Ein jugendorientierter Beitrag zur Friedenssicherung in Europa
Die Welt wird von Krieg und Krisen erschüttert. Junge Menschen erleben eine prekäre Welt- und Sozialordnung, sie sehen das friedliche Miteinander und eine klimagerechte Umwelt bedroht. 86 % sorgen sich um die eigene Zukunft, 68 % macht der russische Angriffskrieg auf die Ukraine Angst, sie fürchten eine Ausweitung auf Europa. 55 % sind angesichts des Klimawandels besorgt (vgl. Schnetzer/Hurrelmann 2022, S. 10). Aktuelle Befunde der Jugendforschung bestätigen die derzeitige Verunsicherung und Krisenerfahrungen, wobei die Folgen der Covid-19-Pandemie die erlebten Ohnmachtsgefühle Jugendlicher zusätzlich verstärken (vgl. z. B. Hafeneger 2023, S. 41 f.; zum „Krieg in Jugendstudien“, S. 42 f.). Dies geht Hand in Hand mit Meinungsumfragen zu den Erwartungen junger Menschen in Europa an die politischen Akteure der EU. Am häufigsten fordern sie die Bewahrung des Friedens, die Stärkung der internationalen Sicherheit und Förderung der internationalen Zusammenarbeit (37 %), den Kampf gegen Armut sowie wirtschaftliche wie gesellschaftliche Ungleichheiten (32 %) und das Verfolgen einer umweltfreundlichen Politik und Bekämpfung des Klimawandels (31 %) (vgl. Europäische Union 2022, S. 17). Gemeinschaft und Solidarität in Europa haben einen neuen Stellenwert für Jugendliche erlangt, die europäischen Werte stehen für sie jedoch ernster denn je auf dem Prüfstand. Junge Menschen sind von der multiplen Krisenlage emotional stark betroffen. Um die dramatischen Entwicklungen zu verarbeiten, brauchen sie Orte und Angebote, um sich für ein friedliches Miteinander einsetzen zu können. Flucht und Krieg werden in Europa immer unmittelbarer erfahrbar und fordern die Jugendarbeit enorm heraus. Diese Umstände verlangen nach neuen Konzepten und adäquaten Ansätzen. Der Friedenspädagogik kommt dabei eine zentrale Rolle zu.
Trotz Trauer, Wut und Hilflosigkeit angesichts der aktuellen Situation zeigen Jugendliche gleichzeitig eine hohe Bereitschaft für persönliches Engagement. So sprechen sich 40 % in Deutschland sogar für eine „Dienstpflicht“ aus, bei der alle Bürger*innen verpflichtend einen Militärdienst oder eine alternative gemeinnützige Tätigkeit leisten müssten (vgl. TUI Stiftung 2022, S. 21). In einer aktuellen Jugendstudie geben 80 % der Befragten an, dass es für sie sehr oder eher wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen, die Mehrheit der Jugendlichen (69 %) will einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten (vgl. Trialogue Salzburg/Liz Mohn Center 2022, S. 3; 5). Dieses Ergebnis korrespondiert mit Umfragen zur Wirkung von internationalen Austauschprojekten. Die Evaluierung des EU-Jugendprogramms Erasmus+ zeigt, dass gerade das Thema Solidarität für junge Menschen in Europa von großer Bedeutung ist. Für 64 % der Jugendlichen gewinnt es nach der Projektteilnahme an erster Stelle an Wichtigkeit. Aber auch Freiheit (61 %), Menschenrechte (59 %), Frieden (58 %), Demokratie (52 %) und Gewaltfreiheit (51 %) werden den Teilnehmenden nach einem internationalen Austausch wichtiger (vgl. Datenbasis RAY/Unter der Lupe, Datenreport 2017/2020, S. 28; zitiert bei Feldmann-Wojtachnia/Tham 2021, S. 193).
