Transformative Bildung und bewährte Formen der politischen Bildung
Das demokratische Gesellschaftsmodell ist in der Krise. Lange Zeit sprach für demokratische Ordnungen auch, dass sie effektiver und wirtschaftlich erfolgreicher waren. Diktaturen und autoritäre Regime waren etwas für unterentwickelte oder weniger entwickelte Länder, das galt für die Sowjetunion genauso wie für die Volksrepublik China. Jenseits aller Fragen von Menschenrechten und Grundwerten hatten die demokratischen Ordnungen also einen Punkt, mit dem sie die Bürger*innen überzeugen konnten. Salopp gesagt: Im Westen gab es nicht nur Demokratie, sondern auch Bananen.
Aber das Blatt hat sich gewendet. China ist kein Entwicklungsland mehr, sondern ein globaler Player – mit ebensolchen Ansprüchen. „Das leuchtende Abendrot der liberalen Demokratie wurde nach dem Kalten Krieg auch vom chinesischen Wirtschaftswunder entzaubert, das einer politischen Führung zu verdanken ist, die sich ganz unmissverständlich weder liberal noch demokratisch gibt.“ (Krastev/Holmes 2021, S. 8)
Russland hat zwar viele soziale und wirtschaftliche Probleme, ist aber dennoch stark genug, einen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland zu führen, obwohl dieses massiv von den westlichen Staaten unterstützt wird. In der Türkei ist der autoritäre Präsident Recec Tayip Erdoğan gerade wiedergewählt worden.
Die „starken Männer“ versprechen Schutz und Hilfe bei allen Problemen, während die demokratischen Systeme viel Zeit für eine Entscheidung benötigen, die zudem von Streit und Kompromissen geprägt ist. So haben der 2022 veröffentlichten Leipziger Autoritarismus-Studie zufolge über 20 % der Befragten der Aussage: „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“ teilweise oder vollständig zugestimmt (Decker et al. 2022, S. 38). Die politische Bildung ist also gefordert.
Die Bildungsarbeit stellt sich sowieso selbst immer wieder auf den Prüfstand, erwägt, diskutiert und räsoniert, ob sie mit ihren Formen und Inhalten „up to date“ sei. Dabei geht es im Kern allerdings immer um dieselben Fragen:
- Wie kann politische Bildung die Menschen aktivieren? und
- Darf politische Bildung die Richtung vorgeben, also den Menschen nahelegen, welche Meinung sie haben und wofür sie sich engagieren sollen?
Transformative Bildung
Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion steht derzeit die zweite Frage: Die politische Bildung soll den Menschen nicht nur die Demokratie erklären, sondern sie anregen (um das Mindeste zu sagen), sich für eine Transformation der Gesellschaft hin zu Frieden, Umweltschutz und Gleichstellung einzusetzen. Das Schlüsselwort lautet „Transformative Bildung“.

Werner Wintersteiner setzt in seinem Aufsatz „Friedenspädagogik als transformative Bildung“ (Wintersteiner 2010) sogleich einen starken Akzent, indem er seinem Papier ein Zitat eines Altmeisters der Erziehungswissenschaften, Heinz-Joachim Heydorn, voranstellt: „Ein Bildungskonzept ist nur so weit progressiv, als die Kräfte, die es vertreten, zugleich einen direkten politischen Kampf um die Veränderung der Gesellschaft führen. Nur damit werden die Möglichkeiten der Bildung aktualisiert, wird Bildung zu einem bedeutsamen Moment in der Auseinandersetzung. Bildung für sich selbst vermag wenig, sie ist keine List der Vernunft.“ (Heydorn 1972, S. 31)
Heydorn gibt keine Richtung für eine Veränderung der Gesellschaft vor, sondern sieht diese über die Erlangung von Mündigkeit (vgl. Heydorn 1972, S. 7 ff.) gewissermaßen als Selbstzweck.
Das Ziel der Transformativen Bildung ist nicht die Transformation schlechthin, sondern die Transformation hin zu einer bestimmten Gesellschaftsform, die von den Institutionen, die die Transformative Bildung vermitteln, vorgegeben wird.
Wintersteiner hingegen setzt ein klares Ziel: Die Erhaltung bzw. Schaffung von Frieden. Die Friedenspädagogik sei ein „Kernbestandteil einer Kultur des Friedens, jenes säkularen Programms einer friedlichen Umwälzung der gesellschaftlichen Verhaltensweisen, Strukturen und Machtverhältnisse, das erst nachhaltigen und dauerhaften sozialen und politischen Frieden, das heißt eine nicht-gewalttätige Austragung von Konflikten, ermöglicht.“ (Wintersteiner 2010, S. 11) „Friedenspädagogik versteht sich nicht als formatives, sondern als transformatives Unternehmen, das heißt, es geht ihr nicht um die Anpassung der Adressaten an den Status quo (der Kultur der Gewalt), sondern um ihre Befähigung, diesen Status auch zu ändern.“ (Ebd., S. 14)
Das Ziel der Transformativen Bildung ist also nicht die Transformation schlechthin, sondern die Transformation hin zu einer bestimmten Gesellschaftsform, die von den Institutionen, die die Transformative Bildung vermitteln, vorgegeben wird.
