Toolbox für eine gerechte (politische) Kommunikation
Der Begriff Feminismus hat Konjunktur. Feministische Außenpolitik, feministische Entwicklungspolitik – auch die Bundesregierung hat realisiert, dass eine jahrzehntelange Gleichstellungspolitik, die sozusagen unter dem Radar läuft, nicht ausreicht, um die große Herausforderung der Geschlechtergerechtigkeit in absehbarer Zeit zu erreichen. Es ist auch bitter nötig, den Begriff des Feminismus nicht nur inhaltlich und politisch zu füllen, denn leider hat auch der Antifeminismus, geschürt von rechten Kräften, weltweit Konjunktur.
Aber Gender? Gerade erst hat der deutsche Rechtschreibrat sich wieder in aller Unzweideutigkeit gegen eine Befassung mit diesem für die deutsche Sprache sicherlich wohl zu schwierigen Konzept ausgesprochen. Dabei trägt das Gendern in der Sprache doch nur dem Rechnung, was eigentlich eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit sein sollte und was auch feministische Forderungen seit langem umfassen: Nämlich, dass es im Kern um die gleichen Rechte, Ressourcen und die Repräsentation von Frauen, Männern und anderen Geschlechtern in allen Bereichen der Gesellschaft geht – das, was progressive Kräfte schon lange als Geschlechtergerechtigkeit bezeichnen. Gendern gehört sozusagen zum Handwerkszeug einer modernen Gesellschaft.
Dabei geht es nicht darum, aus sprachwissenschaftlicher oder -philosophischer Sicht das generische Maskulinum oder die deutsche Rechtschreibung zu verteidigen oder zu kritisieren, sondern Sprache als lebendigen „Kitt“ unserer Gesellschaft zu begreifen, die stetigem Wandel und Weiterentwicklung unterworfen ist.

Das „Fräulein“ als Bezeichnung für eine ledige weibliche Person wurde nach heftigen Diskussionen 1972 aus dem Amtsdeutsch verbannt – es geht also, wenn man will! Und dabei geht es nicht um den Sprachgebrauch an sich, sondern um die Haltung dahinter.
Die Debatte, ob und wie wir mit Sonderzeichen geschlechtersensibel oder -neutral formulieren, verdeckt den eigentlichen Kern einer Auseinandersetzung darüber, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Denn in rechtspopulistischen und -konservativen Diskursen steht Gender als Symbolbegriff für alles, was an gesellschaftlichen Rollenbildern von rechten aber auch konservativen antifeministischen Kräften bekämpft wird. Das politische Anliegen der Gleichberechtigung der Geschlechter wird bewusst als „Symbolkampf“ um Identität heruntergespielt, dabei stehen dahinter konkrete Kämpfe um Anerkennung, Sichtbarkeit und gleiche Teilhabe an Ressourcen und Chancen. Die Anliegen Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit gegeneinander aufzuwiegen oder gar auszuspielen macht schon daher keinen Sinn, weil auch historisch ganz klar ist, dass die sozialen Bewegungen, die sich für Feminismus, Arbeiter*innen- und Frauenrechte oder die Rechte von benachteiligten Minderheiten eingesetzt haben, immer auch mit der sozialen und materiellen Frage der Stellung in der Gesellschaft, der Arbeit, Wirtschaft oder Politik einhergingen. Ohne Geschlechtergerechtigkeit gibt es keine soziale Gerechtigkeit.
Die Debatte, ob und wie wir mit Sonderzeichen geschlechtersensibel oder -neutral formulieren, verdeckt den eigentlichen Kern einer Auseinandersetzung darüber, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.
Geschlechterpolitik als handhabbar und attraktiv darzustellen, ist für politische Akteure aber auch für die politische Bildung und Kommunikation eine immerwährende Herausforderung, neben der Frage, wie man über Wort und Bild eine Haltung so kommunizieren kann, dass alle Geschlechter sich gleichermaßen angesprochen und gemeint fühlen. Eine intersektionale Perspektive, in der unterschiedliche Merkmale wie Geschlecht, Herkunft, Ethnizität, Religion, Sexualität oder Klasse auch in ihren Wechselwirkungen berücksichtigt werden, ist dabei unverzichtbar.
Wie kann man also trotz aller Widerstände, die allein dem Begriff Gender aber auch der damit verbundenen Haltung begegnen, eigentlich erlernen, dass es notwendig und machbar ist, über Sprache, Kommunikation und Handeln zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft beizutragen? Die wichtige Botschaft ist: Wir können auch durch politische Bildung und Kommunikation wirksam daran arbeiten!
Alle Werkzeuge dazu befinden sich in der Toolbox „Re:framing Gender“, mit der die Friedrich-Ebert-Stiftung einen neuen modularen und auch digital gestützten Trainings„werkzeugkasten“ anbietet.

