Eine kritische Bilanz des Einigungsprozesses nach 35 Jahren
35 Jahre nach der deutschen Einheit sind noch immer Unterschiede zwischen Ost und West erkennbar. Ursachen liegen in der Geschichte des geteilten Landes, aber auch in Entscheidungen der Transformationsphase. Dennoch ist die zunehmende Verflechtung von Ost und West unverkennbar. Daneben existieren aber Unmut und Gefühle der Benachteiligung. Diese müssen ernstgenommen werden. Es muss auf die Leistungen Ostdeutschlands verwiesen werden, die für die Demokratiegeschichte von herausragender Bedeutung sind. Dies bietet die Chance, Demokratiefeinden wirksam entgegenzutreten. Nicht Angleichung um jeden Preis, sondern demokratische Partizipation, Akzeptanz und Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Wegen des vereinten Deutschlands bieten dafür die Basis. von Detlev Brunner
Am 31. August 2025 meldete die Tagesschau, die „Lohnlücke“ zwischen Ost- und Westdeutschland sei weiterhin groß. 35 Jahre nach der deutschen Vereinigung liege der durchschnittliche Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Ostdeutschland mehr als 13.000 Euro oder knapp 21 % unter dem im Westen (Tagesschau, 31.08.2025). Laut dem Sozialbericht für 2024 besitzen ostdeutsche Haushalte im Durchschnitt nur 150.900 Euro im Vergleich zu 359.800 Euro im Westen. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Vermögenslücke kaum geschlossen (Destatis/WZB/BiB 2024, S. 222).
Nach mehr als 30 Jahren Einheit sind auch die Spitzenpositionen zwischen Ost- und Westdeutschen noch immer ungleich verteilt. Der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen ist in den vergangenen Jahren zwar leicht gestiegen, von 10,9 % (2018) auf 12,1 % (2024), dennoch bleiben sie unterrepräsentiert. Der gesamtgesellschaftliche Anteil Ostdeutscher liegt bei 20 % der Bevölkerung. Lediglich in der Politik erreichen Ostdeutsche eine diesem Bevölkerungsanteil entsprechende Repräsentanz (2018: 19,9 %, 2024: 21,4 %) (Elitenmonitor 2024).