Außerschulische Bildung 2/2020

Europa er-fahren

Wie EU-Programme die Jugend und Jugendarbeit stärken

Angesichts der vielfältigen Problemlagen in Europa leisten die EU-Jugendprogramme (Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps) einen wichtigen Beitrag zur europäischen Integration und Identitätsbildung insbesondere bei jungen Menschen. Die Programme sind aktuell eingebettet in eine politische Debatte in Europa um Jugendarbeit (Youth Work). Im Kontext der deutschen EU-Ratspräsidentschaft soll eine European Youth Work Agenda verabschiedet werden, die der Jugendarbeit in Europa inkl. der Jugendprogramme einen bedeutenden jugendpolitischen Impuls verleihen kann. von Claudius Siebel

Im Moment kann einen die Sorge um die Zukunft Europas umtreiben. Der Brexit vom 31.01.2020 muss unzweifelhaft als tiefer Einschnitt in die neuere Geschichte der EU, als mögliches Ende einer weiterführenden und vertiefenden europäischen Integration bezeichnet werden. Daneben lassen uns die viel diskutierten und grassierenden Phänomene wie Europaskeptizismus, Rechtspopulismus und wachsender Nationalismus, der verstärkt auf nationale Alleingänge und Unilateralismus denn auf Integration, Zusammenarbeit und Multilateralismus setzt, keine Ruhe. Und angesichts der hier aufgeführten vielfachen Krisensymptome häufen sich zwar auch die positiven Bekenntnisse zur EU, aber im Grunde ist kein Ende in Sicht, was politische Gegensätze betrifft. Ebenfalls ist auch kaum ein mutiger Schritt nach vorne zu sehen, der wirklich substantiell die Integration der EU voranbringen könnte. Der aktuell ausgetragene und bisher ergebnislose Streit um den nächsten EU-Haushalt könnte kein besserer Beleg dafür sein. Statt sich mutig zur EU zu bekennen und in einem Akt gemeinsamer Verantwortung die wegfallenden Zahlungen Großbritanniens zu kompensieren und die EU mit einem tragfähigen Haushalt auszustatten, gibt es erneut ein nur noch schwer zu vermittelndes Gezänk um Geld, bei dem die oberste Priorität zu sein scheint, die EU bloß nicht mit noch mehr Mitteln auszustatten, dies vor allem mit Rücksicht auf nationale Haushalte und Debatten.

Immerhin scheint es bei der Mehrheit der immer noch proeuropäisch eingestellten Verantwortlichen in Kommission, Parlament und Rat in Brüssel ein Bekenntnis zu bestimmten politischen Prioritäten zu geben, die angesichts der Krisensituation dringlich geboten sind. Und dazu gehört das klare Bekenntnis zu den europäischen Förderprogrammen im Bildungs- und Jugendbereich. So hat das Europäische Parlament bereits am 28.03.2019 (vgl. Europäisches Parlament 2019) mit überwältigender Mehrheit (605 Ja-Stimmen) den Bericht von Milan Zver (MdEP, EVP, Slowenien) angenommen, in dem eine deutliche Mittelerhöhung für das Programm Erasmus+ gefordert wird. Das Europäische Parlament schlägt eine Verdreifachung der Mittel auf 41 Milliarden Euro vor, damit mehr junge Menschen am Programm teilnehmen können. Petra Kammerevert (MdEP, S&D), Vorsitzende des Ausschusses Kultur und Bildung (CULT), bekräftigt diese Forderung und appelliert eindringlich an die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten: „Man kann nicht immer über die Bedeutung von Erasmus+ schwadronieren und dann nicht bereit sein, den Geldbeutel zu öffnen. Es geht darum, Menschen in Europa zusammenzubringen und der Jugend Europas einen guten Weg in die Zukunft zu ebnen.“ (www.jugendpolitikineuropa.de/beitrag/haltung-das-europaeische-parlament-bestimmt-seine-position-fuer-erasmus-und-das-europaeische-solidaritaetskorps-ab-2021.10792; Zugriff: 06.04.2020)

Man hat offenbar in Brüssel erkannt und verstanden, dass es im Moment dringend geeignete Instrumente für eine gelingende Integration, für die Förderung europäischer Identität und europäischer Bürgerschaft braucht.

