Außerschulische Bildung 2/2026

Streitkultur im digitalen Raum

Herausforderungen und Potenziale für politische Bildung

Digitale Räume sind zentrale Orte gesellschaftlicher Debatten, zugleich verändern Plattformlogiken, Emotionalisierung und Desinformation die Bedingungen öffentlicher Auseinandersetzungen. Für die politische Bildung ergibt sich daraus die Aufgabe, digitale Kommunikationsdynamiken stärker in den Blick zu nehmen und Kompetenzen für einen konstruktiven Umgang mit Kontroversen zu fördern. Dadurch entstehen neue Herausforderungen für eine konstruktive demokratische Streitkultur. Der Beitrag diskutiert, welche Rolle politische Bildung dabei spielt und stellt das Bildungsprojekt #vrschwrng als Praxisbeispiel vor. von Nicole Rieber, Tessa Schindler und Karin Göldner-Ebenthal

Gesellschaftliche Debatten finden heutzutage vermehrt auch im digitalen Raum statt. Dieser kann demokratische Beteiligung durchaus fördern, andererseits können Soziale Medien Diskursfragmentierung und Polarisierung verstärken (vgl. Mahrt 2024). Eine Verhärtung und Eskalation der Diskussion lässt sich in den Kommentarspalten bei unterschiedlichsten Themenkomplexen beobachten. Beiträge verlassen den Boden der Sachlichkeit, stark emotionalisierende Inhalte erhalten vermehrt Reaktionen, ob Zuspruch oder Gegenwind. Die Vielzahl an Interaktionen wiederum erhöht die Sichtbarkeit, verstärkt durch Algorithmen und Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) (vgl. Raza/Aslam 2024). Bestehende Meinungen können so verstärkt werden, alternative Perspektiven hingegen erhalten weniger Sichtbarkeit. Dies erschwert eine konstruktive Auseinandersetzung. Gleichzeitig werden Falschinformationen bis hin zur gezielten Desinformation, Hate Speech und Propaganda in den Diskurs eingebracht, erhalten eine große Reichweite und sind nur schwer zu korrigieren (vgl. King/Phillips/Carley 2025). Dies kann bestehende Konfliktlinien verstärken und ebenso eine konstruktive Auseinandersetzung erschweren oder sogar unmöglich machen. Damit bedrohen diese Phänomene unsere (digitale) Streitkultur, das Vertrauen in Institutionen und Demokratie und letztendlich unser friedliches Zusammenleben (vgl. Rieber 2023). Eine konstruktive Streitkultur, die das demokratische Grundverständnis fördert und nicht beeinträchtigt, begreift Konfliktfähigkeit zunächst als erlernbare Schlüsselkompetenz und Streit als Normallfall konkurrierender Interessen und Positionen. Die Austragung von Streit dagegen muss klare Regel befolgen: ohne Gewalt, mit Respekt gegenüber dem anderen und Anerkennung von Legitimität der anderen Positionen. Konstruktiv wird Streit, wenn durch Dialog und Perspektivwechsel Verständnis entstehen kann und Ambiguitäten besser ausgehalten werden können (vgl. Jäger 2023; Sarcinelli 1990).

Die gegenwärtig zu oft unkonstruktive (digitale) Streitkultur lässt Herausforderungen für die politische Bildung entstehen, da sie Alltagserfahrungen im digitalen Raum, gesellschaftliche Debatten und Konflikte sowie Bildungsprozesse verbindet. Genauer stellt sich die Frage, wie Bildungsprojekte eine digitale konstruktive Streitkultur fördern können, wie die Funktionsweise der digitalen Medien sowie psychologische Mechanismen, die digitale Räume begünstigen, entsprechend adressiert werden müssen. Der Beitrag erkundet diese Leitfragen praxisnah und stellt im späteren Verlauf das Projekt #vrschwrng vor, das eine konstruktive Auseinandersetzung mit Verschwörungserzählungen und Desinformation fördert und so zu einer digitalen Streitkultur beiträgt. Die in diesem Beitrag genutzten Grafiken sind im Projekt #vrschwrng der Berghof Foundation entstanden (© Berghof Foundation/Projekt #vrschwrng).

Digitale Räume als neue Arenen des Streits