Außerschulische Bildung 4/2023

Der Körper als Politikum

Praxis der politischen Bildung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Die Jugendbildungsstätte von HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg arbeitet im Rahmen des Programms „Politische Jugendbildung im AdB“ (2023–2028) in der Fachgruppe zum Themenschwerpunkt „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ mit. Die dafür zugrundeliegende Projektidee umfasst die modellhafte Erprobung und Etablierung von Bildungskonzepten zum Aspekt „Körper als Politikum in der Gesellschaft – politische Bildung aus körperbezogener Perspektive“. Aus dieser Arbeit wird im Folgenden berichtet und eine konkrete Methode vorgestellt. von Tanja Berger
„Politische Positionierungen zeigen sich in Wut und Begeisterung, Ablehnung und Engagement. Soziale Ordnungen sind auch in die Körper eingeschrieben. Diese Erfahrungen als Quellen und Hemmnisse von Lernprozessen wahrzunehmen und zu thematisieren, ist eine wichtige Bedingung gelingender politischer Bildung.“ (Frankfurter Erklärung 2015)

Aus unserer umfassenden Erfahrung in der gendersensiblen Bildung wissen wir, dass der Körper unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen und ihrer geschlechtlichen und sexuellen Emanzipation verbunden ist. Daher werden in den kommenden sechs Jahren im Programm „Politische Jugendbildung im AdB“ die vielfältigen Themen der politischen Bildung im Bereich sexuelle und geschlechtliche Vielfalt konsequent aus körperlicher Perspektive bearbeitet.

Patriarchale Strukturen und heteronormative Wertvorstellungen beeinflussen das äußere Erscheinungsbild von Menschen und daran orientierte Lebensentwürfe. Wer von dieser Norm abweicht, rückt in den Fokus. Dass der Körper dabei leicht zu einer Projektionsfläche von diskriminierenden Zuschreibungen und so auch zum Marker von Teilhabe und Ausgrenzungen wird, zeigt sich z. B. in trans- und queerfeindlichen Debatten, wie etwa jüngst um die Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer (vgl. Gerner 2022).

„Unser Körper ist Gegenstand eines Krieges. Es ist ein Krieg mit unerwarteten Kontrahent*innen und ungewissem Ausgang.“ (Orbach 2022)

Durch den Blick der Anderen werden wir (an)erkannt. Unsere Körper werden gelesen, zum Beispiel als „weiblich“, „männlich“, „arm“, „reich“, „migrantisch“, „jung“ oder „alt“. Und auch wir selbst lesen uns und das Gegenüber nach solchen Zuschreibungen. Das passiert meist, ohne dass wir uns dem widersetzen können. So werden unsere Körper unweigerlich politisch. Konstruktionsprozesse von Geschlecht und Sexualität sind dabei eng mit sozialen, inter- und transkulturellen Aushandlungsprozessen verwoben (vgl. Bütow/Kahl/Stach 2013, S. 9). Die Vorstellungen davon, was Geschlecht ausmacht und wie es nach außen gelebt wird, unterscheiden sich dabei. Gemeinsam ist ihnen, dass ihnen durch körperliche Erscheinung Ausdruck verliehen wird. Vor allem Menschen während der Pubertät suchen ein Wohl- und Zuhause-Fühlen im eigenen Körper und mit dem eigenen Geschlecht. Fragen, die Jugendliche beschäftigen, sind: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Welche Identitäten kann und möchte ich leben? Was ist für mich „normal“, was hinterfrage ich und wogegen muss ich mich abgrenzen?

Foto: Zofia Bobrowska

Aufgabe der politischen Bildung ist es daher, Menschen für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu sensibilisieren und sie dazu anzuregen, eine eigene Haltung herauszubilden und bestehende Haltungen zu reflektieren.

Was soll erreicht werden?

HochDrei e. V. widmet sich dem Schwerpunkt „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ aus verschiedenen körperbezogenen Perspektiven. Der Körper wird als performative, politische Kraft erlebbar gemacht und den Teilnehmenden werden Strategien zur Selbstermächtigung an die Hand gegeben. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass der Körper auch Projektionsfläche für diskriminierende Zuschreibungen sein kann.

Die jungen Teilnehmenden werden dazu angeregt, nach innen zu arbeiten, den eigenen Körper ressourcenorientiert zu entdecken und handlungsfähig zu werden und sie werden ermutigt, nach außen zu wirken und ihre Lebenswelt aktiv und diskriminierungssensibel mitzugestalten.

Aufgabe der politischen Bildung ist es, Menschen für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu sensibilisieren und sie dazu anzuregen, eine eigene Haltung herauszubilden und bestehende Haltungen zu reflektieren.