Der Grund für diese klaren Bekenntnisse zu Erasmus+ findet sich denn auch unmittelbar in der verabschiedeten Entschließung des Parlaments, wenn es heißt: „Investitionen in Lernmobilität für alle (…) sind der Schlüssel, um inklusive, demokratische, kohärente und resiliente Gesellschaften zu bilden (…) und gleichzeitig einen Beitrag zur Stärkung der europäischen Identität, Grundsätze und Werte und zu einer demokratischen Union zu leisten.“ (Europäisches Parlament 2019, S. 4)

Ähnliche Bekenntnisse und einen mit ebenso deutlicher Mehrheit angenommenen Bericht seitens des Parlaments gibt es zum Europäischen Solidaritätskorps.

Man hat also offenbar in Brüssel erkannt und verstanden, dass es im Moment dringend geeignete Instrumente für eine gelingende Integration, für die Förderung europäischer Identität und europäischer Bürgerschaft braucht. Und ungeachtet des Haushaltsstreits ist auch momentan davon auszugehen, dass die künftige Programmgeneration mit deutlich mehr Mitteln ausgestattet sein wird als die jetzige. In diesem Sinne sind die beiden europäischen Jugendprogramme, Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps, zusammen mit der in 2018 verabschiedeten erneuerten EU-Jugendstrategie, als ein gemeinsames Paket und als deutliche gesellschafts- und jugendpolitische Reaktion und als Signal zu verstehen, das ein Zeichen für mehr Zusammenhalt in der Europäischen Union geben soll.

Der Beitrag der europäischen Jugendprogramme

Doch welchen Beitrag leisten die europäischen Jugendprogramme eigentlich? Worin besteht ihre spezifische Wirkung und was macht sie so unverzichtbar angesichts der oben skizzierten Herausforderungen für Europa und die europäische Integration? Zahlreiche Studien und die Begleitforschung zu den Programmen (www.researchyouth.eu) bestätigen die positiven Wirkungen auf junge Menschen und weisen den Kompetenzgewinn nach, den sie durch die Teilnahme an Maßnahmen des Programms erlangen.

Conference painting zum AdB-Projekt „SemiFit on Citizenship Education” (Erasmus+); Seminar in der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein e. V. Foto: Stefanie Mayrwörger

So fördert Erasmus+ JUGEND IN AKTION auf der individuellen Ebene bei den teilnehmenden Jugendlichen interkulturelle Verständigung, Fremdsprachenkompetenz, Eigeninitiative, Teamfähigkeit, die Bereitschaft zu europäischem Engagement und vieles mehr. An einem Projekt aus Erasmus+ JUGEND IN AKTION teilzunehmen, weitet den eigenen Blick. Viele geförderte Projekte widmen sich zudem zeitnah aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie dem Umgang mit Geflüchteten und Migranten, der Jugendarbeitslosigkeit oder der Umweltproblematik. In der Beschäftigung mit diesen Themen werden die jugendlichen Teilnehmenden in den Projekten für die europäischen Werte sensibilisiert. Gleichberechtigung, Solidarität und Vielfalt werden praktisch gelebt.

98 % der Teilnehmenden in Erasmus+ JUGEND IN AKTION empfehlen auch anderen, im Programm mitzumachen. Auf Organisationsebene sind die positiven Wirkungen ebenfalls beeindruckend. Das Programm ermöglicht es der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, sich europäischer auszurichten.

Insgesamt spielen die Programme bei der Gestaltung und Entwicklung Europas eine herausragende Rolle. Die jungen Menschen erwerben europäische Handlungskompetenzen, lernen Europa zu verstehen, darin zu leben und sich zu engagieren, zu lernen und zu arbeiten.

