Außerschulische Bildung 4/2023

Der homo oeconomicus ist keine alleinerziehende Mutter

Wie die Thematisierung von Care-Arbeit zu einer geschlechtergerechten Erweiterung des Wirtschaftsverständnisses und einer gender-sensiblen politischen Bildung führt

In diesem Beitrag werden Beispiele aus der politischen Bildung in Bezug auf Wirtschaft, Care-Arbeit und Klimakrise vorgestellt. Sie zeigen die Wichtigkeit einer geschlechtergerechten Auseinandersetzung mit diesen Themen für die politisch-ökonomische Bildung und darüber hinaus. von Feline Tecklenburg

„Auf dem Podium war auch ein Vertreter der Wirtschaft eingeladen.“ – Wenn Sie diese Worte lesen: Sehen Sie vor Ihrem inneren Auge gerade einen weißen Mann in Anzug und Krawatte, der neben anderen Teilnehmer*innen selbstbewusst auf einem Podium sitzt? Der Satz stammt aus einem Zeitungsartikel und löst in den meisten Fällen diese Assoziation aus: Wirtschaft – Mann – Anzug.

Für die Kognitionswissenschaften ist der Akt dieser Zuordnungen selbstverständlich. Sie beforschen unter anderem, wie ein Mensch Sprache begreift und wie sich Sprache auf das Denken und Handeln auswirkt. Um gehörte oder gelesene Worte zu begreifen, simuliert das Gehirn sie anhand von Assoziationen und schreibt ihnen eine Bedeutung zu. Sprache hat einen immensen Einfluss auf die menschliche Wahrnehmung. Wann immer das menschliche Gehirn Worte und Ideen verarbeitet, aktiviert es dazu Wissen und Sinnzusammenhänge aus vorangegangenen Erfahrungen mit der Welt (vgl. Wehling 2016, S. 20 f.). Das ist eine der Ursachen, weshalb es vielen Menschen zunächst schwerfällt, ihr eigenes Verhalten in Bezug auf Diskriminierungen anderen Menschen gegenüber zu verändern. Die Bilder, die als erstes vor dem inneren Auge auftauchen, stammen aus vorangegangenen Wahrnehmungen der Welt – einer Welt, die rassistisch, homophob, sexistisch und patriarchal geprägt ist, um nur einige Stichworte zu nennen, die heute von Diskriminierung betroffenen Personen das Leben schwermachen.

Um ein Bewusstsein für Diskriminierungen in Bezug auf Gender zu schaffen und Ungleichheiten aufzulösen, braucht es ein Problembewusstsein bei Bildungs-Akteur*innen dafür, dass die eigenen Assoziationen von einer diskriminierenden Welt geprägt sind, selbstverständlich auch im Bereich der politischen Bildung. Ohne das Wissen um die eigene Prägung und die Bereitschaft, kritisch zu denken, kann in der politischen Bildung vieles übersehen und vergessen werden. „Demokratie heißt auch, Werte sprachlich zu begreifen und sprachlich umzusetzen“, sagt die Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling (2016, S. 191). Eine demokratisch agierende politische Bildung tut gut daran, ihre jeweiligen Themengebiete auf Leerstellen im Bereich von Gender und Diversity abzuklopfen. Dieser Artikel möchte für den Bereich der ökonomischen Bildung einen Beitrag leisten.

Klassische Mainstream-Wirtschaft als männliches Feld

„Ein Vertreter aus der Wirtschaft“ – es hat Gründe, dass bei den meisten als erste Assoziation oben benannter weißer Mann im Anzug geweckt wird und nicht etwa eine alleinerziehende Mutter mit Baby auf dem Arm oder ein schwarzer Krankenpfleger. Die beiden letztgenannten Personen repräsentieren auch einen Teil der Wirtschaft, nämlich die Care-Ökonomie. Care-Ökonomie, auch Sorge-Ökonomie, ist bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit auf mikro-, meso- und makroökonomischer Ebene (vgl. Knobloch et al. 2022, S. 315). Dass sie nicht die erste Assoziation sind, hat sehr viel damit zu tun, was Menschen denken, wenn sie den Begriff „Wirtschaft“ hören oder lesen.