Kommunikation allgemein – und auch politische Kommunikation – strotzt nur so vor wirkmächtigen Phänomenen, in denen Frauen und Minderheiten strukturell unsichtbar gemacht werden oder deren Subtext von tradierten Geschlechtervorstellungen geprägt ist. Um diese zu durchbrechen, gibt es nicht nur ein einziges Konzept oder eine Strategie, am wirksamsten ist es, wenn verschiedenen Strategien und Politiken verknüpft werden:
- Wenn wir Geschlecht als soziale und kulturelle Konstruktion verstehen, muss es auch darum gehen, Geschlechterstereotype zu kritisieren und infrage zu stellen. Für Stereotype zu sensibilisieren und sie gar aufzubrechen und damit Frauen und andere Geschlechter sichtbar zu machen, ist ein Gebot des Respekts und der Wertschätzung in einer vielfältigen Gesellschaft. Geschlechtergerechte Sprache kann dazu beitragen, die Vielfalt in der Gesellschaft nicht nur sichtbar zu machen, sondern sie eben auch zu fördern und allen Menschen (Männer, Frauen, inter, trans und nicht-binäre Personen etc.) den Raum zu öffnen, in den sie durch ihre Lebens- und Existenzweisen praktisch eintreten.
Beispiel: Das Stereotyp der Hausfrau steht dem der sogenannten „Karrierefrau“ fast diametral gegenüber. Nicht nur wird damit die unbezahlte Sorgetätigkeit auf Frauen und den häuslichen Raum projiziert und nicht als erfolgreiche Karriere anerkannt. Den „Karrieremann“ oder „Powermann“ vermisst man im Sprachgebrauch, als sei es für Frauen keine Selbstverständlichkeit, beruflich erfolgreich zu sein.
- Das politische Framing aus einer feministischen Perspektive beleuchtet etwa das systematische Zustandekommen tradierter und impliziter Gender-Deutungsrahmen und liefert Hinweise, wie man für sie sensibilisiert und wie sie sich (durch-)brechen, umdrehen oder zumindest nivellieren lassen. Progressive Geschlechterpolitik kann sich nur durchsetzen, wenn Geschlechter sichtbar gemacht und Gender positiv reframed und visuell sowie sprachlich „besetzt“ wird. Durch die Umkehrung, Dekonstruktion und Sichtbarmachung von Frames kann auf ungerechte Geschlechterverhältnisse, Diskriminierung und tradierte Stereotype eingewirkt werden.
Beispiel: Ein wirksames Reframing hat etwa die #Me too-Bewegung erreicht. Dies hat dazu beigetragen, dass sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Machtmissbrauch und Sexismus nicht mehr nur als individuelles Problem gelten, sondern mit Strukturen in Gesellschaften und Kulturen verwobenen sind.
- Politik und Gesellschaft sind geprägt von der Auseinandersetzung um Macht, Wissen und Ressourcen. Dabei geht es zugleich darum, wer in Diskursen oder in Bildern sichtbar oder unsichtbar ist, und welche Positionen mit den Machtstrukturen verbunden sind. All diese Konstruktionen sind nicht geschlechterneutral, daher muss politische Kommunikation reflektieren, wer spricht oder wer überhaupt sprechen kann, wer gesehen wird oder nicht und wer Sichtbarkeit herstellt und wer nicht.
Beispiel: Nicht nur bei der Erhebung von statistischen Daten, in der Medizinforschung und in Algorithmen ist vor allem das weibliche Geschlecht weitgehend unsichtbar, weil nicht erfasst. Auch bei der Bildsprache fällt uns oft auf, dass die Position derjenigen die handeln oder sprechen geschlechtsspezifisch besetzt ist oder die Vielfalt der Gesellschaft nicht repräsentiert ist. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ heißt die Frage, wenn auf einem Foto von einem politischen oder wirtschaftlichen Gremium, wie so häufig, nur weiße Männer zu sehen sind.
Eine intersektionale Perspektive, in der unterschiedliche Merkmale wie Geschlecht, Herkunft, Ethnizität, Religion, Sexualität oder Klasse auch in ihren Wechselwirkungen berücksichtigt werden, ist unverzichtbar.
Das Lehrbuch und die Toolbox „Re:framing Gender“ laden dazu ein, einerseits wissenschaftlich aber auch spielerisch zu erlernen, wie man anhand von vielen Praxisbeispielen ganz konkret einen Beitrag zum gesellschaftlichen und kulturellen Wandel leisten kann.

Die Autorin Tanja Maier (Universität Rostock) legt hier erstmals eine umfassende Verknüpfung des Konzepts der Geschlechtergerechtigkeit mit dem Feld der politischen Kommunikation und deren Praxis vor. Sie deckt aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis zu Politiken des Framings, der Stereotypisierung und Repräsentation sowie zu Diskursen der Sichtbarkeit auf. Die als Kartenset gestaltete Toolbox bietet praxisnahe Beispiele, Illustrationen und Aufgaben, die aufzeigen, welche Strategien, Methoden und Techniken man wählen kann, um gleichzeitig die Relevanz von Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung aufzuzeigen und dabei eine klare politische Haltung zu kommunizieren. Die Karten bieten viel Diskussionsstoff und können in verschiedenen Gruppengrößen „gespielt“ werden. Das modular aufgebaute Toolbox-Set wird ergänzt durch ein E-Learning-Angebot und kann in der politischen Erwachsenenbildung und in Trainings für gerechte politische Kommunikation eingesetzt werden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung bietet ab 2024 bundesweit Trainings für Multiplikator*innen an, die mit der Toolbox „Re:framing Gender“ das Handwerkszeug für geschlechtergerechte Kommunikation erlernen wollen (weitere Informationen: https://www.fes.de/themenportal-gender-jugend/artikelseite/reframing-gender-toolbox).
Haltung braucht Mut – das ist umso wichtiger in der Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Kräften in der Gesellschaft.
Haltung braucht Mut – das ist umso wichtiger in der Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Kräften in der Gesellschaft. Wir wollen Mut machen, Sprache und Bilder aktiv und bewusst zu benutzen, um Antifeminismus und Diskriminierung zu begegnen und das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit als wesentlichen Bestandteil eines progressiven Zukunftsentwurfs und Narrativs wirksam zu vermitteln.
Zur Autorin

Stefanie.Elies@fes.de