Außerschulische Bildung 3/2026

Tim Schanetzky: Politik der politischen Bildung

Das Ringen um die Demokratisierung der Deutschen seit 1945

Kürzlich wurde die Leitung der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb neu besetzt, mit einer Doppelspitze aus der Politik. Das erinnert an die 1970er Jahre, als ein Triumvirat aus Vertretern der CDU, der SPD und der FDP, die offenbar aufeinander aufpassen sollten, die Zentrale führte. Dass eine etwas politikferne, fachlich ausgewiesene Aufstellung der Leitung vielleicht der Sache angemessener wäre, ebenso wie eine Herauslösung der Einrichtung aus dem Innenministerium, in dem die Zentrale seit Anfang der 1950er Jahre tätig ist, scheint in der Bundespolitik immer noch nicht angekommen sein. Das hat vielleicht auch mit einer seit langem präsenten und folgenschweren Verwechslung zu tun: dass man politische Bildung nicht hinreichend von Politik unterscheidet, vielmehr das eine für ein Vorfeld des anderen hält oder die politische Bildung als ein Ersatzkampffeld versteht.

Tim Schanetzky, Historiker in Essen und Jena, hat sich der Mühe unterworfen, für diese hier anzuzeigende Geschichte der bpb zahlreiche Archive aufzusuchen, Nachlässe und Personalakten auszuwerten, was natürlich ein Gewinn ist. Der zunächst schmal anmutende Band enthält mehr an Informationen als man erwartet. Das liegt auch am Stil des Autors. Das Buch besitzt einen gut lesbaren erzählenden Duktus, in dem hier und da kleine Nebenschauplätze eröffnet werden, die man mit Gewinn liest. Ein Personenindex verbessert den Gebrauchswert insgesamt.

Für diese Studie hat der Autor die zeitgeschichtliche und politikwissenschaftliche Perspektive gewählt. Das ist eine angemessene Herangehensweise, der Titel des Bandes bringt es schon zum Ausdruck, denn die bpb war immer auch ein Ort von Konflikten, politischen Eingriffen, falschen öffentlichen Erwartungen und manchmal willkürlichen Entscheidungen, die an fachlichen Fragen vorbeigingen. Der Autor braucht aber offenbar weder einen normativen noch einen pädagogischen Begriff von politischer Bildung. Ob diese Lücke seinem Zugriff nützlich ist, kann man kritisieren. Er beklagt jedenfalls eine fehlende empirische Forschung zur Wirksamkeit politischer Bildung. Die gibt es, jedoch nur mit vielen Einwänden und Einschränkungen, welche mit speziellen Fachverständnissen zu tun haben. Wo dem Messbarkeitswahn Grenzen gesetzt werden sollten, helfen nur aufwändige qualitative Herangehensweisen, z. B. die Biografieforschung.

Nach einer Einleitung, in der die politischen Interessen an einer politischen Bildung und ihren Wirkungen kurz umrissen werden, gibt es ein Kapitel zu den Anfängen nach 1945, in der an die Vorgeschichte der bpb als Reichszentrale für Heimatdienst und an die Hochschule für Politik in der Weimarer Zeit und ihre Nachfolgeeinrichtungen, eine Reihe von Initiativen aus dem Exil wie etwa GER und Wilton Park, die frühe Gründung von konfessionellen Akademien erinnert, aber auch an als ambivalent einzustufende konservative (angebräunt nennt Schanetzky das in Teilen), dennoch vorher auch widerständige Milieus angeknüpft wird. Im Weiteren geht’s chronologisch voran.