Friedensarbeit – Ziel von internationalem Jugendaustausch
Frieden ist mehr als Abwesenheit von Krieg, das ist jungen Menschen bewusst. Ein friedliches demokratisches Miteinander setzt auch friedliche zwischenstaatliche Beziehungen voraus. In der modernen Friedens- und Konfliktforschung wird daher von einem fundamentalen Zusammenhang von Demokratie und Frieden ausgegangen – dies ist ebenfalls eine wesentliche Grundlage für die Friedenspädagogik. Die Gesetzmäßigkeit des demokratischen Friedens ist bereits eine aufklärerische Erkenntnis und basiert auf Immanuel Kants Aufsatz „Zum ewigen Frieden“ (1795). Dieser benennt als wichtige friedensbildende Pfeiler enge Handels- und Wirtschaftsbeziehungen wie auch den kulturellen Austausch zwischen den Gesellschaften und Staaten. „Ideelle Vielfalt und interkulturelle Kommunikation sind der notwendige Nährboden, auf dem jene vernunftgetragene Weltbürgerschaft gedeihen kann, die Immanuel Kant vorschwebte. So besehen ist Friedenspolitik zugleich immer auch Kultur- und Bildungspolitik.“ (Reheis 2023, S. 2)

Die pluralistische Mitwirkung der Zivilgesellschaft ist für die Legitimierung demokratischer Strukturen grundlegend. Darum ist Frieden nicht nur als außenpolitisches Phänomen aufzufassen, sondern als ein gesellschaftliches, demokratisches Grundprinzip, zu dem die gewaltfreie Lösung von Konflikten zählt. Gute friedenspädagogische Voraussetzungen zur Vermittlung bietet der internationale Jugendaustausch. Er kann ein Wegbereiter sein, wo die politische Zusammenarbeit erschwert ist, Gesprächskanäle für junge Menschen offenhalten, fernab von verkrusteten Strukturen Kontakte und Freundschaften in der Zivilgesellschaft aufbauen und Austausch – auch über Differenzen und schwierige Themen – ermöglichen. Der internationale Jugendaustausch eröffnet jungen Menschen einen geeigneten Rahmen für interkulturelles Lernen, soziales Engagement und eine kritische Überprüfung der eigenen Sichtweisen. Zentral ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und deren konkrete Umsetzung in Projekten und Aktivitäten – verbunden mit einer qualifizierten pädagogischen Begleitung.
Trotz Trauer, Wut und Hilflosigkeit angesichts der aktuellen Situation zeigen Jugendliche eine hohe Bereitschaft für persönliches Engagement.
Die Methoden der Friedenspädagogik und aktiver Friedensarbeit sind vielfältig und müssen für den jeweiligen Kontext und der Zielgruppe entsprechend adaptiert werden. Es bieten sich zahlreiche Ansätze des interkulturellen, sozialen und globalen Lernens sowie der politischen, kulturellen und historischen Bildung an. Die pädagogische Praxis ist dabei als Bildung für Frieden zu verstehen. Angepasst an die aktuellen Herausforderungen ist dies jedoch in ein stimmiges friedenspädagogisches Konzept zu bringen. Für folgende Fragen gilt es, klare inhaltliche, methodische und didaktische Antworten zu formulieren: Mit welchem Wissen, welchen Fähigkeiten und welchen Handlungsmöglichkeiten können Individuen empowert und kann das gemeinschaftliche friedliche Miteinander gestärkt werden?
Die Basis für die Vermittlung von Friedenskompetenzen, Friedensfähigkeit und der Befähigung zum konkreten Friedenshandeln sind eine „Sensibilisierung und Überwindung von Gewalt und Gewaltstrukturen“ (Grasse/Gruber/Gugel 2008, S. 11) und das Recht von Kindern und Jugendlichen, mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen, gehört und ernst genommen zu werden. Partizipation ist somit als ein weiteres Grundprinzip der Friedenspädagogik anzusehen. Allerdings heißt es auch zu bedenken: „jedes Friedensverständnis kann für sich Gültigkeit beanspruchen, das sich als anschlussfähig und passend an die kulturellen, kognitiven und emotionalen Vorerfahrungen und Vorkenntnisse von individuellen, interaktiven und sozialen Systemen erweist. Das kann für die stark westlich geprägte Friedenspädagogik und ihr zu Grunde liegendes Wertesystem zu Irritationen führen und die Dringlichkeit verstärkter internationaler und interkultureller Diskurse nahelegen.“ (Frieters-Reermann 2020, S. 10)
Jugendorganisationen als Friedenstifter?