Erfreulich ist auch die Tatsache, dass die Programme offen für alle jungen Menschen sind und nicht nur „bildungsprivilegierte“ oder besonders begüterte Jugendliche erreichen. Jungen Menschen mit geringeren Chancen und besonderen Bedürfnissen bieten die Programme erwiesenermaßen besonders viele positive Anreize und Entwicklungsmöglichkeiten. In der Leitaktion 1 des Programms Erasmus+ JUGEND IN AKTION, der Aktion mit den meisten Teilnehmenden, liegt der Anteil „benachteiligter Jugendlicher“ bei 43 % insgesamt und 46 % für das Format der Jugendbegegnungen. Auch der Prozentsatz von 26 % im Europäischen Freiwilligendienst (jetzt: Europäisches Solidaritätskorps) ist hervorzuheben. Sowohl Erasmus+ JUGEND IN AKTION als auch das Europäische Solidaritätskorps setzen deshalb aktuell und perspektivisch auf eine noch stärkere Unterstützung bei der Erreichung und Einbindung entsprechender Zielgruppen.

Insgesamt spielen die Programme bei der Gestaltung und Entwicklung Europas eine herausragende Rolle. Die jungen Menschen erwerben europäische Handlungskompetenzen, lernen Europa zu verstehen, darin zu leben und sich zu engagieren, zu lernen und zu arbeiten.

Und auch insgesamt ist die Dimension und Reichweite des Gesamtprogramms Erasmus+ beträchtlich. Allein die Zahlen aus dem Jahre 2017 sind rekordverdächtig. Dies bestätigt der kürzlich von der Europäischen Kommission veröffentlichte „Erasmus+ Jahresbericht 2017“. Im Bereich der Lernmobilität verzeichnete das EU-Programm fast 800.000 Teilnehmende, 62.906 teilnehmende Organisationen und 18.090 geförderte Projekte. Und das Jugendkapitel Erasmus+ JUGEND IN AKTION ist besonders gefragt. Im Bereich der Lernmobilität von Einzelpersonen (Leitaktion 1), die das Gros des EU-Programms ausmacht, positionierte sich Erasmus+ JUGEND IN AKTION an erster Stelle bei der Anzahl der gestellten Anträge, der bewilligten Projekte und der teilnehmenden Organisationen.

In diesem Sinne leisten die beiden aktuellen europäischen Jugendprogramme, Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps, einen deutlichen Beitrag zu einer positiven europäischen Erfahrung junger Menschen. Daher weisen die gegenwärtig diskutierten Vorschläge zur Weiterführung der Programme ab 2021 sowie zur Mittelerhöhung auch in die richtige Richtung, um den positiven Beitrag noch zu verstärken, mehr junge Menschen zu erreichen und noch inklusiver zu werden, als dies bereits jetzt der Fall ist.

Wer ein soziales, solidarisches Europa will, muss allen jungen Menschen Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität ermöglichen – als Normalität statt als Ausnahme.

Exkurs: die Wirkung europäischer Projekte konkret

Doch wie sieht die Wirkung europäischer Projekte vor Ort ganz konkret aus? Dies verdeutlicht ein Beispiel aus Leipzig. Mit dem Projekt „Solidarity connects Europe“ bereichert das Soziokulturelle Zentrum „Die VILLA“, koordiniert und gesteuert durch die Fachstelle Europäische Jugendarbeit, die lokale Jugendarbeit und ergänzt sie um den wichtigen europäischen Aspekt. In Zusammenarbeit mit 12 Offenen Kinder- und Jugendtreffs (OFTs) aus Leipzig und dem Leipziger Land werden bis Ende 2020 im Rahmen von Erasmus+ JUGEND IN AKTION (Leitaktion 1) über 25 Jugendbegegnungen und Fachkräfteaustausche mit Partnerorganisationen in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Polen, Tschechien und Slowenien durchgeführt. Im Fokus stehen Stadtgebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf. Das globale Ziel ist der Ausbau der internationalen Jugendarbeit als ein wichtiger Bestandteil und als eine wirksame Methode der Jugendarbeit. Europa soll für Jugendliche durch Maßnahmen der Jugendbegegnung erlebbar gemacht werden, um insbesondere Berührungsängste gegenüber fremden Kulturen abzubauen. Die Themen und Inhalte der Jugendbegegnungen richten sich nach den Interessen der Teilnehmenden und sind äußerst vielfältig (z. B. Theater, Musik, Film, Outdoor, Zirkus, Sport).

