg.): Handbuch aufsuchende politische Bildung

Aufsuchende politische Bildung hat in den vergangenen Jahren eine Konjunktur erfahren. Dabei sind Ansätze aufsuchender politischer Bildung nicht neu, sondern lassen sich – wenn auch in anderer Form – bereits ab den 1950er Jahren in der Bundesrepublik wiederfinden. Das Handbuch, herausgegeben von Thomas Gill, Heinz Stapf-Finé und Annette Wallentin, befasst sich mit ihrer jüngeren Geschichte. Entlang von vier Teilen und 16 Beiträgen schlagen die Autor*innen die Brücke zwischen theoretischen Grundlagen und aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen. Bereits am Anfang des Buchs verweist Helmut Bremer auf die Schwierigkeit, dass „aufsuchende Bildungsarbeit kein geschlossenes System“ darstelle, das sich aus einer bestimmten Theorie ableiten lasse (S. 31). Auch sei eine systematische wissenschaftliche Erforschung des Feldes bisher kaum erfolgt. Dies zeugt von der Herausforderung, der sich die Autor*innen gegenübersehen und veranschaulicht die Bedeutung einer wissenschaftlichen wie praxisorientierten Auseinandersetzung. Mit dem Handbuch wird ein erster Versuch unternommen, diese Leerstelle zu besetzen. In der für die Rezension gebotenen Kürze möchte ich mich im Folgenden auf wenige Teilaspekte konzentrieren, die ich exemplarisch an den Beiträgen von Lena Steenbuck (S. 103–113) und Nele Rathke/Heinz Stapf-Finé (S. 114–124) veranschauliche.

Politische Bildung, insbesondere die der aufsuchenden politischen Bildung, steht unter dem Vorzeichen, Menschen am gesellschaftlichen und politischen Leben teilhaben zu lassen. Dieses Ziel verfolgte auch das Modellprojekt „Gleiche politische Teilhabe“ der Berliner Landeszentrale für politische Bildung (2020–2024), das Lena Steenbuck den Leser*innen zu Beginn des zweiten Teils vorstellt. Was aber bedeutet politische Teilhabe im Kontext einer aufsuchenden Bildungspraxis? Meint sie die aktive Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Projekten oder geht Teilhabe, der Logik staatlicher Fördergeber folgend, mit der Erhöhung von Wahlbeteiligung und formaler Beteiligungsverfahren einher? Mit diesen Fragen sahen sich auch die politischen Bildner*innen im Modellprojekt konfrontiert. Nele Rathke und Heinz Stapf-Finé stellen in ihrem Beitrag die Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojekts vor. Für die im Modellprojekt durchgeführten Angebote verweisen die Autor*innen auf mehrere Faktoren von Teilhabe. Demnach werde Teilhabe bereits dann erreicht, wenn Teilnehmende Informationen zu Initiativen einholen oder sie über die Ressourcen verfügen würden, „um sich (potenziell) am politischen Leben zu beteiligen“ (S. 120).

Unabhängig von der „Beschaffenheit“ gesellschaftlicher Teilhabe, müssen Bildner*innen den Zugang zu den Menschen vor Ort herstellen. Was banal klingt, ist in der Praxis nicht einfach umzusetzen. In dem Modellprojekt habe man einen sozialräumlichen Ansatz verfolgt. Der Zugang zu den Menschen sei durch Träger der Gemeinwesenarbeit hergestellt worden, die als ortsansässige Kooperationspartner*innen zugleich mit der Umsetzung der Angebote betraut gewesen seien. Den Kooperationspartner*innen, die bereits in den Sozialräumen etabliert sind, wird – über das Kapitel hinausgehend – eine hohe Relevanz zugeschrieben. Nele Rathke und Heinz Stapf-Finé betonen, dass die Gemeinwesenarbeit für die aufsuchende politische Bildung eine Art Sprungbrett sei, durch die an bestehenden Beziehungen und Formate angeknüpft werden könne. Dabei komme Mitarbeiter*innen aus dem Feld der Sozialen Arbeit die Funktion der Brückenmenschen zu, auf die man im aufsuchenden Bereich angewiesen sei.

Für die Angebote im Rahmen des Modellprojekts stellt sich jedoch die Frage, wo die Grenze zwischen politischen Bildner*innen und Personen aus der Gemeinwesenarbeit verläuft, die Projekte aufsuchender politischer Bildung umsetzen. Diese Frage stellt sich umso mehr, wenn Kompetenzen für politische Bildner*innen erarbeitet werden, die z. B. „die Interaktion mit (potenziellen) Teilnehmenden“ in den Blick nehmen (S. 123). Zwar scheint man sich der Problematik bewusst, hebt man die Übertragung von Aufgaben der politischen Bildung an Träger der Gemeinwesenarbeit hervor. Unter dem Hintergrund einer fehlenden eigenständigen Profession politischer Bildung scheint es jedoch fraglich, wenn erklärt wird, dass die Personen i. d. R. keine Ausbildung als politische Bildner*innen erfahren haben. Die Abgrenzung ist somit im Sinne der unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachdisziplinen zu lesen. Für die Leser*innen bleibt hierdurch an der einen oder anderen Stelle offen, wer als politische Bildner*innen adressiert wird und wer nicht. Für die Teile zwei und drei wäre darüber hinaus ein Erfahrungsbericht wünschenswert gewesen, der über einen institutionalisierten Blick auf die Praxis aufsuchender politischer Bildung hinausgeht und indem Akteur*innen aus der Praxis direkt zu Wort kommen. Nichtsdestotrotz ist das Handbuch äußerst lesenswert und bietet einen umfassenden Einblick in Herausforderungen und Gelingensbedingungen aufsuchender politischer Bildung.