(K)ein Spaziergang in Sursee Foto: Feline Tecklenburg

Wirtschaft ist ein Bereich, der sehr stark von patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen geprägt ist (vgl. Praetorius 2015). Da Wirtschaft einen sehr großen Einfluss auf Gesellschaft und Politik hat, ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, wie eng dieses Themenfeld mit Geschlechterdiskriminierung und weiteren intersektionalen Diskriminierungsstrukturen zusammenhängt. Feministische Ökonomie setzt sich deswegen seit Jahrzehnten für eine Erweiterung des herkömmlichen Wirtschaftsverständnisses und eine Anerkennung von Care-Arbeit ein, um das „Ganze der Wirtschaft“ (Biesecker et al. 2019) mitzudenken. Denn der anerkannte Akteur der Wirtschaft ist spätestens seit den 1950er Jahren der homo oeconomicus, das Standardbild eines Mannes und Familienernährers. Der homo oeconomicus trifft Entscheidungen rational, verfolgt nur seine eigenen Interessen, ist unabhängig, gesund und unverletzlich. Die herkömmliche wirtschaftliche Denkweise basiert auf diesem Menschenbild und prägt die Wirtschafts- und Arbeitswelt. Doch dieses Menschenbild ist eine Fiktion. Es beschreibt eine menschliche Ausgangslage, die nicht existiert und lässt darüber hinaus viele Lebensformen aus dem Blick. Es gibt darin keinen Platz für emotionale Entscheidungen, für Unwissen, für Ambivalenzen, gegenseitige Abhängigkeiten und auch nicht für verschiedene Wahrnehmungen von Geschlecht. Mit dem herkömmlichen Verständnis von Wirtschaft findet eine Verengung auf patriarchale, männliche Ideale statt, mit drastischen Folgen für Geschlechtergerechtigkeit.

Um ein Bewusstsein für Diskriminierungen in Bezug auf Gender zu schaffen und Ungleichheiten aufzulösen, braucht es ein Problembewusstsein bei Bildungs-Akteur*innen dafür, dass die eigenen Assoziationen von einer diskriminierenden Welt geprägt sind, selbstverständlich auch im Bereich der politischen Bildung.

Wirtschaft und Geschlecht: Care-Arbeit

Das Wort Ökonomie stammt aus dem Altgriechischen und leitet sich von zwei Begriffen ab: Oikos und Nomos. Oikos heißt Haus und Nomos heißt Lehre. Die Oiko-Nomia ist also die Lehre vom guten Haushalten. Gut geführt ist ein Haushalt dann, wenn die grundlegenden Bedürfnisse seiner Bewohner*innen befriedigt werden. Das ist die Aufgabe von Care-Arbeit. Auf Englisch heißt „für sich und andere sorgen“ Care. Weil die Bedeutung des englischen Wortes umfassender als das deutsche Wort Fürsorge ist, hat sich der englische Begriff etabliert. Denn jeder Mensch ist sein Leben lang in der existenziellen Bedürfniserfüllung abhängig von der Fürsorge anderer.

Unter Care-Arbeit wird dementsprechend „die Gesamtheit der unbezahlten und bezahlten (re)produktiven Tätigkeiten des Sorgens und Sich-Kümmerns, der Fürsorge und Selbstsorge gefasst. Sie beginnt mit der Begleitung und Versorgung Schwangerer, Neugeborener und ihrer Mütter, reicht über die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern, die Wiederherstellung der physischen und psychischen Reproduktion des Arbeitsvermögens von berufstätigen Erwachsenen, die familiäre und professionelle Pflege und Unterstützung bei Krankheit oder Behinderung, über die Hilfe zur Selbsthilfe, unter Freund*innen, Nachbar*innen, im Bekanntenkreis, bis zur Altenpflege und Sterbebegleitung. Der Care-Begriff umfasst zudem das ganz alltägliche, immer wiederkehrende Kümmern und Versorgen aller Haushaltsmitglieder und das Wissen, die Organisation und die Verantwortung (Mental Load), die es dafür braucht. Care meint jedoch nicht nur die körpernahe Care-Arbeit, sondern schließt ebenso das Kochen, Putzen, Reparieren und alle Arbeiten im Haushalt mit ein, und beginnt in vielen Ländern des Globalen Südens bereits mit dem Besorgen von sauberem Trinkwasser oder Brennholz.“ (Meier-Gräwe 2020, S. 28)