Ein wesentliches Anliegen ist die Gewinnung von Jugendlichen mit wenigen oder keinen Erfahrungen im Ausland, welche bislang auch daran kein Interesse zeigten. Hierzu gehören beispielsweise jugendliche Treffbesucher*innen aus einkommensschwachen Familien, Teilnehmende aus betreuten Wohngruppen oder auch Schulabbrecher*innen.

Bis November 2019 haben bereits über 300 Personen an einer Begegnung teilgenommen – darunter rund 250 Jugendliche sowie 50 Sozial- bzw. Jugendarbeiter*innen. Der erreichte Personenkreis ist jedoch wesentlich größer, denn im Rahmen der Jugendbegegnungen finden Projektpräsentationen und Abschlussfeste statt, welche von Eltern, Freunden oder Netzwerkpartnern besucht werden. Auch wenn es noch zu früh ist, die Wirkung des Gesamtprojektes einzuschätzen, so gibt es doch bereits jetzt im Rahmen einer Zwischenevaluierung wertvolle Erkenntnisse:

  • Viele Teilnehmer*innen revidieren im Verlauf des Austausches stereotypisches Denken und Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Ländern.
  • Erste Erfahrungen im Ausland helfen den Teilnehmenden, selbstständiger zu werden, stärken sie in ihrem Selbstbewusstsein und bauen sprachliche und interkulturelle Fähigkeiten aus.
  • Die Sozialarbeiter*innen lernen durch die Begegnungen Kompetenzen im Bereich der internationalen Jugendarbeit: die Vorbereitung mit dem Partner, die Methodenvielfalt in der internationalen Jugendarbeit.
  • Sie intensivieren die Beziehungsarbeit zu den Jugendlichen, indem sie nicht nur mehr Zeit miteinander verbringen, sondern beispielsweise auch der Elternkontakt stärker aufgebaut wird.
  • Neue Besucher*innen kommen durch das Projekt in die Treffs, da sich die Jugendlichen untereinander von den Begegnungen erzählen und über die sozialen Netzwerke präsent halten.

Besonders positiv am Projekt sind die Wirkungen nicht nur auf die jugendlichen Teilnehmenden selbst, sondern auf das gesamte Umfeld wie Freunde und Verwandte sowie auch auf die Beziehungen zwischen den Sozialarbeiter*innen und den Jugendlichen sowie den Angehörigen der Teilnehmenden. So berichtet eine Mutter: „Meine Sicht auf die EU ist seit der Jugendbegegnung meines Kindes positiver.“ Diese Einschätzung geht vermutlich auch auf die Tatsache zurück, dass mit den Eltern der Teilnehmenden vorbereitende „Elternabende“ veranstaltet werden, bei denen u. a. auch sehr transparent mit den Kosten einer Begegnungsmaßnahme umgegangen wird und die teilnehmenden Eltern erfahren, dass und wieviel Geld aus Europa unmittelbar ihren Kindern zugutekommt. Eine offenbar nicht alltägliche Erfahrung, die eine Mutter zu der Aussage verführte: „Endlich machen die da oben mal was für uns!“ Und eine Sozialarbeiterin berichtet über das Projekt: „Durch die Jugendbegegnung kam erst der Kontakt zu den Eltern zustande. Das ist für unsere tägliche Arbeit sehr hilfreich.“

AdB-Projekt „SemiFit on Citizenship Education” (Erasmus+); Seminar in der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein e. V. Foto: Stefanie Mayrwörger

Insgesamt steht das Projekt für eine besonders gelungene Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit, die normalerweise nur selten in der Lage sind, Maßnahmen der internationalen Jugendarbeit durchzuführen und im Feld eher unterrepräsentiert sind. Das Projekt wird also von der Jugendarbeit her gedacht und ausgeführt, erreicht besonders viele Jugendliche mit bildungs- und herkunftsbedingten Benachteiligungen und hat eine deutliche Wirkung in den Sozialraum hinein.

Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang die Rolle der Fachstelle Europäische Jugendarbeit im Jugendkulturellen Zentrum „Die VILLA“ bleiben, die eine wichtige Koordinierungs- und Steuerungsfunktion für das Projekt hat. Die Fachstelle wird aus Mitteln des Freistaates Sachsen und der Stadt Leipzig finanziert und dient der langfristigen und nachhaltigen Verankerung der europäischen Jugendarbeit in Leipzig. Ein mehr als gelungenes Vorhaben, das andere Kommunen zur Nachahmung anregen sollte.

Die europäische Debatte um Jugendarbeit

Die Diskussion um die Wirkungen der europäischen Jugendprogramme sowie um ihre Rolle im Feld der außerschulischen Bildung fügt sich nahtlos ein in die europäische Debatte um Jugendarbeit, wie sie intensiv etwa seit Verabschiedung der ersten europäischen Jugendstrategie 2009 und der ihr folgenden 1. European Youth Work Convention 2010 geführt wird.

Es geht dabei um ein einheitliches Verständnis von Jugendarbeit in Europa. Und trotz der vielfach festgestellten enormen Diversität des Handlungsfeldes ist der Beitrag, den Jugendarbeit zur Entwicklung von Jugendlichen und der Gesellschaft leistet, unbestritten. So betont beispielsweise die Abschlusserklärung der 2. European Youth Work Convention vom 27.–30.04.2015 in Brüssel neben vielen anderen Wirkungen der Jugendarbeit insbesondere die Aspekte Einsatz für Demokratie, Menschenrechte, aktive Bürgerschaft, europäische Werte, Partizipation, Chancengleichheit und Mitspracherecht (vgl. Europäischer Jugendkongress 2015). Die Erklärung kommt zu dem Schluss, dass sich „Europa Jugendarbeit leisten muss! Entsprechende Investitionen sind ein unverzichtbarer Beitrag zur Entwicklung eines sozialen Europas.“ Die 2. Convention war ein besonders wichtiger Meilenstein in der europäischen Debatte um Jugendarbeit. Sie forderte erstmalig die Entwicklung einer European Youth Work Agenda.

Wer ein soziales, solidarisches Europa will, muss allen jungen Menschen Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität ermöglichen – als Normalität statt als Ausnahme.

Den jugendpolitischen Rahmen dafür bildet seit Januar 2019 die neue EU-Jugendstrategie (vgl. EU-Jugendstrategie 2018), die den jugendpolitischen Schwerpunkt auf die drei Handlungsfelder „Beteiligung, Begegnung und Befähigung“ setzt. Damit folgt die Strategie der Überzeugung, dass die Zielsetzungen am wirkungsvollsten in den wesentlichen Feldern des Jugendsektors erreicht werden können. Das Handlungsfeld Begegnung steht dabei für europäische Begegnungen, Beziehungen und Austausche junger Menschen, wie gezeigt eine der Grundlagen für die Förderung von Solidarität und europäischer Integration. Mitgliedstaaten sind eingeladen, grenzüberschreitende Mobilität für junge Menschen und Fachkräfte zu ermöglichen. Auch das solidarische Engagement junger Menschen soll gestärkt werden. Im Mittelpunkt des Aktionsbereiches Befähigung steht die weitere Stärkung und Profilierung von Youth Work in Europa. Eine neue Youth Work Agenda für Qualität, Innovation und Anerkennung von Jugendarbeit soll vor allem mehr europäische Kohärenz für das Feld ermöglichen. Hier geht es prioritär um die Unterstützung von qualitätsbildenden Grundlagen, wie z. B. in der Weiterbildung von Fachkräften oder bei rechtlichen Grundlagen und Ressourcen.

