Außerschulische Bildung 3/2026

Viola Dombrowski: Volk oder Feind?

Ausgrenzung und Aneignung im Online-Diskurs der AfD

Es mehren sich Hinweise, nicht zuletzt angesichts der jüngsten Kommunalwahlergebnisse im Ruhrgebiet, dass die AfD auch bei denjenigen attraktiv wird, die sie bekämpft. Die AfD wird inzwischen auch von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund gewählt, ihre Vorsitzende ist lesbisch und lebt mit einer Frau aus Sri Lanka zusammen. Viola Dombrowski befasst sich in ihrer Dissertation mit solchen scheinbaren Widersprüchen, die sie „Ambivalente Antagonismen“ (S. 9 ff.) nennt. Konkret geht es um drei Gruppierungen innerhalb der AfD, die „Neudeutsche Alternative“, „Alternative Homosexuelle“ und „Juden in der AfD“.

Das Buch enthält sechs Kapitel, zwei Theorie-Kapitel („Ambivalente Antagonismen?“ und „Zur Konstruktion von kollektiver Identität und Fremdheit“), ein Methodenkapitel sowie drei Kapitel zu den Ergebnissen („Rechte Krisennarrative“, „Rechte Selbstver(un)sicherungsprozesse“, „Zwischen dem Fremden und dem Eigenen“). Neben dem Literaturverzeichnis bietet es ein umfangreiches Materialverzeichnis von fast 60 Seiten mit den Posts aus Twitter beziehungsweise X, die Viola Dombrowski aus einem Konvolut von ursprünglich über einer halben Million Tweets ausgewählt und ausgewertet hat. Methodisch folgt die Autorin der Wissenssoziologischen Diskursanalyse. Sie untersucht, welche Geschichte die Posts erzählen, eine ihrer Kernfragen lautet: „Welche Ein- und Ausschlüsse formuliert sie (…) und wie baut sie auf diesen Konstrukten von Zugehörigkeit (Einheit, ‚Wir‘) und Fremdheit (Differenz, ‚die Anderen‘) ein konsistentes Narrativ von Gesellschaft, Volk, Nation und Kultur auf?“ (S. 22)

Viola Dombrowski kommt zu folgendem Ergebnis: „So sichern die Ambivalenzen die Antagonismen wie ein Überdruckventil ab und treiben gerade dadurch die unauflösbare, diskursive Dialektik zwischen ‚dem Fremden‘ und ‚dem Eigenen‘ weiter voran.“ (S. 203) Die Partei setzt diese „Ambivalenzen“ strategisch geschickt ein. Die Feindbilder bleiben, die eigentlich „Fremden“ in der eigenen Partei erhalten eine „Expert*innenposition“, die die Grundthese der Partei bestätigt (S. 200). Migrant*innen, Homosexuelle und Queers, Jüdinnen und Juden in der Partei sind jedoch letztlich nur Zugehörige zweiter Ordnung, sie werden als „Ausnahme“ markiert (S. 204).

Es helfe wenig, der Partei Rassismus vorzuwerfen. Die Partei weist jederzeit Antisemitismus, Rassismus und Homophobie von sich. Sie pflegt und propagiert stattdessen ein „Selbstverständnis als Partei der ‚echten‘ Vielfalt“ (S. 180). Sie wende sich nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen aus ihrer Sicht Übertreibungen, beispielsweise gegen „Frühsexualisierung“ (S. 101). Hinzu kommt die „diskursive Verbindung von Homosexualität und Pädophilie“ (S. 99). Homosexualität widerspreche dem Idealbild von Ehe und Familie, das von linker Seite und inzwischen auch von scheinbar konservativen Parteien zerstört werde. In diesem Sinne „positioniert sich die AfD als tolerante Partei und Verteidigerin von Gleichheit“ (S. 111). Die eigentliche Bedrohung gegen Homosexuelle gehe von „Muslimen“ aus (S. 106).