Der Ansatz der Transformativen Bildung will die Menschen nicht nur ermächtigen, die Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen, sondern er sagt ihnen auch, was diese Interessen seien. Da stehen an erster Stelle Frieden und Gewaltlosigkeit, aber auch andere Ziele werden genannt, so zum Beispiel die Bekämpfung des Klimawandels (vgl. Lang-Wojtasik 2019, S. 8), der Vertiefung der sozialen Spaltung oder des Erstarkens des Rechtspopulismus, der Wandel der Arbeitswelt sowie der Umbau des Staates (vgl. Engartner/Hedkte/Zurstrassen 2021) oder auch die Gesundheit (vgl. Lenz 2021).
„Eine Transformative Bildung im Sinne einer kritischen politischen Bildung zur sozialökologischen Transformation umfasst drei Ebenen: Eine strukturelle Ebene reflektiert die gesellschaftlichen Verhältnisse, eine individuelle Ebene reflektiert das eigene Eingebundensein in diese und regt eine Transformation des Selbst- und Weltverhältnisses an und eine transformative Ebene regt ein Handeln in die Gesellschaft hinein an, das auf Veränderung und das Entwickeln von Utopien abzielt. Diese Fluchtpunkte gilt es noch weiter auszuarbeiten und mit Erfahrungen aus der Bildungspraxis zu ergänzen.“ (Lingenfelder 2020, S. 56)
Der Ansatz der Transformativen Bildung will die Menschen nicht nur ermächtigen, die Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen, sondern er sagt ihnen auch, was diese Interessen seien. Da stehen an erster Stelle Frieden und Gewaltlosigkeit.
Nüchterner formuliert Janet McIntyre-Mills das Ziel Transformativer Bildung: „Transformative education involves the teaching and learning intended to empower learners to take informed decisions and actions at the individual, community and global levels. Education is critical for enabling the development of the requisite knowledge, skills and values for learners to participate in individual and collective decisions making. It is necessary to guide and evaluate actions, and how they might impact on the planet of the future.” (McIntyre-Mills 2022, S. 10)
Wie geht man aber damit um, wenn die Beschäftigten eines Atomkraftwerks sich für die Weiternutzung nuklearer Energie aussprechen? Erkennen sie ihre Interessen (Arbeitsplatz) und unterstützt die Transformative Bildung sie darin, diese zu vertreten, oder irren sie, weil sie ihre „objektiven Interessen“ (im Gegensatz zum Bildungsträger) nicht verstehen, und müssen daher auf den richtigen Weg gebracht werden?
Mandy Singer-Brodowski weist in ihrem Aufsatz zur Transformativen Bildung auf diese Gefahren hin: „Lernende für politische Zwecke zu instrumentalisieren und sie dementsprechend zu indoktrinieren, gilt in der politischen Bildung im Anschluss an den Beutelsbacher Konsens als unzulässig.“ (Singer-Brodowski 2019, S. 14)
Die Autorin stellt der Transformativen Bildung das transformative Lernen gegenüber, das zum Ziel habe, Lernprozesse so zu organisieren, dass Erwachsene ihre bisherigen Einstellungen ändern (also transformieren) können, ohne ihnen die Inhalte vorzugeben (vgl. ebd., S. 14 f.). „Transformatives Lernen in diesem Sinne bedeutet eine Veränderung der subjektiven Bedeutungsperspektiven ohne eine vorgegebene Richtung durch Lehrende. Sie ermöglicht jedoch einen umfassenden (Ideologie-kritischen) Reflexionsprozess über die Beziehungen, die Lernende zu ihrer natürlichen und sozialen Umwelt haben, und ihre eigene Entwicklung in Richtung einer aktiven, konstruktiven und nachhaltigen Bürgerschaft.“ (Ebd., S. 16) Die Autorin verweist am Ende dieses Passus auf den Artikel von Stephen Sterling (2010).
Nun mag man einwenden, dass kein vernünftiger Mensch etwas gegen Frieden, Gewaltfreiheit, Umwelterhaltung, Nachhaltigkeit, Solidarität, Armutsbekämpfung und Menschenrechte haben kann, dass man diese Ziele also durchaus vorgeben könne. In der Tat agiert die politische Bildung ja nicht im luftleeren Raum, sondern sie ist wertegebunden. Diese Werte finden wir in den verschiedenen Grundsatzdokumenten, auf denen unser Gemeinwesen beruht, der UN-Menschenrechtscharta, der EU-Grundrechtecharta, dem Grundgesetz, den Verfassungen der deutschen Länder, um nur einige zu nennen. Politische Bildung ist daher nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, ihre Angebote an diesen Werten auszurichten. Richtig ist auch: Politische Bildung ist mehr als Informationsvermittlung, ihr Ziel ist nicht der gebildete, sondern der aktive Mensch.
Aber bei der Ausformulierung der Inhalte bedarf es einer großen Zurückhaltung, sonst wird aus dem Angebot ein Oktroy und aus der angestrebten Emanzipation der Teilnehmer*innen eine Regression in die Unmündigkeit. Man kann den Teilnehmer*innen helfen, ihre Interessen zu erkennen, zu formulieren und sich für sie einzusetzen – aber man kann ihnen diese nicht vorgeben. Wer zu viel will, erreicht nichts.
