Wo sehen Sie im Kontext von Gender und Diversity die größten Herausforderungen für die Gesellschaft?
Aktuell gibt es einen Rechtsruck in Deutschland (und Europa) und auch die Gewaltbereitschaft gegen Menschen, die als anders und „fremd“ wahrgenommen werden, ist gestiegen. Insbesondere migrierte, geflüchtete und FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) aus Einwanderungsfamilien sind dabei verschiedenen Diskriminierungsformen gleichzeitig ausgesetzt. So sind schutzsuchende Frauen beispielsweise oft auf sich gestellt, um mit akuten Bedrohungen und psychischen Belastungen umzugehen, und geraten oft in eine Spirale der Gewalt. Es ist längst überfällig, die Erfahrungen und Lebensrealitäten von Migrant*innen ernst zu nehmen!
Deswegen möchte DaMigra e. V. mit dem Projekt women rais.ed von Rassismus betroffene Migrantinnen, geflüchtete FLINTA und FLINTA aus Einwanderungsfamilien stärken. So wurden beispielsweise für Schülerinnen geschützte Räume geschaffen, in welchen sie ihre eigenen Erfahrungen teilen können. Das Ausprobieren und Anwenden von Argumentationsstrategien ermutigt sie dazu, auf diese auch im Alltag zurückzugreifen.
Rassismus zu bekämpfen ist aber nicht in erster Linie die Aufgabe und Verantwortung der Betroffenen selbst! Als größte Herausforderung sehen wir es, die Menschen und Institutionen der Dominanzgesellschaft, die selbst von Diskriminierungsstrukturen profitieren, in die Pflicht zu nehmen. Sie sollten die Verantwortung tragen, ebenjene Strukturen zu sehen und sie zu bekämpfen. Insbesondere dann, wenn es darum geht, Handlungsfähigkeit zu ermöglichen und von Rassismus betroffene Menschen zu ermächtigen, sind auch Nicht-Betroffene gefragt – deswegen entwickelt women rais.ed auch Angebote, die sich an die Dominanzgesellschaft richten und diese für FLINTA- und migrationsspezifische Themen sensibilisiert.
Insbesondere Kindertagesstätten, Grundschulen, weiterführende Schulen und Hochschulen müssen in die Bekämpfung der verschiedenen Formen von Rassismus und Diskriminierung einbezogen werden. Politik und Bildungseinrichtungen müssen nachhaltige Strategien entwickeln und Handlungsfähigkeit ermöglichen, um Bildung diskriminierungskritisch zu gestalten. Lehrende und Erzieher*innen müssen rassismusskritisch qualifiziert sein: Lehrpläne, Schulmaterial und Schulbücher sollten nicht nur anti-rassistisch und antikolonial konzipiert werden, sondern Rassismussensibilität als ein obligatorisches Kriterium aufnehmen und eine intersektionale Perspektive auf Diversity ermöglichen. Dafür hat sich das Team von women rais.ed im Laufe der aktuellen Kampagne „Rassismus im Bildungssystem“ mit Expertinnen getroffen, die unter anderem konkrete Handlungsstrategien zur Erreichung dieses Ziels vorschlagen.
Unsere bisherige Arbeit an Schulen hat gezeigt, dass noch viele Hürden zu überwinden sind. Punktuelle Empowermentangebote reichen nicht aus. Vielmehr muss eine diskriminierungskritische Bildung an Schulen das Ziel sein und als gesamtgesellschaftlicher Auftrag verstanden werden. Rassismuserfahrungen werden oft von Schüler*innen internalisiert. Es kostet Betroffenen viel Kraft und Ausdauer, Scham und Hemmungen zu überwinden, um sich gegen Rassismus zu wehren und sich gegenseitig zu stärken. Außerdem herrscht oft das Gefühl, beim Kampf gegen Rassismus allein zu sein.
Die größte Herausforderung für die Gesellschaft lautet daher, den Kampf gegen Rassismus und Sexismus als einen gesamtgesellschaftlichen anzuerkennen, und diesen aus einer intersektionalen Perspektive heraus zu bestreiten!
Was wünschen Sie sich von den Trägern politischer Bildung?
Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, sind die Träger politischer Bildung gefordert, sich zu fragen, was es konkret bedeutet, Chancengleichheit und eine diskriminierungskritische Bildung in das Bildungssystem zu integrieren. Der strategische Kompass sollte daher unter anderem das Ziel verfolgen, ein inklusives und nachhaltiges Schulsystem in einer von Zuwanderung und Vielfalt geprägten Gesellschaft zu ermöglichen.
Eine intersektionale Perspektive auf Diskriminierung kann nur mit einem antirassistischen und dekolonialen Feminismus einhergehen. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen von Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft bedeutet auch die Anerkennung von Rassismus und Diskriminierung als gesamtgesellschaftliche Herausforderung und das gemeinsame Eintreten für die Wahrung der Menschenrechte, die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit – ebenjene Werte, auf denen die Bundesrepublik Deutschland beruht. Dazu wünschen wir uns und fordern wir von den Trägern der politischen Bildungsarbeit, dass sie die Stimmen der Betroffenen hör- und sichtbarer machen. Aber nicht nur das – sie müssen auch als Expert*innen bei der Erarbeitung von politischen Bildungsangeboten hinzugezogen werden. Ein wichtiger Punkt dabei ist, Betroffene von Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen auch als Akteur*innen der politischen Bildungsarbeit zu gewinnen und auszubilden.
Women rais.ed ist ein von DaMigra ins Leben gerufenes Antirassismus-Projekt, welches sich an Frauen und Mädchen richtet, die Rassismus, Sexismus und Mehrfachdiskriminierung erfahren. Wir unterstützen im Erkennen von Rassismus und Sexismus, ermutigen zur Selbstermächtigung und empowern für einen kollektiven Kampf gegen Diskriminierung!