In Deutschland ist die Internationale Jugendarbeit im Paragraph 11 des Achten Sozialgesetzbuchs (SGB VIII; §11 (3)4. SGB VIII) verankert und ein integraler Bestandteil von Jugendarbeit und Jugendpolitik. Sie ermöglicht Austausch und Begegnung junger Menschen aus verschiedenen Ländern. Jugendorganisationen werden, besonders, wenn sie internationalen Austausch ermöglichen, von den Vereinten Nationen als wichtige Friedensstifter betrachtet (vgl. UN 2018, S. 10). Auch das Selbstverständnis des internationalen Jugendaustauschs formuliert den Auftrag, einen Beitrag zur Friedenssicherung durch internationale Verständigung zu leisten. So beschreibt beispielsweise der Bayerische Jugendring (bjr) die Wirkungsweise der Internationalen Jugendarbeit (IJA) folgendermaßen:
„Die IJA ist ungebrochen ein wichtiges Instrument im Bereich der Demokratie-Bildung, politischen Bildung und internationalen Verständigung. Außerdem fördert sie nachhaltige, individuelle Reflexionsprozesse und Kompetenzen, um sich mit Gesellschaftsprozessen kritisch auseinander zu setzen.“ www.bjr.de/handlungsfelder/internationale-jugendarbeit/grundlagen-internationaler-jugendarbeit (Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 31.07.2023)
Gerade in Europa trug und trägt der transnationale Jugendaustausch mit seiner pädagogischen Begleitung entscheidend dazu bei, Vorurteile abzubauen und Ressentiments entgegenzuwirken. Durch die Freiwilligkeit sowie den hohen Grad an Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme werden die Teilnehmenden zu gesellschaftlichem Engagement und zur Teilhabe angeregt und ihre Persönlichkeitsentwicklung wird gestärkt. Wissenschaftliche Studien belegen auf vielfache Weise die positiven, letztlich friedensstiftenden Effekte von grenzüberschreitenden Erfahrungen (vgl. RAY 2022). Trotz unterschiedlicher Ansichten lernen weit über 80 % der Teilnehmenden, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und 95 % geben an, mit Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund besser zurechtzukommen (vgl. ebd., S. 21 ff.).
Internationale Jugendarbeit zeichnet sich durch den Begegnungscharakter und die Kooperation von zivilgesellschaftlichen Akteuren aus. Sie bietet individuelle und gemeinschaftliche Lern-, Erfahrungs- und Reflexionsräume, die auch eine nicht zu unterschätzende (gesellschafts-)politische Dimension haben.
Internationale Jugendarbeit zeichnet sich durch den Begegnungscharakter und die Kooperation von zivilgesellschaftlichen Akteuren aus. Sie bietet individuelle und gemeinschaftliche Lern-, Erfahrungs- und Reflexionsräume, die auch eine nicht zu unterschätzende (gesellschafts-)politische Dimension haben (vgl. Ballhausen/Feldmann-Wojtachnia/Kleideiter 2014, S. 67 ff.). Frühere Forderungen nach mehr „Politisierung“ in der Debatte um die Bildungsansätze der Internationalen Jugendarbeit hat das weltpolitische Geschehen spätestens mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gewaltsam eingeholt. Eine qualitative Jugendarbeit sollte nun der Politisierung des Alltags junger Menschen auch entsprechen können.