Ziel ist eine lebensweltnahe Vermittlung des Themas. Die Kinder und Jugendlichen bauen eine gesunde, authentische Beziehung zu ihrem Körper und zu Körperlichkeiten auf, d.h. körperlich aktiv zu sein, ein Bewusstsein für Bewegungen und den eigenen Körper zu erlangen. Sie werden ermutigt, eigene sexuelle und geschlechtliche Identitäten zu leben und angeregt, tolerant gegenüber anderen Identitäten zu sein. Sie werden befähigt, Kinder- und Jugendräume partizipativ, gendersensibel und inklusiv zu gestalten. Sie begreifen ihren Körper als etwas, das es wert ist, respektiert zu werden. Extreme, intolerante Positionen, die ihnen im Alltag begegnen, werden reflektiert und eindeutig als solche markiert. Dies ist die Voraussetzung dafür, Strategien für einen Umgang damit zu entwickeln und auch solidarisch mit Betroffenen zu sein. Manchmal zeigen sich voneinander abweichende Positionen in einer Gruppe, wie z. B. in einem Seminar mit jungen Frauen zum Thema Feminismus und feministisches Handeln. Hier kamen sehr unterschiedliche Meinungen zum Tragen. Von „Feminismus ist wichtig für die Gleichberechtigung“ bis „Feministinnen sind hässlich und wollen freien Sex“. Diese Ambiguität in einem Lernraum sichtbar zu machen, Verletzungen nicht zu zulassen und dennoch weiter im Austausch zu bleiben, kann einen großen Lerneffekt haben.

Um wen geht es?

Mädchen und junge Frauen, die neu in Deutschland sind, genießen oft deutlich weniger Freiheiten als z. B. ihre Brüder und stehen im Konflikt zwischen familiären Erwartungen und Zuschreibungen und den Möglichkeiten, die sie für sich als junge Frauen hier sehen und vielleicht gerne wahrnehmen möchten. Häufig tragen sie eine große Verantwortung im Umgang mit ihren kleineren Geschwistern und Eltern, die wenig oder kein Deutsch sprechen.

Außerhalb der Familie werden sie wiederum in ihrer Identität als Migrantinnen diskriminiert und ggf. wegen ihres Kopftuchs und ihrer Kleidung als „unemanzipiert“ kritisiert. Sie beschäftigen sich mit Themen wie Kleidung, Sexualität, körperliche Selbstbestimmung. Bei vielen von ihnen gibt es einen großen Bedarf, ihr Körperbewusstsein zu stärken. Außerdem ist Selfcare von Bedeutung.

Eine weitere Zielgruppe sind queere Jugendliche, die aufgrund ihrer geschlechtlichen und sexuellen Identität diskriminierungsfreie Räume brauchen, um sich mit anderen auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken. Diskriminierungserfahrungen und Kategorisierungen von außen führen bei ihnen dazu, dass sie sich und ihren Körper immer wieder hinterfragen – eine zusätzliche Herausforderung in einer Zeit, in der ein selbstsicherer Umgang mit dem eigenen Körper sowieso schon nicht selbstverständlich ist. Hier dominieren häufig Themen wie Homophobie, Selbstschutz und Geschlechtsidentität.

Darüber hinaus arbeiten wir auch vereinzelt mit Schulen zusammen. In diesem Fall ist oft die gesamte Bandbreite körperbezogener Themen von Relevanz: Homophobie, Geschlechtervorurteile und -rollen, Fatshaming und Bodyshaming im Allgemeinen, Abwertung von BIPoC, Umgang mit körperlichen Behinderungen in einer Schulklasse. Gleichzeitig sind die Jugendlichen mit der Herausforderung konfrontiert, mit dem eigenen Körper in sozialen Medien wie Instagram zu „bestehen“ und in der Schule die „richtige“ Kleidung zu tragen – je nachdem zu welcher Gruppe sie gehören möchten.

Wie kann es gehen?

Wir wollen viele Jugendliche mit dieser sie betreffenden Thematik erreichen und methodisch schon mit körperbetonten Übungen abholen. So arbeiten wir selbstverständlich partizipativ und möglichst barrierearm. Die aktuellen wissenschaftlichen Diskurse wie doing gender, doing race oder doing class geben dem Themenschwerpunkt eine theoretische Untermauerung. Bewährte Körperarbeit wird von uns methodisch weitergedacht und damit wird ein Raum für innovative Didaktiken geöffnet. Aus produktorientierten Zugängen und dem Austausch über gemeinsame Erfahrungen können unseres Erachtens die Teilnehmenden Kraft sowie Selbstbewusstsein schöpfen. Theatrale, tänzerische und körperbezogene Methoden ermöglichen den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Einfluss auf die Gestaltung des Bildungsprozesses und ihren eigenen Zustand zu nehmen. So werden wertschätzende Begegnungen initiiert, möglichst Klischees durchbrochen und Diskriminierung und Unterdrückung in Frage gestellt. Auch können die eigene Haltung und Privilegien reflektiert werden. Durch die der politischen Bildung zugrundeliegende Reflexion, wird es möglich, die eigene Verantwortung innerhalb bestehender Verhältnisse zu erkennen und sich zu sensibilisieren für internalisierte, heteronormative Denkstrukturen.

