Eine Einführung in die Jugendforschung
Wochenschau Verlag, 160 Seiten
Im Klappentext zu diesem im Taschenbuchformat erschienenen Buch ist die Rede davon, dass diese Buchreihe („Wochenschau Studium“) den veränderten Lehr- und Lernformen der Studierenden Rechnung trägt. Wir werden sehen, was das heißt.
Der Autor Benno Hafeneger, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften in Marburg hat sich nichts weniger vorgenommen als einen Überblick „über Jugenddebatten, das Generationenverhältnis, Jugendkulturen im Wandel zu bieten“. An diesem Anspruch muss er sich dann auch messen lassen.
Das Buch startet mit Verweis auf historische Fundstellen mit dem immer wiederkehrenden Phänomen, dass die Gesellschaft sich selbst darüber verständigen muss, wie sie die Jugend wahrnimmt. Historische Konstanten sind dabei ein gewisses Unverständnis bzw. ein durch alle Zeiten wiederkehrendes Aufstöhnen über die Ungezogenheit der Jugend. Wissenschaftliche Beschäftigung mit der Jugend beginnt für ihn mit Karl Mannheim und dessen Analysen der Generationsverhältnisse. Und damit ist schon eine sehr deutsche, eher geisteswissenschaftlich-sozialwissenschaftliche Begründung der folgenden Darstellung gelegt. Dementsprechend fehlen weitgehend soziologische Befunde, insbesondere die amerikanischen Forschungen zur Integration von Jugend in sich rasch verändernde Gesellschaften wie man sie bei Durkheim, Parsons, Eriksson oder aktueller Sennett findet. Auch das aktuell diskutierte Konzept von „Emerging Adulthood“ (eine eigenständige Phase zwischen Jugend und Erwachsensein) von J.J. Arnett taucht hier nicht auf. Im weiteren Argumentationsgang stehen demnach nicht Prozesse der Integration, Identitätsfindung und Individuierung im Vordergrund, sondern das, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit von Jugend wahrgenommen hat bzw. wahrnimmt. Durchaus ein löbliches Unterfangen.
Sehr aufschlussreich hingegen sind die Verweise in Richtung der politischen Systeme zu betrachten, wenn der Autor feststellt, dass man von „Jugend“ nur in Demokratien sprechen kann, in offenen Gesellschaften, die Suchbewegungen überhaupt zulässt. In der Auswahl der beispielhaft untersuchten Jugendbewegungen bieten vor allem die Ergebnisse über die Halbstarken der 50er Jahre sowie über eine recht sinnvolle Bewertung der Jugend in Zeiten von Corona wichtige Erkenntnisse. An dieser Stelle attestiert Hafeneger einigen Studien einen defizitären, individualisierenden Blick auf die Jugendlichen, ohne dass diese die besonderen Fähigkeiten der Jugendlichen im Umgang mit dieser einschneidenden Erfahrung überhaupt nur erwähnen. So interessant diese beiden Beispiele auch sind, so fehlt doch eine Begründung dafür, dass diese beispielhaft und exemplarisch für Jugendbewegungen stehen. Die problematische Begrenzung auf wenige Beispiele mag dem Format des Bachelorstudiums geschuldet sein, das sich damit mit seinen Verkürzungen in dieser Veröffentlichung widerspiegelt.
In den Kapiteln (6) bis (8) geht es inhaltlich nicht um die Jugend selbst, sondern ausdrücklich um das Reden über die Jugend, über das generative Verhältnis und um Jugendbilder. Auch wenn man nicht in jedem Fall seine Analysen teilt, so wird doch recht eindrücklich der Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Bild von Jugend und den Vorstellungen der als notwendig erachteten Erziehung aufgezeigt. Die In-Eins-Setzung von pädagogischem Jugendbild und Kontrolle mag dabei nicht ganz überzeugen, besonders nicht in der Gegenüberstellung zum partnerschaftlich-dialogischen Jugendbild. Auch in einem so verstandenen pädagogischen Setting gibt es Machtverhältnisse, nur vermutlich gut verborgene. Und wenn die Helikoptereltern herhalten müssen für ein „fürsorglich-autoritäres Jugendbild“ so mag das eher eine idealistisch anmutende Erklärung sein, die die materiellen Abstiegsängste der Mittelschichtseltern einseitig denunziert. Jugendbilder eignen sich auch gut für recht luftige Diskussionen, während die Jugend selbst als Subjekt mit ihren Aktivitäten, Denken, Stärken und Nöten außen vor bleibt.
Im abschließenden Kapitel „Diskurse, Fragen und Folgen“ sind eine Reihe wichtiger Anregungen, die, in einem gut sokratisch verstandenen Bild, weiterführende Fragen aufwerfen und dem Leser nicht das Gefühl geben, das Thema abschließend behandelt zu haben.
Die sehr ausführliche und umfangreiche Literaturauswahl weist dennoch zwei Lücken auf: So fehlen die eingangs angesprochenen (amerikanischen) Soziologen, aber auch im Text ausführlich zu Wort kommende Studien bzw. Autor*innen finden sich im Literaturverzeichnis nicht wieder, so zum Beispiel die Shell-Studien und Walter Hornstein. Sehr hilfreich, wenn auch vermutlich sehr schnell veraltet, die Bibliografie zu den verschiedenen Corona-Jugendstudien.
Sehr viele Aufzählungen und Schilderungen von Befunden, aber des Öfteren fragt man sich als Leser: „So what?!“ Allzu oft ist die Rede von „Verwobenheit“ (S. 9), von einem „Panorama“ (S. 92), Bildern, Beispielen und Aufzählungen, wo man sich ein Clustern, ein Strukturieren, ein Erklären wünscht. Gerade einem/r Studierenden, selbst noch befindlich in der Phase der Jugend, dürfte das eher der sprichwörtliche „Wald“ der Beschreibung sein, dem die „Bäume“ der Erkenntnis fehlen.
Es ist ein sehr gutes Buch über „das Reden über Jugendliche“, aber weniger ein analytischer Überblick über die Jugendforschung geworden. Zu viele Befunde der Jugendforschung bleiben außen vor, während immer wiederkehrende Aufzählungen über die angebliche Ungezogenheit der Jugend nur für mäßigen Erkenntnisgewinn sorgen.