Die EU-Jugendstrategie greift also zentral genau die Aspekte auf, die den jugendpolitischen Rahmen auch für die EU-Jugendprogramme bilden: mehr Begegnungsmöglichkeiten für junge Menschen und Fachkräfte in Europa und mehr Anerkennung, Förderung und Weiterentwicklung von Jugendarbeit. Gleich an mehreren Stellen werden die Programme, insbesondere Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps, erwähnt und die Mitgliedsstaaten aufgefordert, die Programme wirksam einzusetzen und zu nutzen.

Deutsche EU-Ratspräsidentschaft – Verabschiedung der European Youth Work Agenda

Am 01.07.2020 übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat angekündigt, im Rahmen der Präsidentschaft zu jedem der drei jugendpolitischen Kernbereiche der EU-Jugendstrategie einen Beitrag leisten zu wollen.

Im Bereich Beteiligen ist die Verabschiedung von Ratsschlussfolgerungen unter dem bisherigen Arbeitstitel Partizipation junger Menschen am demokratischen Leben in Europa sowie die Durchführung einer zentralen EU-Jugendkonferenz im Kontext des EU-Jugenddialogs geplant. Im Bereich Begegnen soll die Ratsempfehlung zur Mobilität junger Freiwilliger in der EU aus dem Jahr 2008 wiederaufgelegt werden. Ob das während der deutschen Ratspräsidentschaft geschehen kann, ist allerdings noch unklar. Darüber hinaus fällt nach jetzigem Stand die finale Verabschiedung der künftigen EU-Jugendprogramme (Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps) ebenfalls in den Zeitraum der deutschen Ratspräsidentschaft. Im Bereich Befähigen wird die Forderung nach der Entwicklung einer European Youth Work Agenda aufgegriffen. Dies soll zum einen in Form einer Ratsentschließung geschehen. Zum anderen ist vorgesehen, der 3. European Youth Work Convention, einem Fachkongress mit bis zu 600 europäischen Teilnehmenden, die Funktion einer Kick-Off-Veranstaltung des Umsetzungsprozesses der Agenda zu geben. Es ist das Ziel, damit den Startpunkt eines europäischen Prozesses zu markieren, in dem es um die Entwicklung möglicher Strategien, Handlungspläne und die Umsetzung konkreter Maßnahmen und Aktivitäten gehen soll. Die Convention dient neben dem Startpunkt des Umsetzungsprozesses der European Youth Work Agenda auch als zentrale Austauschplattform für die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Politik, Praxis und Forschung von Jugendarbeit.

Wichtig ist dem BMFSFJ als federführendem Akteur in Deutschland auch die Beteiligung des Feldes bei der Gestaltung der EU-Ratspräsidentschaft respektive der jeweiligen Dokumente und Maßnahmen. So sollen regelmäßig die Vorstellungen und Rückmeldungen der Länder, Kommunen und der Zivilgesellschaft zu den Vorhaben des BMFSFJ eingeholt werden. Dies geschieht maßgeblich durch sogenannte Dialogforen (wie am 11.12.2019 in Berlin).

Die im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft geplanten Maßnahmen und Aktivitäten lassen ein kraftvolles jugendpolitisches Signal erwarten, das vor allem dem Handlungsfeld der Jugendarbeit einen Schub verleihen kann. Auch das Thema Mobilität ist prominent vertreten und es bleibt zu hoffen, dass die Verabschiedung der europäischen Jugendprogramme mit einem deutlichen Mittelzuwachs gelingt und nicht im Klein-Klein des europäischen Finanzgezänks eine unbefriedigende Kompromisslösung zustande kommt, die dann eben keine Verstärkung der oben skizzierten Wirkungen ermöglicht.

