Außerschulische Bildung 4/2023

Livia Gerster: Die Neuen

Eine Generation will an die Macht

München 2022
C.H. Beck, 335 Seiten
 von Sebastian Haas

Vorneweg: Das ist kein Buch, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will. Es ist vielmehr das Ergebnis von unzähligen Begegnungen der Journalistin Livia Gerster mit Politiker*innen der Generation U40, die bei den Bundestagswahlen 2021 ins bundesdeutsche Parlament eingezogen sind. Gerster selbst gehört dieser Generation an, ist Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hat Begegnungen, Gespräche und ein Buch auf Augenhöhe geschaffen – sowohl in Bezug auf Politiker*innen als auch die Lesenden. Bestens zu schmökern, Lesepausen, Ein-, Aus- und Umstiege sind jederzeit möglich. Das Ziel, ein tiefgründiges, anspruchsvolles Generationsporträt zu zeichnen, gelingt. Oder um es in den Worten der begutachteten Polit-Generation zu formulieren: „Krasser Content“ (so der Titel des Kapitels ab S. 118), der sowohl im TikTok- als auch im FAZ-Stil konsumiert werden kann. Die Neuen bietet für alle etwas.

Zunächst zur allgemeinen Einschätzung der Lage: Auch, wenn Sie es kaum glauben wollen, doch die deutsche Politik erlebt derzeit einen noch nie dagewesenen Generationenumbruch. Noch nie hat es so viele junge Abgeordnete im Bundestag gegeben, um die 50 von ihnen waren zu Beginn der Legislaturperiode jünger als 30 Jahre alt. Eine geschlossene Gruppe stellen sie deswegen im Bundestag nicht dar, sie verfolgen eigenständige Programme und Ziele. Und sie wollen natürlich nicht nur mitreden, sondern auch mitentscheiden. „Wie die Millennials politisch wurden“, das erläutert Autorin Livia Gerster einleitend (S. 34 ff.). Sie zeigt die vielfältigen Wege in den professionellen Politikbetrieb – und dass Nominierungen der jungen Generation gewollt, Kalkül oder purer Zufall sein können, und ihre Wahl ebenso.

Es folgen unter anderem

  • nachdenkliche Kapitel über den Generationenwandel in der SPD-Bundestagsfraktion (S. 76 ff. und nochmals ab S. 280) und inhaltliche Neujustierungen bei den Grünen – hin zu einer „neuen Harmonielehre“? (ab S. 157),
  • ein kritischer Abschnitt über ein „privates, sehr politisches Problem“ (S. 93 ff.), nämlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Politbetrieb,
  • ein Kapitel über Politik, PR sowie das schwierige Verhältnis von Politik und Journalismus in Zeiten, in denen Social Media Privates und Politik mehr und mehr verschwimmen lassen (S. 118 ff.).
  • ein beunruhigendes Kapitel über neurechte Argumentationsmuster (ab S. 143) und die, die sich vor Ort damit auseinandersetzen müssen,
  • ein analytisches Kapitel über „Strippenzieher“ und „Medienereignis“ (S. 199) Kevin Kühnert,
  • ein Abschnitt darüber, wie es ein Kind aus finanziell prekären Verhältnissen zum FDP-Bundestagsabgeordneten schafft und deswegen als Vorbild taugen kann (S. 213 ff.),
  • über das Nachwuchsproblem der Linken in Partei wie Fraktion samt aller Herausforderungen, die eine junge Frau zwischen Sexismus, „Wagenknechten und Hufeisenschmieden“ mit sich herumtragen muss (S. 235 ff.),
  • ein Kapitel (S. 259 ff.) über Emotionen, Schwäche und körperliche wie geistige Gesundheit in der Politik. „Messen sie mich daran, ob mich der Politikbetrieb in vier Jahren träge und desillusioniert gemacht hat, oder, ob ich noch mit Feuer dabei bin“ – so beschrieb einer der Gesprächspartner seine persönlichen Ambitionen für die erste Legislaturperiode im Bundestag (wenn auch im Interview mit der ZEIT).

Was dieses Buch von Anfang bis Ende so lesenswert macht, sind die genauen Beobachtungen und persönlichen Skizzen der Autorin über die junge Generation von Bundestagsabgeordneten – unter anderem sprach sie mit und über (in alphabetischer Reihenfolge) Muhanad Al-Halak, Carolin Bachmann, Hakan Demir, Bruno Hönel, Annika Klose, Kevin Kühnert, Ricarda Lang, Heidi Reichinnek, Jessica Rosenthal, Nyke Slawik, Christina Stumpp, Jens Teutrine, Armand Zorn und weiteren.

Kennen Sie nicht alle? Sollten Sie aber, wie das Abschlusskapitel über die bevorstehende Wachablösung der Politikgenerationen noch einmal sehr deutlich macht (S. 311 ff.). Wer weiß schließlich, wozu Die Neuen einmal fähig sein werden und müssen? Daher die Schlussworte direkt aus dem Buch: „Der Schnee von heute schmilzt. Das Eis taut. Die Wälder brennen. In Europa ist Krieg. Die Demokratie ist unter Beschuss. Also lasst uns endlich was tun, bevor es zu spät ist. Ok, Boomer?“

Sebastian Haas, Referent für die Akademie Frankenwarte (Würzburg). In den 2010er-Jahren Pressesprecher der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Promovierter Historiker, ausgebildeter Printjournalist, Lehrbeauftragter für journalistische Grundlagen an der Technischen Hochschule Nürnberg.