Keine dieser Tätigkeiten entspricht dem Ideal des homo oeconomicus. Nach dem herkömmlichen Verständnis von Wirtschaft wären all diese Tätigkeiten, ob bezahlt oder unbezahlt, kein Teil der Ökonomie. Bezahlte Care-Arbeit wird zumindest in den Statistiken des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit bedacht. Wird eine Person im Heim gepflegt, zählt es in der Statistik. Es ist Teil des Geldflusses und damit der Wirtschaft. Wird dieselbe Care-Arbeit zuhause durchgeführt, wie es so viele pflegende Angehörige tun, ist es nach heutiger Lesart kein Teil der Wirtschaft. Darüber hinaus wird bezahlte Care-Arbeit meistens von weiblich sozialisierten Personen ausgeführt und ist sehr viel schlechter bezahlt als Arbeitsstellen beispielsweise in der Automobil-Industrie.

Unbezahlte Care-Arbeit, die weltweit zu drei Vierteln von weiblich sozialisierten Personen ausgeführt wird (vgl. Oxfam 2020), kommt in offiziellen Wirtschafts-Statistiken nicht einmal vor. Personen, die unbezahlte Care-Arbeit leisten, landen öfter in Altersarmut als Personen, die in der Zeit erwerbstätig waren (vgl. BMFSFJ 2011). Dabei würde unbezahlte Care-Arbeit in Deutschland, wenn sie auch nur mit einem sehr geringen Nettolohn von 9,25 Euro pro Stunde Die Zahlen stammen aus der letzten Zeitverwendungsstudie 2013, als es noch keinen Mindestlohn in Deutschland gab. berechnet wäre, circa 39 % des bundesdeutschen Bruttoinlandsproduktes ausmachen (vgl. Statistisches Bundesamt 2013) und wäre damit der größte Wirtschaftssektor. Denn es gäbe ohne die ununterbrochene, täglich geleistete, unbezahlte Care-Arbeit keine Menschen und damit auch niemanden, der die statistisch erhobenen Summen des BIPs erwirtschaften könnte. Doch es hält sich das Bild des homo oeconomicus, der morgens „einfach so“ auf der Arbeit erscheint, immer leistungsstark ist und rational denkend agiert (vgl. Praetorius 2015).

Care-Arbeit in der politischen Bildung

Das Wissen rund um die Verknüpfung von Wirtschaft und Care-Arbeit und die dazugehörigen Zahlen sucht man in Schullehrbüchern vergeblich und auch im Bereich der außerschulischen Bildung sind sie nur am Rande vertreten. Ökonomische Bildung ist prinzipiell stark vom neoklassischen Mainstream beeinflusst (vgl. Graupe 2017). So gibt es Bündnisse wie das im wirtschaftsliberalen Bereich einzuordnende Bündnis Ökonomische Bildung (BÖB), das sich für finanzpolitische und neoliberale Wirtschaftsinhalte an Schulen einsetzt. Es fordert eine stärkere Präsenz von Wirtschaftsthemen in der Bildung, aber die Themen Care-Arbeit, Gender- und Diversity sind bei diesen Forderungen nicht vertreten. Dieses verkürzte Verständnis von Wirtschaft tut Geschlechtergerechtigkeit und einer Sensibilisierung für Themen wie Gender und Diversity keinen Gefallen. Das ist auch problematisch im Hinblick auf den zweiten didaktischen Leitgedanken des Beutelsbacher Konsens: „Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen.“ (bpb 2011) Die Kontroversität ist hier nicht gegeben, wenn auf einen ganz maßgeblichen Aspekt nicht eingegangen wird, insbesondere da es hier um ein Bündnis geht, das sich vor allem auf schulische Bildung konzentriert.

Um ökonomische Bildung dementsprechend aufzubereiten, dass auch Ungleichheiten in Bezug auf Geschlecht und unbezahlte Care-Arbeit darin ihren Platz finden, muss das alte Verständnis von Wirtschaft von männlichen Idealen entmystifiziert und dementsprechend verändert werden.