Jugendaustausch in Europa im Krisenmodus
1988 wurde zur Förderung des internationalen Jugendaustauschs ein eigenes Förderprogramm „Jugend für Europa“ der damaligen Europäischen Gemeinschaft ins Leben gerufen. Ab 1996 wurden die Aktivitäten mit dem Europäischen Freiwilligendienst (EFD) erweitert. Mittlerweile wurde die siebte Generation des Programms JUGEND seit 2014 im Rahmen von Erasmus+ für den Zeitraum 2021–2027 aufgelegt. Zudem besteht für den Europäischen Freiwilligendienst seit 2018 ein zweites EU-Jugendprogramm, das Europäische Solidaritätskorps (ESK). Seit 2022 ist außerdem der Bereich Erasmus+ Sportaktionen zum Aufbau von Partnerschaften, zur Durchführung von Veranstaltungen und zum Kapazitätsaufbau von internationalen Kooperationsprojekten hinzugekommen. Mit diesen Programmen hat sich die Europäischen Union zum Ziel gesetzt, Begegnungen junger Menschen in Europa und die Multiplikator*innen der Jugendarbeit sowie entsprechende Jugendstrukturen zu fördern und auf diese Weise einen nachdrücklichen Beitrag zur friedlichen Verständigung in Europa zu leisten.
Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2019 haben europaweit etwa 1 Million Jugendliche an 25.000 Projekten von Jugendbegegnungen teilgenommen. Trotz deutlicher Folgen der Pandemie liegen die vorläufigen Zahlen für 2022 bereits wieder bei 700.000 Teilnehmenden (vgl. Europäische Kommission 2022). Kurz nach Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine und im Europäischen Jahr der Jugend 2022 wurde sogar eine zusätzliche Antragsfrist gewährt, um das Engagement junger Menschen gegen Krieg und Gewalt mit Projekten für Solidarität, Demokratieförderung und aktive Friedensarbeit zu unterstützen. Der Fokus richtet sich dabei besonders auf Jugendorganisationen, um aktiv Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine zu leisten oder ihre Partnerorganisationen in der Ukraine zu unterstützen, insbesondere mit Solidaritätsprojekten zur „Initiierung von Diskussions- und Orientierungsprozesse zu den Folgen des Krieges“ im Rahmen des Europäischen Solidaritätskorps oder über die Förderlinie der Jugendpartizipationsprojekte zur „Unterstützung beim (Wieder)Aufbau von Jugendbeteiligung und Jugendbeteiligungsstrukturen der Ukraine“. Aber es kann auch um die „Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements in den angrenzenden Regionen der Ukraine“ gehen oder die „Unterstützung der Jugendbeteiligung und Jugendbeteiligungsstrukturen in der Russischen Föderation und Belarus“ mit dem einschränkenden Zusatz „soweit das möglich ist“ und entsprechenden Hinweisen. Ebenso können die Projekte eine „Auseinandersetzung mit den Folgen des Krieges und der politischen Bildung junger Menschen sowie das Leben europäischer Werte, einschließlich „Aktivitäten für/mit ukrainischen Geflüchteten“ zum Ziel haben. www.jugendfuereuropa.de/news/11151-projekte-fuer-solidaritaet-demokratiefoerderung-und-friedensarbeit-zusaetzliche-antragstellung-im-mai-moeglich
Internationale Jugendarbeit – Zeichen des Friedens in Zeiten des Krieges, aber wie?
Der russische Angriffskrieg beeinträchtigt und belastet die Jugendbegegnungen in Europa: Es findet kaum noch Austausch mit Jugendlichen in der Ukraine statt. Zum einen steht mit „Ausbruch des Krieges (…) plötzlich humanitäre Hilfe statt klassischer Jugendverbandsarbeit auf der Tagesordnung der Organisationen“ (Shevchuk/Starz 2022, S. 84). Zum anderen sind seit Beginn des Krieges mehr als vier Millionen Menschen aus der Ukraine in die Nachbarländer geflüchtet, darunter vorwiegend Mütter mit ihren Kindern. Es wurden bislang über 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aus der Ukraine vertrieben (vgl. IOM UN Migration 2023). Vgl. eine ausführlichere Darstellung für Deutschland: https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/ukrainische-fluechtlinge.html Das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW), das bis zum Krieg über 100 trilaterale deutsch-polnisch-ukrainische Jugendbegegnungen verzeichnen konnte, unterstützt seither den aktiven Friedensdienst von Jugendorganisationen und Initiativen junger Menschen durch eine umfangreiche Hilfe für ukrainische Partner und für humanitäre und öffentlichkeitswirksame Aktionen (vgl. https://dpjw.org/dpjw-foerderung-zur-unterstuetzung-ukrainischer-partner-einsetzen). Der Krieg hat außerdem zur Folge, dass die meisten Austauschprogramme mit Russland gestoppt wurden. Dennoch können Austauschschüler*innen aus Russland sowie Hospitationsaufenthalte von russischen Fachkräften der außerschulischen Jugendarbeit weiterhin in Deutschland zum Erhalt der aufgebauten Strukturen gefördert werden. Ebenfalls sind trilinguale Maßnahmen (deutsch, ukrainisch, russisch) für Geflüchtete aus der Ukraine mit deutschen Jugendlichen in Deutschland möglich (vgl. www.stiftung-drja.de/de/startseite-foerderung-neu.html). Dies ist als ein klares Friedenszeichen zu verstehen.
