Was bedeutet gesellschaftliche Transformation aus einer historischen Perspektive?
Der Begriff der Transformation war in der ersten Hälfte der 2020er Jahre das geflügelte Wort und prägt bis heute verschiedene politische Themenfelder. Er begegnet uns aufgrund der Klimakrise als Green Transformation, er soll den Wandel in der Energieversorgung und die Modernisierung der Industrie voranbringen, die Herausforderungen durch die Künstliche Intelligenz, den demographischen Wandel und den Reformbedarf in vielen weiteren Bereichen beschreiben. Er steht in einer Dialektik zum Regieren im kurzfristigen Krisenmodus, das seit der globalen Finanzkrise von 2008/09 den Ton angibt. Er wirkt wie ein Versuch, angesichts einer generellen Krise der Regierbarkeit Souveränität zurückzugewinnen, sich einen längeren Horizont zu verschaffen, mit Politik wieder zu gestalten und nicht nur zu reagieren. Transformation drückt Fortschrittshoffnungen aus, löst jedoch zugleich Zukunftsängste aus. Es stellt sich daher auch die Frage, inwieweit der Begriff sich dafür eignet, Menschen für einen beschleunigten Wandel einzunehmen oder gar Wahlen zu gewinnen. Grundlage dieses Beitrags ist ein Aufsatz, den der Autor in dem vom Bundeskanzleramt herausgegeben Band „Zwischen Zumutung und Zuversicht. Transformation als gesellschaftliches Projekt“ (2024) veröffentlicht hat (S. 123–129).
Der Kern des Problems der aktuellen Transformationsdiskurse liegt in der Frage nach dem Ziel. Wohin soll die Reise gehen? Wie stellen wir uns eine bessere Zukunft vor? Seit einiger Zeit befinden sich die liberalen Demokratien durchwegs in der Defensive. Es geht primär um die Bewahrung keineswegs idealer Zustände, ein ohnehin schon um 1,5 Grad erwärmtes Weltklima, die Abwehr der russischen Aggression, die Verteidigung der liberalen Demokratie. Man sollte diese Themen offensiver und zukunftsgewandter angehen, um sich nicht in der omnipräsenten Polykrise und in Katastrophenszenarien zu verlieren. Dazu bedarf es einer gewissen Dosis utopischen Denkens, das nach dem vermeintlichen Ende der großen Ideologien zu Unrecht in Verruf geraten ist. Utopien gewinnen an Zugkraft, wenn sie mit pragmatischen Zwischenschritten verbunden sind, die den eingeschlagenen Weg plausibel machen. Auch darum geht es in diesem Beitrag, dessen Aufgabe zugleich darin liegt, die Transformation mit einer tieferen zeitlichen Perspektive zu betrachten.
Das ist aus drei Gründen notwendig: Um die Ziele der aktuellen Transformation mutiger zu diskutieren und die viel zitierte Polykrise als Chance zu begreifen, um die Fehler vergangener Transformationsprozesse zu vermeiden und nicht zuletzt, um den zunehmend diffusen Transformationsbegriff gezielt einzusetzen. Wenn er nur als Chiffre für einen beschleunigten Wandel dient, der sich auch ohne politisches Zutun entfaltet, verliert er seinen Gehalt. Dass dieser Wandel der politischen Gestaltung bedarf, steht außer Frage. Das laissez faire in der Ära der neoliberalen Transformation hat sich jedenfalls nicht bewährt, sondern so umfangreiche Krisen erzeugt, dass man auch einen Systemwandel in eine autoritäre und damit für die Umwelt und das Klima fatale Richtung nicht ausschließen kann.