Um ökonomische Bildung dementsprechend aufzubereiten, dass auch Ungleichheiten in Bezug auf Geschlecht und unbezahlte Care-Arbeit darin ihren Platz finden, muss das alte Verständnis von Wirtschaft von männlichen Idealen entmystifiziert und dementsprechend verändert werden. Das ist auch Aufgabe kritischer politischer Bildung. Seit einigen Jahren gibt es Bildungsakteur*innen, die Materialien und Workshops für eine geschlechter- und diversitätssensible politische (Wirtschafts-)Bildung konzipieren und dabei die Care-Arbeit ins Zentrum stellen. Am Beispiel einiger Initiativen und Methoden wird im Folgenden gezeigt, wie eine Wirtschaftsbildung gelingen kann, die das „Ganze der Wirtschaft“ (Biesecker et al. 2019) in den Blick nimmt und nicht nur einen patriarchalen Ausschnitt.

Wirtschaft ist Care – (K)ein Spaziergang

Der in der Schweiz und in Deutschland ansässige Verein Wirtschaft ist Care (WiC) hat es zu seiner zentralen Aufgabe gemacht, zu verdeutlichen, dass natürliche Ressourcen sowie unbezahlte und bezahlte Care-Arbeit die Grundlage allen Wirtschaftens sind. In Zusammenarbeit mit der Siebten Schweizer Frauen*synode entwickelte WiC in der Schweizer Kleinstadt Sursee einen Stadtrundgang, der sich an 15 Stationen damit befasst, was das derzeitige Wirtschaftsverständnis umfasst und wie Wirtschaft sein könnte, wenn Care-Arbeit, Geschlechtergerechtigkeit, Diversität und ein respektvoller Umgang mit der Natur im Zentrum stehen würden. Die Stationen sind über die gesamte Innenstadt verteilt. Jede Station bezieht sich auf eine Stelle im Ort, die beispielhaft für ihren Bereich steht. Es gibt Hintergrundinfos zum Ort, einen allgemeinen Teil zu care-zentrierter Wirtschaft und Impulsfragen für die Teilnehmer*innen. Die Station „Landwirtschaft und Bodensorge“ fragt mit ihren Impulsfragen beispielsweise: „Wo ist der Boden, auf dem meine Nahrung wächst? Wer arbeitet auf den Feldern und zu welchen Bedingungen? Wer kann sich welches Essen leisten?“ (Praetorius/Tecklenburg/Zahno 2021, S. 8) Das scheint auf den ersten Blick nicht so viel mit Care-Arbeit zu tun zu haben, aber natürlich ist die Frage, wo die Lebensmittel entstehen, die später verarbeitet werden, sehr wichtig. Die Station „Geboren werden und gebären“ befindet sich in Sursee vor dem Haus einer im Ort bekannten, ehemaligen Hebammenpraxis. An der Station wird thematisiert, dass in der patriarchalen Ökonomie das Gebären und Aufziehen von Kindern nur am Rande vorkommt und als Privatangelegenheit verhandelt werde (vgl. ebd., S. 11). Die Station „Ressourcen teilen“, die sich in Sursee an einem Fluss befindet, der früher Abwasser transportiert hat, thematisiert die Infrastruktur, die benötigt wird, um die Gesellschaft und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Sie appelliert an das kollektive Bemühen und die nötigen Kooperationen, die wirtschaftlichen Leistungen oft inhärent sind – wenn sie nicht auf den individuellen Finanzerfolg des fiktiven homo oeconomicus ausgerichtet sind. Der Stadtrundgang kann leicht für andere Orte angepasst und übernommen werden und auch in Schulen, Unternehmen oder Bildungshäusern stattfinden. Die Materialien sind als gedrucktes Heft über den Verein WiC (https://wirtschaft-ist-care.org) erhältlich und stehen als Download zur Verfügung (www.frauensynode2021.ch). Der letzte Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 15.09.2023.

Assoziationsspiele und Biografie-Arbeit

WiC arbeitet in Workshops und Vorträgen viel mit Assoziationsübungen und Wortspielen, die ein Aufbrechen eigener Verständnisse und gesellschaftlicher Narrative zu Wirtschaft und Care ermöglichen, wie bei dem Beispiel, das am Anfang dieses Artikels steht. Auch greift WiC oft auf interaktive Veranstaltungen zurück wie jüngst eine Aktion in Zürich zum Schweizer Nationaltag am 1. August zeigt. Im öffentlichen Raum wurde in Kooperation mit feministischen Gruppen vor Ort Reden zum Thema „Ich komme aus der Wirtschaft“ gehalten. In diesen kurzen Reden erzählen Personen davon, wie ihr Beruf als Putzkraft oder Krankenpflegerin mit der Wirtschaft zusammenhängt. Eine andere Methode beschäftigt sich mit der eigenen Care-Biografie und unterstützt dabei, die Zusammenhänge von fürsorgenden Personen im eigenen Umfeld und ihren Auswirkungen auf den eigenen Lebensweg zu reflektieren (vgl. https://wirtschaft-ist-care.org/meine-care-biographie).