Fazit

Europa braucht angesichts vielfältiger Problemlagen ein verstärktes Bemühen für mehr europäische Integration. Das europäische Projekt kann nicht allein als Wirtschaftskonstrukt erfolgreich sein, sondern benötigt eine visionäre neue „Erzählung“. Europa muss von unten her gedacht und aufgebaut werden. Dabei kann die Jugendarbeit – flankiert und unterstützt von den europäischen Jugendprogrammen – eine bedeutende Rolle spielen.

Kaum ein anderes Handlungsfeld schafft es wie die Jugendarbeit, Jugendliche einzubinden, sie partizipieren und gestalten zu lassen. Und eine Jugendarbeit, die mehr als bisher die europäische Wirklichkeit und europäische Themen mitdenkt und zum elementaren Bestandteil ihres alltäglichen Instrumentariums macht, könnte umso wirkungsvoller zu einer neuen europäischen Erzählung beitragen. Das Engagement in und für Europa muss stärker in den Fokus von Jugendarbeit gerückt werden.

Die Praxis zeigt es: Eigene europäische Erfahrungen im Kontext von europäischer Jugendarbeit (Jugendbegegnungen, Freiwilligendienste, europäische Solidaritätsprojekte etc.) sind perfekte Voraussetzungen, um sich für Europa nachhaltig zu engagieren. Es braucht ein Recht auf Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität, und zwar als Normalität und nicht als Ausnahme (vgl. dazu von Hebel/Wicke 2016).

Darüber hinaus muss sich angesichts der bedenklichen Entwicklungen in Europa, die mehr und mehr die zentralen europäischen Werte unterminieren, die europäische Jugendarbeit auch expliziter und bewusster mit den politisch sensiblen Fragestellungen der heutigen Zeit auseinandersetzen (vgl. dazu Ohana 2019). Europäische Jugendarbeit bedeutet auch Wertevermittlung und sollte so zu einem kritischen europäischen Bewusstsein beitragen. Oder anders ausgedrückt, europäische Jugendarbeit sollte zu einem Verantwortungsgefühl junger Menschen dafür beitragen, was innerhalb, außerhalb und wegen Europas passiert.

Die European Youth Work Agenda bietet eine gute Gelegenheit, all diese Aspekte zu thematisieren und eine offene und umfassende Debatte über die Rolle, Weiterentwicklung und die politische Dimension von europäischer Jugendarbeit und der europäischen Jugendprogramme zu führen.

Zum Autor

Claudius Siebel Jahrgang 1969, studierte Osteuropäische Geschichte, Slawistik und Politikwissenschaft an den Universitäten Bonn und Köln, seit 1998 in verschiedenen Funktionen bei IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. und JUGEND für Europa, Nationale Agentur für die EU-Programme Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps, tätig. Seit 2019 leitet er bei JUGEND für Europa den Bereich Grundsatz- und Fachthemen. siebel@jfemail.de

Literatur

Europäischer Jugendkongress (2015): Abschlusserklärung des 2. Europäischen Kongresses zu Youth Work: Making a world of difference. Brüssel, 27.–30.4.2015; www.jugendpolitikineuropa.de/downloads/4-20-3694/EYWC2015_FINAL_de.pdf (Zugriff: 17.02.2020)
EU-Jugendstrategie (2018): Entwurf einer Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten zu einem Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa: die EU-Jugendstrategie 2019–2027, (2018/C 456/01), 18.12.2018
Europäisches Parlament (2019): „Erasmus“: das Programm der Union für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport. Legislative Entschließung des Europäischen Parlaments vom 28. März 2019; www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-8-2019-0324_DE.html?redirect (Zugriff: 17.02.2020)
Hebel, Manfred von/Wicke, Hans-Georg (2016): Is Europe really lost? Jugend- und bildungspolitische Erwägungen zur notwendigen Erneuerung Europas. In: Außerschulische Bildung. Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung 4/2016, S. 21–28
Ohana, Yael (2019): What’s politics got to do with it? European youth work programmes and the development of critical youth citizenship. Bonn: JUGEND für Europa