Außerschulische Bildung 3/2026

Verlernen

Bildung als Praxis der Freiheit

Der Beitrag diskutiert „Verlernen“ als kritische Bildungspraxis und als zentrales Konzept dekolonialer und rassismuskritischer Bildung: Es geht nicht um das Vergessen, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien, Herrschaftsstrukturen und kolonialen Narrativen. Im Gegensatz zu neoliberalen Lernmodellen, die Wissen als verwertbare Kompetenz begreifen, zielt Verlernen auf die Transformation von Subjekt-Welt-Beziehungen – als befreiende Praxis, die gerechtere Verhältnisse anstrebt. von Malte Kleinschmidt

Lernen verlernen

Der Begriff ‚Verlernen‘ wirkt zunächst einmal seltsam (vgl. Castro Varela/Heinemann 2017, S. 1). Im Alltag ist der Gebrauch zweifellos negativ konnotiert. „Fahrradfahren verlernt man nicht“ ist in diesem Sinne eine typische Redewendung. In der Tradition der dekolonialen und rassismuskritischen Bildung hat der Begriff aber eine andere Bedeutung bekommen. Zunächst fällt auf, dass der Begriff hier positiv konnotiert wird. Verlernen wird zum angestrebten Ziel oder Modus von Bildung. Verlernen bezieht sich hier auf den Prozess, eigene Überzeugungen und Privilegien kritisch zu befragen und Rechenschaft darüber abzulegen (vgl. ebd.; Ortaçtepe Hart 2026).

Aber ist es eigentlich möglich, das Verlernen zu lernen? Diese Frage verweist zuallererst auf ein anderes Verständnis von dem, was Lernen überhaupt ist. In der Tradition der kritischen Pädagogik hat beispielsweise schon Paulo Freire das herrschaftliche Lernen als „Bankiers-Methode“ (Freire 1973) gefasst. Diese umfasst mindestens die für diesen Kontext relevanten zwei Dimensionen des (1) „Schüler-Lehrerwiderspruchs“ (Castro Varela 2016, S. 52) und der (2) Verwertungslogik von Wissen. Mit dem „Schüler-Lehrerwiderspruch“ wird die dem didaktischen Verhältnis inhärente Hierarchie in den Blick genommen, nach der die Lehrenden über das entscheidende, richtige Wissen verfügen, das die unwissenden Lehrenden aufnehmen müssen. Deren Wissen wird dabei als nicht vorhanden oder falsch qualifiziert. Durch die Leugnung ihres eigenen Wissens erscheint der Lernvorgang hier wie das Füllen eines Bankdepots. Dem setzt Freire ein Verständnis gegenüber, mit dem die Lernenden als Subjekte gesehen werden, deren Wissen und Erfahrungen Ausgangspunkt jedes Lernprozesses sein müssen. Die Lehrenden werden hier selbst zu Lernenden. Bildung wäre dann die gemeinsame, strukturierte Auseinandersetzung mit der Einrichtung der Welt. Es ginge dabei – weiter Freire folgend – um die Versprachlichung von Erfahrung, denn solange Erfahrung sprachlos bleibe, sei Sprache sinnlos und Erfahrung folgenlos. Im Bankiers-Konzept hingegen geht der „zugestandene Aktionsradius nur so weit (…) die Einlagen entgegenzunehmen, zu ordnen und aufzustapeln“ (Freire 1973, S. 57).