Auch wenn der internationale Jugendaustausch eine zukünftige Zusammenarbeit mit Russland nach dem Krieg im Blick behält, stellt sich vorrangig der Frage, wie heute bei internationalen Jugendbegegnungen Krieg und Frieden zum Thema gemacht werden können. Zunächst sollte geklärt werden, warum darüber gesprochen werden muss. Zweifelsohne wird der Jugendaustausch ein wichtiges Element der ukrainisch-russischen Aussöhnung sein. Hierfür müssen jedoch die Grundlagen bereits jetzt geschaffen werden. Dabei können gerade junge Menschen helfen, Begründungen und Sichtweisen zu entwickeln, die den Willen und einen Weg zurück zum Frieden und zu einem neuen zwischenstaatlichen Gleichgewicht aufzeigen. Denn „Jugendbegegnungen können als Generator für Alternativvorstellungen zu schulischen Lehrinhalten und tradierten Perspektiven in der Familie dienen und gleichzeitig persönliche Bezüge thematisieren.“ (König/Jalabert 2023, S. 9) Nicht-formale, außerschulische Bildungsarbeit fördert das kritische Denkvermögen und erschwert damit ein „Abdriften in antidemokratische, kriegerische Politik“, internationale Begegnungen verleihen den „Anderen“ Gesichter (ebd., S. 7).

In Zeiten des Krieges ist die internationale Jugendarbeit wichtiger denn je. Sie ermöglicht es, die Gefühle junger Menschen von Angst, Schrecken und Ohnmacht ernst zu nehmen und auf der Gefühls- und Verstandesebene eine differenzierte und reflektierte Auseinandersetzung anzuregen. Gerade internationale Begegnungen bieten die Möglichkeit, für selbstverständlich gehaltene Überzeugungen zu hinterfragen und als eine von vielen möglichen Perspektiven auf die Welt zu erkennen. Essentiell ist dabei ein sensibler Umgang mit den Spannungen und Schuldgefühlen, die sich in einer emotional aufgeladenen, plakativen Gegenüberstellung von „Täternationen“ und „Opfernationen“ schnell entwickeln können. So gilt es, klar zwischen Verständnis, bezogen auf das Nachvollziehen objektiver Tatsachen, und Einverständnis, also der subjektiven Bewertung oder Zustimmung, zu unterscheiden. All dies verlangt von Multiplikator*innen der internationalen Jugendarbeit eine hohe Fach- und Moderationskompetenz. Denn „zur kritischen Beurteilung einer Tatsache wie etwa eines Angriffskriegs sind moral-ethische und völkerrechtliche Maßstäbe zwar wichtig, aber nicht ausreichend“ (Reheis 2023, S. 24). Entscheidend sind neben der Aufklärung über die politischen Zusammenhänge jugendgerechte Angebote zum Austausch und zur eigenen Meinungsbildung. Hierfür sollten im Rahmen des internationalen Jugendaustauschs geschützte, pädagogisch begleitete Räume und ausreichend Zeit zur Reflexion online und wo immer möglich in Präsenz bereitgestellt werden. Dies ermöglicht, vor Ort Themen der Teilnehmenden aufzunehmen, über Frieden und Krieg zu sprechen und mit Handlungsoptionen zum Engagement für die Demokratie zu verknüpfen. Auch sollten nach Möglichkeit Zeitzeugen und Akteure der Friedensarbeit als Mahnende, aber vor allem Mutmacher*innen eingebunden werden.
