Außerschulische Bildung 4/2023

Jens Korfkamp/Ulrich Steuten: Was ist Heimat?

Klärung eines umkämpften Begriffs

Frankfurt am Main 2022
Wochenschau Verlag, 157 Seiten
 von Norbert Reichel

Der erste Satz des Buches sagt schon fast alles: „Der Heimatbegriff zeichnet sich nicht durch seine Präzision aus.“ „Heimat“ ist nicht der einzige Kampfbegriff, der ins Feld geführt wird, um die eigene Identität zu stärken, indem man andere ausschließt. Ähnlich funktionieren „Volk“, „Vaterland“, „Leitkultur“ oder einfach „Deutschland“. Götz Kubitschek sagte einmal mit bewegter Stimme, dass das Wort „Deutschland“ für ihn einen „Zauber“ enthalte. Victor Klemperer diagnostizierte in LTI „die Emotionalisierung des Vaterlandes durch die nationalsozialistische Blut- und Bodenmythologie“ (S. 51).

Das Buch besteht aus zwölf chronologisch aufgebauten Kapiteln. Die Autoren führen Leser*innen aus vorindustrieller Zeit ins 21. Jahrhundert. Im zwölften Kapitel erörtern sie die Frage, ob der Begriff in den „Giftschrank der Geschichte“ gehöre (S. 135 ff.). Sie nennen drei Perspektiven: die Anschlussfähigkeit in rechtsradikalen Kontexten sowie eine „Pluralisierung“ des Begriffs, der möglicherweise zum „Erinnerungsbegriff geworden ist“ (S. 137). Mit der dritten Perspektive folgen sie Carolin Emcke: „Heimat“ ist mehr als ein Ort, dazu gehören „Gerüche, Geräusche und Klänge, Rituale, Lieder und Geschichten“.

Das Buch enthält im Rückgriff auf das Grimm’sche Wörterbuch Hinweise zur Etymologie, zu der auch christliches Gedankengut gehört, wie in dem Lied „Wir sind nur Gast auf Erden“ deutlich werde. Im 19. Jahrhundert hat „Heimat“ ihren Platz als Teil von „Fortschrittskritik“ und „Zivilisationskritik“. Heimat- und Bauernromane, Dorfgeschichten postulierten „das Dauernde der Natur“ als „Zuflucht“ und Gegenpol zur Industriegesellschaft (S. 29 ff.). So entsteht zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „kulturpessimistisch“ gestimmte „Heimatschutzbewegung“ mit ihren Vereinen (S. 34 ff.). Als „heimatlos“ bezeichnet wurde die Arbeiterbewegung. „Heimat“ war ein bürgerliches Konzept, Bürger*innen profitierten vom Wohlstand der Industriegesellschaft, träumten sich aber in eine intakte „Natur“ hinein, ohne Industrie und ohne Industriearbeiter: „Naturerfahrung stärkte somit auch das Vaterlandsgefühl.“ Unter den Nazis wurde „Heimat“ im Volksbegriff radikalisiert (S. 56), „Agrarromantik“ wurde Teil der Rassenlehre.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten vor allem die Vertriebenenverbände den Begriff, eine Renaissance erlebte er in den 1970er und 1980er Jahren. „Die unmittelbare Nähe, der alltägliche Lebensraum gewann gegenüber den die Weltpolitik beherrschenden Themen, die die 1960er und 1970er Jahre bestimmt hatten (zum Beispiel der ‚Kalte Krieg‘ …, Vietnamkrieg, Internationalismus) wieder an Bedeutung.“ (S. 91 f.) Irgendwie waberte ein Traum vom richtigen Leben im falschen, das in den 1980er und 1990er Jahren auch bei der Gründung der Grünen eine Rolle spielte (vielleicht wäre eine eigene Untersuchung über die Verwendung scheinbar konservativer Begriffe bei sich als Linke verstehenden politischen Gruppen von Interesse). Auch die DDR kam ohne den Heimatbegriff nicht aus und betrieb „die Weiterentwicklung des Sozialismus auf der Grundlage einer proletarischen Volks- und Heimatkultur“ (S. 79).

Auf konservativer Seite wurde „(empfundener) Heimatverlust (…) zum Beweggrund von Fremdenhass“ (S. 97). Konstitutiv wird die Essentialisierung von Kleidung, der Art sich zu ernähren, Volksmusik, einer „Wiederentdeckung des Ländlichen“ (S. 105). „Heimat“ wird als „Kulisse“ und „Folklore“ vermarktet, ist aber gleichzeitig Kampfbegriff der Identitären Bewegung mit ihrer Parole „Heimat – Freiheit – Tradition“ (S. 116). Die Rolle der als „heimatlos“ und „vaterlandlos“ angegangenen Arbeiterbewegung spielen heute die urbanen Eliten (S. 126 f.). Der Heimatbegriff bietet ein vormodernes anti-städtisches, anti-elitäres, anti-kulturelles Bild, in ihm „offenbart sich eine nostalgische Sehnsucht nach festen Grenzen, nach Eindeutigkeit.“ (S. 133)

Der Begriff ist potenziell anti-liberal und anti-demokratisch. Da hilft auch die sich im postmigrantischen Diskurs des 21. Jahrhunderts etablierende Verwendung des Begriffs im Plural nicht. Die von Vaclav Havel 1997 vor dem Bundestag geforderte „offene Struktur“ (S. 98 f.) bleibt Utopie. Diejenigen, die die „Heimat“ nicht der Neuen Rechten überlassen wollen, neigen selbst dazu, ihn ausgrenzend zu fassen. Wer dazugehören möchte, muss sich anpassen, bleibt aber trotzdem was er oder sie war: „fremd“ (S. 111 f.).

Die beiden Autoren bieten einen lesenswerten gut strukturierten, historisch und politisch validen Überblick über „die Geschichte, die Phänomenologie und die Wirkmächtigkeit der gesellschaftlichen Konstruktion von ‚Heimat‘ sowie die Abhängigkeit von sozialen und politischen Rahmenbedingungen und Konflikten“ (S. 7). Zwei Kapitel ließen sich vielleicht ergänzen: eines zur Frage, wie die 1952 gegründete „Bundeszentrale für Heimatdienst“ zur „Bundeszentrale für politische Bildung“ wurde, ein weiteres für einen international vergleichenden Ausblick, der zeigt, was das Besondere an der deutschen Verwendung des Begriffs sein könnte.

Norbert Reichel ist promovierter Literaturwissenschaftler und Pädagoge. Er betreibt das Internetmagazin „Demokratischer Salon: Argumente zur historisch-politischen Bildung“ (www.demokratischer-salon.de).