Globale Care-Arbeit

Ein weiteres Beispiel ist die umfassende Methoden-Sammlung von FairBindung e. V. und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie, die sich neben vielen Methoden zu Wachstumskritik und Postwachstum auch mit Care-Arbeit befasst (vgl. www.endlich-wachstum.de). Das Methoden-Kapitel „Die ganze Arbeit“, befasst sich in verschiedenen Übungen mit feministischer Ökonomie, Care-Arbeit und den globalen Sorgeketten. Globale Sorgeketten beschreiben die Migration von meist weiblich sozialisierten Personen in reiche Länder des globalen Nordens, um dort kranke oder alte Personen zu pflegen, weil deren Angehörige selbst erwerbstätig sind und die Pflege nicht bewältigen können. Dabei lassen die migrierten Personen in ihren Heimatländern oft ebenfalls pflege- oder betreuungsbedürftige Familienangehörige zurück.

„Was bisher im Themenfeld von Ökonomie, Gender und Care-Arbeit zu wenig vorkommt, ist die Auseinandersetzung mit einem umfassenderen Verständnis von Diversität.“ Foto: Andi Weiland | gesellschaftsbilder.de

Care, Gender und Klima

Methoden zum Zusammenspiel von Care, Gender und Klima stammen von Kolleg*innen aus Österreich. Das Netzwerk fair sorgen!, die Werkstatt für Klima, Arbeit und Zukunft (KAUZ), das Bildungskollektiv Radix und die Gruppe System Change not Climate Change haben mit den Projekten CAREsilienz – Mit Fürsorge in eine sozial-ökologische Zukunft und Caring4Future (siehe die Materialien unter https://kauz-project.org/de/workshops-de) sowohl eine Workshopreihe als auch eine Multiplikator*innenveranstaltung entwickelt, die sich mit der fortschreitenden physischen und psychischen Erschöpfung von Sorgearbeiter*innen und den Belastungen der Ökosysteme gleichermaßen beschäftigen (vgl. Klatzer/Fartacek/Pfau 2023, S. 264). Die Klimakrise wird auch die Care-Krise verstärken, deswegen ist es wichtig, beide Themen zusammenzudenken und die Belastungen insbesondere für Frauen* zu thematisieren und dafür zu sensibilisieren.

Die Klimakrise wird auch die Care-Krise verstärken, deswegen ist es wichtig, beide Themen zusammenzudenken und die Belastungen insbesondere für Frauen* zu thematisieren und dafür zu sensibilisieren.

Die Workshopreihe beschäftigt sich mit eben diesen Verbindungen, wenn sie beschreibt, dass „Medienberichte, Wahlplakate und die Demonstrationsschilder streikender Schüler*innen uns regelmäßig daran (erinnern), dass unsere Lebensweise ökologisch und sozial langfristig nicht tragbar ist. Damit die Wirtschaft weiterwächst, werden vor allem Frauen*, Migrant*innen und die ökologischen Lebensgrundlagen ausgebeutet. Aber was würden Kinder in einer Gesellschaft lernen, die Fürsorge in ihr Zentrum stellt? Unter welchen Bedingungen würden Menschen in so einer Gesellschaft altern? Und wie würde Arbeit aussehen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und nicht an Profitmaximierung orientiert?“

Und Diversität?