Im Sinne eines „Verständigungsfriedens“ ist es wichtig, Jugendliche zu einem Dialog über schmerzhafte und schwierige Themen zu ermutigen, sie dabei fachlich-professionell und pädagogisch kompetent zu begleiten, um gemeinsam Wege der aktiven Gewaltfreiheit, gelebten Demokratie und der konstruktiven, zivilen Konfliktbearbeitung zu bestreiten.
Nicht nur die Themen, auch die Bedingungen für internationale Jugendbegegnungen haben sich also grundlegend verändert. In Kriegs- und Krisenzeiten richten sich nunmehr hochkomplexe Ansprüche und Erwartungen an eine fachlich kompetente Jugendarbeit. Viele Fachkräfte sind durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine jedoch in ihrem professionellen Selbstverständnis erschüttert und bezüglich möglicher Angebote verunsichert. Sie müssen ihre Haltung, die eigene Rolle und ihre Handlungsmöglichkeiten neu definieren. Das bringt sie in ein Spannungsfeld, in dem sie sich über ihren pädagogischen Bildungsauftrag hinaus selbst in einen Lernprozess begeben müssen. Hierfür benötigen auch sie Zeit, entsprechende Räume und Angebote zur Weiterqualifizierung (vgl. Jantschek 2023, S. 55).
Fazit: Wer Frieden will, muss Frieden vorbereiten
Der traditionellen Friedensarbeit in der Bundesrepublik Deutschland liegt ein prozessualer und positiver Friedensbegriff mit dem Ziel, „soziale Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens zu fördern“ (Berghoff Foundation 2012, S. 29 f.), zugrunde. Die momentanen Zeiten sind allerdings schwierig: Die Garantie der Sicherheit ist für die Umsetzung der Friedensarbeit besonders im Rahmen von internationalen Jugendbegegnungen eine wichtige Bedingung und erfordert letztlich mehr als einen dauerhaften Waffenstillstand. Dieser wiederum ist jedoch die Voraussetzung dafür, dass transnationale Jugendbegegnungen in und mit Ländern der Kriegs- und Krisenregion physisch möglich sind. Angesichts des großen Potenzials von internationalen Jugendbegegnungen ist es also wichtig, die Arbeit von außerschulischen Bildungsträgern in vielfacher Hinsicht so zu stärken und die politische Jugendbildung dahingehend zu intensivieren, dass sie dem Thema Krieg und den Auswirkungen für junge Menschen auch im internationalen Austausch gerecht werden kann. Ziel sollte es sein, die Ansätze der Friedenspädagogik für Jugendbegegnungen zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Im Sinne eines „Verständigungsfriedens“ ist es wichtig, Jugendliche zu einem Dialog über schmerzhafte und schwierige Themen zu ermutigen, sie dabei fachlich-professionell und pädagogisch kompetent zu begleiten, um gemeinsam Wege der aktiven Gewaltfreiheit, gelebten Demokratie und der konstruktiven, zivilen Konfliktbearbeitung zu bestreiten. Grundsätzlich sind die internationale Jugendarbeit und ihre Akteure hierfür kompetent und methodisch-didaktisch gut aufgestellt. Und sie finden Zugänge zu jungen Menschen, über die die Politik nicht verfügt. Allerdings muss die Jugendarbeit als wichtiger zivilgesellschaftlicher Sektor besser ausgestattet und mit externer Expertise unterstützt werden, um die Zusammenarbeit mit Schulen und der lokalen politischen Bildungsarbeit auszubauen (vgl. u. a. König/Jalabert 2023, S. 13 f.). Denn die Friedensarbeit beginnt immer vor Ort.
Zur Autorin

eva.feldmann@lrz.uni-muenchen.de
Foto: CAP