Mit Anita Haviv-Horiner im Gespräch
Anita Haviv-Horiner: Nach dem 7. Oktober, nach diesem furchtbaren Massaker, das das größte Verbrechen an Juden seit dem Holocaust darstellt, bin ich in ein sehr tiefes Loch gefallen. Wie viele andere Israelis auch, habe ich danach gesucht, wo ich irgendwo einen Lichtblick finden kann. Es bringt ja nichts, wenn man nur in dieser depressiven Stimmung verharrt. Das Leben muss weitergehen.
In dieser Zeit habe ich sehr viele Interviews gehört im Fernsehen und im Radio, aber eben auch in meinem Bekanntenkreis gesehen, wie viele Menschen sich plötzlich engagiert oder ihr existierendes Engagement verstärkt haben. Ich habe gesehen, welche Solidarität plötzlich entstanden ist, wie sehr Menschen bereit waren, ihre Komfortzone zu verlassen. Und ich dachte, das muss festgehalten werden, auch um eine breit gefächerte Sicht auf Israel zu ermöglichen, das ja sonst immer nur durch den Konflikt wahrgenommen wird.
Erstens einmal die Kreativität der Menschen, also ihre Ideen. Zum Beispiel hat eine Interviewgebende beschlossen, dass man Betroffenen beibringen muss, wie sie einen Podcast produzieren. Dadurch lernen sie nicht nur, ihre Geschichte zu erzählen, sondern auch das Technische, weil das ihrer Meinung nach einen Heilprozess startet. Sie hat daraufhin die NGO „Personal Journey“ gegründet, die in diesem Bereich arbeitet. Eine Therapeutin, die Akupunktur macht, hat mir erzählt, dass sie sich einer Gruppe angeschlossen hat, die völlig spontan entstanden ist. Ein Hochzeitssaal hat seine Prämissen zur Verfügung gestellt, sodass hunderte alternative Therapeuten und Psychologen in diesem Hochzeitssaal ihre Dienste für Überlebende des Nova Festivals gratis anbieten konnten. Die Therapeuten standen 24/7 Stunden zur Verfügung. Die Materialien wurden gratis geliefert. Diese Kreativität, aber auch diese Bereitschaft, alles quasi auf Pause zu stellen und sich nur dieser Hilfe zu widmen, haben mich überrascht.