Foto: HochDrei e. V.

Die improvisierte Performance-Methode

Theatrale Übungen bieten ein reiches Repertoire an innovativen Ansätzen zur Förderung kreativer Ausdrucksformen und persönlicher Entwicklung. Ein bemerkenswerter Ansatz, der sich auf die Arbeit mit Körperbildern bzw. mit dem Körper als Politikum eignet, ist die improvisierte Performance-Methode, entwickelt von Lorenz Hippe, Dozenten für Theaterpädagogik. Die Methode der „improvisierten Performance“ konzentriert sich darauf, eine kollaborative Aufführung zu gestalten, bei der die Teilnehmer*innen einen – vorher festgelegten – Spielraum und Mindestdauer (5–20 min) nutzen, um spontane Handlungen und kreativen Ausdruck zu zeigen. Die Teilnehmenden bereiten eine Liste von möglichen Handlungen vor, die sich auf bspw. das Selbstbild vom eigenen Körper, Reaktionen der Umwelt darauf, das Verhältnis zum Körper, zu anderen usw. beziehen. Diese Handlungen werden im Vorfeld geprobt und vorbereitet und beziehen sich auf das verabredete Thema.

Eine Handlung kann dabei sein:

  • eine Aktion auf der Bühne im Raum
  • eine Aktion auf der Bühne mit einem oder mehreren Requisiten
  • eine Aktion auf der Bühne mit oder an sich selbst
  • ein gesprochenes Textfragment
  • Erzählen eines persönlichen Erlebnisses (Ausschnitt)
  • Lied singen
  • Musiktitel abspielen
  • sich an einer anderen Handlung anschließen und dasselbe tun
  • bei einer Handlung auf der Bühne zuschauen/zuhören

Alle Handlungen werden improvisiert – zusammen, nacheinander, aufeinander beziehend oder frei für sich stehend.

Ein weiteres Ziel dieser Methode ist es, eine vertrauensvolle Gruppendynamik zu schaffen. Deshalb eignet es sich gut für die oft in die Intimsphäre reichende Thematik der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt. Die Teilnehmer*innen werden ermutigt, sich auf eine Verwundbarkeit einzulassen, die mit der Darstellung von Körperbildern einhergeht. Dies trägt dazu bei, eine unterstützende und sichere Atmosphäre zu schaffen.

Durch die der politischen Bildung zugrundeliegende Reflexion, wird es möglich, die eigene Verantwortung innerhalb bestehender Verhältnisse zu erkennen und sich zu sensibilisieren für internalisierte, heteronormative Denkstrukturen.

Zusätzlich zur theatralen Arbeit in den Handlungen werden die Teilnehmer*innen auf die Rolle der/des Darstellenden vorbereitet. Sie lernen aufeinander zu achten, Feedback zu geben und vor allem gemeinsam an einer Performance zu arbeiten. Diese Zusammenarbeit fördert nicht nur ihre kreativen Fähigkeiten, sondern vertieft auch ihr Verständnis für die Bedeutung des Körperbildes im Alltag, im eigenen Handeln oder gesellschaftlich.

Die improvisierte Performance-Methode kann sehr gut zur Bearbeitung des Themenfelds eingesetzt werden und die Erfahrungen zeigen, dass theatrale, spielerische Methoden gerade hier sehr gut geeignet sind und mit großer Freude angenommen werden.

Zur Autorin

Tanja Berger ist Jugendbildungsreferentin bei HochDrei e. V. in Potsdam und dort im Programm „Politische Jugendbildung im AdB“ im Schwerpunkt „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ tätig. Hier arbeitet sie vernetzt mit anderen AdB-Bildungsreferent*innen im Themenbereich. Das besondere Kennzeichen bei HochDrei ist der Ansatz der Arbeit mit körperbezogenen Methoden zum Thema Körper und Geschlecht.
berger@hochdrei.org

Literatur

Bütow, Birgit/Kahl, Ramona/Stach, Anna (2013): Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Körper, Geschlecht, Affekt – Selbstinszenierungen und Bildungsprozesse in jugendlichen Sozialräumen. Wiesbaden: Springer VS, S. 7–22
Frankfurter Erklärung (2015): Für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung; https://sozarb.h-da.de/politische-jugendbildung/frankfurter-erklaerung (Zugriff: 25.09.2023)
Gerner, Linda (2022): Transfeindliche AfD-Rede im Bundestag. Solidarität nach verbaler Attacke; https://taz.de/Transfeindliche-AfD-Rede-im-Bundestag/!5836192 (Zugriff: 25.09.2023)
Orbach, Susie (2022): Bodies. Im Kampf mit dem Körper. Zürich: Arche Verlag