Was bisher im Themenfeld von Ökonomie, Gender und Care-Arbeit zu wenig vorkommt, ist die Auseinandersetzung mit einem umfassenderen Verständnis von Diversität. So sind Themen wie eine diversitätssensible Pflege oder auch eine Hinterfragung der Kategorien Frau und Mann in den Statistiken und Übungen zu unbezahlter Care-Arbeit bislang nicht stark ausgeprägt. Diversität, vor allem im Bereich der Geschlechtsidentität, kommt auch hier häufig noch zu kurz. Allerdings würde das Konzept „Care“ dafür eine gute Ausgangslange bilden, da es den Menschen universal als verletzlich und von der Fürsorge anderer abhängig sieht. Wenn allen Menschen als zentrale Kategorie eine Verletzlichkeit und Abhängigkeit von der Fürsorge anderer zugeschrieben wird, hat das nichts mehr mit Geschlechtsidentitäten zu tun und bricht damit die binäre patriarchale Ordnung des homo oeconomicus auf (vgl. Praetorius 2015). Auch kann eine zunehmende Beachtung geschlechtlicher Vielfalt in der öffentlichen Wahrnehmung Care-Arbeit dabei helfen, sofort als typische Frauen*-Aufgabe assoziiert zu werden. Der Stadtrundgang in Sursee findet hierzu schöne Worte: „Die heteronormative Kleinfamilie ist Ideal und Norm der kapitalistischen Wirtschaft. Im ausgehenden Patriarchat befreien wir uns aus der Norm des heterosexuellen Paars und finden zurück zur Vielfalt von Lebens- und Liebeskonstellationen. Je unterschiedlicher Lebens- und Familienkonstellationen sind, desto deutlicher wird, dass Care im Haushalt auch Arbeit ist und nicht einfach selbstloser Liebesdienst.“ (Praetorius/Tecklenburg/Zahno 2021, S. 15)

Zur Autorin

Feline Tecklenburg ist Mitgründerin und geschäftsführende Co-Vorständin von Wirtschaft ist Care e. V. in Deutschland. Sie promoviert zurzeit an der Universität Paderborn zu Care-Ökonomie. Gemeinsam mit Uta Meier-Gräwe und Ina Praetorius ist sie Herausgeberin des 2023 erschienenen Sammelbandes „Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz“. 2015 war sie im Rahmen ihres Studiums Praktikantin beim AdB.
www.felinetecklenburg.com
Foto: Philip Wilson

Literatur

Biesecker, Adelheid/Wichterich, Christa/Winterfeld, Uta von (2019): Sorgearbeit im Zentrum der Wirtschaft. Das Ganze der Ökonomie; https://bit.ly/3qVkA7D
BMFSFJ (2011): Gender Pension Gap. Entwicklung eines Indikators für faire Einkommensperspektiven von Frauen und Männern; www.bmfsfj.de/resource/blob/93950/422daf61f3dd6d0b08b06dd44d2a7fb7/gender-pension-gap-data.pdf
bpb – Bundeszentrale für politische Bildung (2011): Beutelsbacher Konsens; www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens
Graupe, Silja (2017): Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung. Hintergründe und Beispiele. Herausgegeben für das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung e. V. Duisburg: FGW
Klatzer, Elisabeth/Fartacek, Ruth/Pfau, Sven-David (2023): Caring for Future: Klima- und Care-Krise gemeinsam verstehen und angehen. In: Meier-Gräwe, Uta/Praetorius, Ina/Tecklenburg, Feline (Hrsg.): Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Opladen: Barbara Budrich
Knobloch, Ulrike/Theobald, Hildegard/Dengler, Corinna/Kleinert, Ann-Christin/Gnadt, Christopher/Lehner, Heidi (Hrsg.) (2022): Caring Societies – Sorgende Gesellschaften. Neue Abhängigkeiten oder mehr Gerechtigkeit? Weinheim, Basel: Beltz Juventa
Meier-Gräwe, Uta (2020): Wirtschaft neu ausrichten. Wege in eine care-zentrierte Ökonomie. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 45-2020: Care-Arbeit, S. 28–34
Oxfam (Hrsg.) (2020): Im Schatten der Profite. Wie die systematische Abwertung von Hausarbeit, Pflege und Fürsorge Ungleichheit schafft und vertieft. Deutsche Zusammenfassung und Ergänzung des Kampagnenreports Time to Care; www.oxfam.de/time-to-care
Praetorius, Ina (2015): Wirtschaft ist Care. Oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung
Praetorius, Ina/Tecklenburg, Feline/Zahno, Georges (2021): Wirtschaft ist Care – (K)ein Spaziergang. Zum Beispiel in Sursee. Zürich: Schweizerische Frauen*synode
Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2013): Wert der unbezahlten Arbeit. Das satellitensystem Haushaltsproduktion; www.destatis.de/DE/Ueber-uns/Kolloquien-Tagungen/Veranstaltungen/Zeitverwendung2016/EntwicklungUnbezahlteArbeitPraes.pdf?__blob=publicationFile
Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Halem