Außerschulische Bildung 4/2025

Verborgene Geschichten der Einheit

Die (Wieder)Vereinigung aus Schwarzer postmigrantischer Perspektive

Der Essay beleuchtet die deutsche Einheit aus der Perspektive Schwarzer Menschen, Communities of Color und Migrant*innen aus Ostdeutschland. Er zeigt, wie Isolation, struktureller Rassismus und rechte Gewalt das Leben vieler prägten, und wie diese Erfahrungen in offiziellen Erzählungen bis heute ausgeblendet bleiben. Zugleich macht der Beitrag deutlich, dass Migrant*innen nicht nur Objekte politischer Prozesse waren, sondern sich durch Proteste und Erinnerungsarbeit aktiv gegen Ungleichbehandlung und Unsichtbarmachen einsetzten. Der Beitrag lädt ein, kritisch auf Erinnerungskultur zu blicken und plädiert dafür, Ausschlüsse und Brüche ebenso einzubeziehen wie Widerstände und nicht-weiße Perspektiven. von Laura Schrader

Als ich am 1. September 1990 eingeschult wurde, trug ich eine rote Micky Maus-Schulmappe mit leuchtenden Reflektoren und in meinen Armen eine große Schultüte auf dem der Kobold Plumps aus dem Sandmännchen abgebildet war. Die Schultüte war randvoll mit Süßigkeiten und vielen kleinen Geschenken. Ich erinnere mich noch, dass ich überglücklich darüber war. Es war ein warmer Spätsommertag, den ich erst mit meiner Familie in der Grundschule verbrachte und der später mit einem Ausflug in den Zoo endete. Alles war neu und aufregend für mich: Ich lernte meine neuen Mitschüler*innen, meine Lehrerin und auch den Ort kennen, den ich die nächsten vier Jahre besuchen sollte. Heute, mit viel Abstand, muss ich schmunzeln über die Figuren auf meinem Ranzen und meiner Schultüte. Ob das damals aufgefallen ist? Auf der einen Seite Micky Maus – Ikone der westlich-kapitalistischen Unterhaltungsindustrie. Auf der anderen Seite Plumps – fester Bestandteil des abendlichen Einschlafrituals im antifaschistischen Arbeiter- und Bauernstaat.

Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass der Anfang meiner neuen Lebensphase mit einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchphase zusammenfiel. Der Fall der Mauer war zu diesem Zeitpunkt ein paar Monate her und die Feierlichkeiten zum „Tag der deutschen Einheit“ gerade in Vorbereitung. Genau dazwischen wurde ich eingeschult und freute mich auf mein neues Leben als Schulkind – während einige um mich herum bereits die Schattenseiten des Umbruchs spürten. Im Prozess des Übergangs wurde schon früh deutlich, wer einbezogen werden sollte und wer nicht mehr Teil der neuen Gesellschaftsform sein sollte. Und noch etwas Anderes fällt auf: Das erste Klassenfoto wurde von uns aufgenommen. Dieses Mal stachen nicht die bunten Mappen und Schultüten hervor. Nein, ich war es, das einzige Schwarze Kind in einer Gruppe weißer Schüler*innen. In diesem Bild verdichtet sich Vieles, was diese Zeit für mich ausmacht: Es ist meine Sichtbarkeit und das gleichzeitige Ausklammern aus der Geschichte. Ein Widerspruch, den viele nicht-weiße Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte kennen.

In den Jahren danach hieß es oft: „Ihr seid der erste Jahrgang der zur (Wieder)Vereinigung eingeschult wurde und der erste dieser Generation, der die Schule abschließt.“ Meine Schulzeit fiel somit in ein besonderes Jahrzehnt, das gleichermaßen von Aufbruch und neuen Möglichkeiten geprägt war sowie wie von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und rechter Gewalt. Diese Eindrücke begleiteten meine ersten Schuljahre und haben auch mein Aufwachsen im Osten nachhaltig geformt.