Dies bringt uns zu der ersten Frage: Wie kann man Menschen in Bildungsveranstaltungen aktivieren? Auch hier scheint die Antwort einfacher als sie ist: Wir leben in der digitalen Welt und müssen unsere Angebote danach ausrichten: Instagram, Tiktok und (für die Älteren) Facebook: kürzer, schneller und bunter. Wirklich?
Das Internet und die Sozialen Medien ermöglichen einen leichten Zugang zu anderen Ländern und Kulturen. Tatsächlich sind die modernen Medien wichtige Hilfsmittel für die (europa)politische Bildung, aber sie können sie nicht ersetzen. Der Mensch ist nämlich wie er immer war, der Mensch ist dialog. Er braucht den Austausch, die Auseinandersetzung und auch den persönlichen Kontakt.
Begegnungsseminare
Tatsächlich erfährt hier die traditionelle Form der politischen Bildung eine Renaissance: das Begegnungsseminar. Es ist nämlich nach wie vor für Menschen interessant, andere Menschen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. In der Coronazeit hat sich das deutlich gezeigt – gerade als es nicht möglich war.
Diese Begegnungen sind auch für die Bildungsarbeit wichtig, und zwar nicht nur, weil sie den Teilnehmer*innen Spaß machen (was ja auch nicht verkehrt ist).
Begegnungsseminare sind auch Friedensarbeit. Ein Krieg bricht nicht aus, er wird gemacht – und er wird vorbereitet. Der Krieg hat immer eine Vorgeschichte, in der die Angehörigen anderer Staaten herabgesetzt oder verteufelt werden. Vorurteile und Hass führen nicht automatisch zum Krieg, aber sie sind eine unabdingbare Voraussetzung dafür, eine Gesellschaft in den Krieg zu führen.

Die Nationalsozialisten haben ihren Angriffskrieg in Richtung Osten und die Verfolgung der Juden damit eingeleitet, dass sie in ihrer Propaganda Slawen und Juden als „minderwertige Völker“ verunglimpften und die Juden aus dem gesellschaftlichen Leben für alle sichtbar immer weiter ausgrenzten. Auch Russland hat seinen Feldzug gegen die Ukraine jahrelang vorbereitet, durch die Zerstörung der Demokratie im eigenen Land, durch die Verleumdung der ukrainischen Zivilgesellschaft („vom westlichen Ausland aufgewiegelt und bezahlt“) und der ukrainischen Regierung („Faschisten“), sowie durch die Aussage, die Ukraine sei gar kein richtiger Staat.
Bildungsarbeit bleibt nötig als Begegnung von realen Menschen in realen Räumen, die sich miteinander über reale Prozesse austauschen und mit ihren Interessen verorten.
Bildungsarbeit bleibt nötig als Begegnung von realen Menschen in realen Räumen, die sich miteinander über reale Prozesse austauschen und mit ihren Interessen verorten. Aus diesem Grund sind Veranstaltungen, bei denen Menschen aus verschiedenen Ländern sich treffen, diskutieren, gemeinsam lernen und miteinander Zeit verbringen, von großer Bedeutung. Sie werden mit der Erfahrung nach Hause gehen, dass die anderen zwar in manchem anders, aber nicht schlechter oder gar weniger wert sind, ja, dass die Betrachtung über den unterschiedlichen Wert von verschiedenen Menschen in sich menschenverachtend und unsinnig ist.
Die europapolitische Bildung hat nach dem Zweiten Weltkrieg als Begegnungsarbeit begonnen. Ein Aktivist der ersten Stunde, Claus Schöndube, erinnerte sich: „Die Tatsache, dass wir, die Kriegsgeneration, hier Europäer sein durften, in Frieden, Freiheit und Freundschaft das Gespräch über die Grenzen führen konnten, Pläne schmieden und Aktionen planen konnten, machte uns so viel Freude, erfüllte uns so, dass viele von uns viel froher waren als spätere gelangweilte Tagungsteilnehmer in Luxushotels.“ (Schöndube 1981, S. 4)
Sich kennenzulernen war nach den Jahrzehnten und Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den Völkern ein wichtiger Schritt. Dies ist heute aus anderem Grund wieder der Fall: Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft, wie wir gerade auch über die Grenzen der Europäischen Union hinaus erleben. Ereignisse in einem Land führen zu Konsequenzen in anderen. Wichtige Entscheidungen werden auf europäischer Ebene getroffen. Wir sind aufeinander angewiesen. Dies bedeutet auch, dass wir voneinander wissen müssen, wer wir sind, warum wir so sind, wie wir sind, und wie wir „ticken“.
Die Suche nach neuen Formen und Theorien der politischen Bildung sollte daher das bisher Genutzte nicht leichtfertig zur Seite legen und die Verpackung (Social Media) nicht mit dem Inhalt verwechseln. Anders gesagt: Auch in der digitalisierten Gesellschaft ist das Rad eine wichtige Erfindung.
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