Außerschulische Bildung 1/2022

Naika Foroutan/Jana Hensel: Die Gesellschaft der Anderen

Berlin 2020
Aufbau Verlag, 356 Seiten
 von Norbert Reichel

In acht Gesprächen analysieren und diskutieren die Wissenschaftlerin Naika Foroutan und die Journalistin Jana Hensel Analogien zwischen der Migrationserfahrung ein- und zugewanderter Menschen in Gesamtdeutschland und den Erfahrungen der Ostdeutschen nach dem Ende der DDR. Die beiden Autorinnen bieten einen hervorragenden Überblick über die einschlägigen gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatten. Eine Fortsetzung der Gespräche in einem weiteren Buch, vielleicht mit weiteren Gesprächspartner*innen, brächte sicherlich viel weiteren Erkenntnisgewinn und viel Stoff für weitere Debatten.

In den Gesprächen geht es um das Verhältnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten. Nur sind Ostdeutsche in Ostdeutschland keine Minderheit, sie werden durch die westdeutsch dominierten Diskurse jedoch bezogen auf Gesamtdeutschland dazu gemacht. Viele verloren in den 1990er Jahren ihren Arbeitsplatz, Wirtschaftszweige verschwanden, Westdeutsche übernahmen die führenden Positionen in Politik, Wirtschaft, Hochschulen. Es entstand das Gefühl, Bürger*innen zweiter Klasse zu sein.

Doch was macht die Mehrheit zur Mehrheit? Jana Hensel konstatiert, dass wir mit „Mehrheitsgesellschaft (…) vor allem jene meinen, die in der Lage sind, Normen zu setzen.“ (S. 16) Diese Normen müssen erfüllt werden, von Migrant*innen, von Ostdeutschen, die aber selbst nie wissen, ob das, was sie leisten, ausreicht. Es entsteht eine Spirale des „Othering“. Naika Foroutan charakterisiert diese Spirale als „Devianzkonstruktion“ (S. 53), Jana Hensel als „ein Privileg der Mehrheitsgesellschaft, nicht verstehen zu müssen und auf diese Weise die Anderen in der Rolle der sich ewig Selbsterklärenden festzuschreiben.“ (S. 79)

Je weniger sich jedoch die als „Fremde“ gelesenen Menschen als homogene Gruppe erfassen lassen (wollen), umso größer wird das Bedürfnis, sie auf bestimmte Charakterzüge festzulegen, im Extremfall den „Fremden“ zum „Feind“ zu erklären. Die „Devianzkonstruktion“ eskaliert. Naika Foroutan: „Sarrazin kam nicht aus dem Nichts. Er kam aus dem Herzen des deutschen Bildungsbürgertums.“ Jana Hensel ergänzt: „Und offenbar auch aus dem Herzen der Sozialdemokratie.“ (S. 264) Und dies, obwohl – so Naika Foroutan – die Entkoppelung von „Herkunft“ und „Zukunft“ eigentlich die zentrale „sozialdemokratische Erzählung“ ist. (S. 192)

Jana Hensel vermutet, „dass sich die westdeutsche, nicht-migrantische Gesellschaft über ihre eigene Vorurteilskultur gegenüber der migrantischen wie auch der ostdeutschen Community äußerst bewusst ist.“ (S. 34) Naika Foroutan bestätigt Aladin El-Mafaalani, wie Konkurrenzsituationen Integration verhindern, mit Georg Simmels „Exkurs über den Fremden“ (1908): „Simmel sagt, je mehr der Fremde ankommt, desto stärker wird er zum Fremden gemacht.“ (S. 59) Naika Foroutan kommt aus einer nicht religiösen iranischen Familie, wurde aber durch die Debatten um den 11. September 2001 „zur Muslimin“ (S. 193). „An Muslimen haftet der Islam wie an den Ostdeutschen die Diktatur.“ (S. 63)

Aber gibt es vielleicht doch ein gesamtdeutsches Projekt? Naika Foroutan zitiert Machiavelli: „Wenn man unterschiedliche Lager nach innen zusammenführen will, sucht man sich einen externen Feind. Der externe Feind waren die Migranten.“ (S. 239) In der Ablehnung von „Migrant*innen“ finden Ost- und Westdeutsche etwas Gemeinsames. Doch diese scheinbare Gemeinsamkeit zwischen Ost und West ist schnell vorbei. Die Ostdeutschen müssen sich ständig für fremdenfeindliche und rassistische Gewalttaten sowie die Wahlergebnisse der AfD in ihren Bundesländern rechtfertigen, alles eine Folge der SED-Diktatur, für die sie sich kollektiv verantwortlich erklären sollen. In Anlehnung an Toni Morrison spricht Naika Foroutan von „Critical Westness“ (S. 76). Diese lebe von doppelten Standards: „Dadurch, dass Lichtenhagen und Hoyerswerda sozusagen ein ‚kollektiver‘ Moment waren, während man Solingen oder Mölln sehr gut als Einzeltaten deklarieren konnte, entsteht ein Entschuldungszusammenhang für die Gemeinschaft im Westen.“ (S. 157)

Vielleicht leben Westdeutsche Fantasien einer eigenen Grandiosität aus. Sie haben und hatten nicht nur die besten Fußballspieler*innen, das größte Wirtschaftswunder, sie waren die weltbesten Aufarbeiter*innen ihrer Vergangenheit, sie profitieren mit ihrer Erinnerungskultur sogar davon, dass sie die größten Verbrecher*innen der Weltgeschichte waren. Da hat der Osten keine Chance. Jana Hensel: „Das Ganze endete jedenfalls in einem Desaster, weil sich das Feuilleton mit großem Ekel über diese letztlich von Westdeutschen produzierten Diktaturerinnerungsshows beugte und vor allem im Gedächtnis geblieben sein dürfte, dass die Ostdeutschen doch keine andere Sehnsucht haben, als die, ihre Diktatur rosa zu übertünchen.“ (S. 179) Fazit: Der Westen setzt die Norm, der Osten repräsentiert die Abweichung, Migrant*innen stehen am Ende der Hierarchie.

Dr. Norbert Reichel, Literaturwissenschaftler und Pädagoge, betreibt seit 2019 als freier Autor den Blog „Demokratischer Salon“ (www.demokratischer-salon.de).