Geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt in der politischen Bildung
Aktualität geschlechtlicher, sexueller und romantischer Vielfalt
Themen rund um geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt Um im weiteren Verlauf des Beitrags nicht immer „geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt“ auszuschreiben, wird „queere Vielfalt“ synonym verwendet. Romantische Vielfalt weist auf die Vielzahl möglicher romantischer Orientierungen hin. Zu welchen Geschlechtern fühle ich mich emotional hingezogen? Hierbei ist die Gefühlsebene zwischenmenschlicher Beziehungen betont. haben in den letzten Jahren gesellschaftlich und politisch nicht an Relevanz verloren. Wegmarken rechtlicher Veränderungen in Deutschland stellen etwa die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Partner*innenschaften (2018), das Verbot sogenannter Konversionstherapie (2020) oder das Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (2021) dar. Aktuelle politische Debatten drehen sich um die Erarbeitung des Selbstbestimmungsgesetzes, welches das seit den 1980er Jahren bestehende Transsexuellen-Gesetz (TSG) Vorschriften des TSG wurden vom BVerfG teilweise als verfassungswidrig eingestuft und für ungültig erklärt. Der Reformbedarf ist seit vielen Jahren bekannt, auch die Nutzung der Bezeichnung „transsexuell“ ist nicht mehr zeitgemäß. Bevorzugt wird etwa die Bezeichnung „transgeschlechtlich“ oder einfach „trans*“. ersetzen soll (Stand August 2023).
Wird die gesundheitliche Lage von LSBTIQ* Siehe zu den verschiedenen Begriffen und Abkürzungen die Hinweise auf Glossare in den „Tipps und Links zum Thema“ in dieser Ausgabe. betrachtet, zeigt sich jedoch deutlich, dass rechtliche Veränderungen nicht ausreichen und gesellschaftliche Bemühungen noch nicht am Ende sein können. Die psychische und physische Gesundheit queerer Menschen ist nach wie vor schlechter als bei der sogenannten heteronormativen Mehrheitsgesellschaft (vgl. Pöge et al. 2020). Das liegt jedoch nicht an der queeren Identität, sondern kann auf negative Erfahrungen in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft zurückgeführt werden (vgl. Timmermanns et al. 2022). In vielen Lebensbereichen erfahren queere Menschen noch immer Diskriminierung: Ob in der Familie und Freizeit (vgl. Krell/Oldemeier 2017; 2018) oder bei der Arbeit (vgl. de Vries et al. 2020) und im Gesundheitswesen (vgl. Kasprowski et al. 2021). Die Erkenntnisse der Studien zu queeren Lebensweisen wirken zurück auf politisches Handeln und prägen Soziale Arbeit sowie Pädagogik, welche Ansätze der Antidiskriminierung unterstützen bzw. deren Konzepte in ihre Praxis aufnehmen (vgl. Timmermanns/Böhm 2020).

Wird der Bereich der Bildung gesondert in den Blick genommen, zeigte sich hier in der Vergangenheit bereits starker Widerstand gegen eine Aufnahme queerer Themen, vor allem in schulischen Kontexten (vgl. Tuider/Dannecker 2016). Auch wenn es mittlerweile Bestrebungen gibt, auch Schule vielfaltssensibler aufzustellen, sind diese Bemühungen oft an engagierte Einzelpersonen geknüpft und die Flexibilität von Curricula ist nur bedingt gegeben. Dabei finden sich in fast allen Rahmenlehrplänen Anmerkungen, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu thematisieren. Jedoch wird in der Lehrkräfteausbildung und an Universitäten entsprechendes Wissen nur selten an angehende Lehrkräfte vermittelt. Non-formale und außerschulische Bildung zeigen sich im Vergleich aufnahmefähiger für diskriminierungskritische Ansätze bzw. eine vielfaltssensible Auseinandersetzung mit Geschlecht und Sexualität (vgl. Merz 2023).
In der politischen Bildung kann die Auseinandersetzung mit queerer Vielfalt als Beitrag zur Gewaltreduzierung verstanden werden, wenn sie sich mit gesellschaftlichen Realitäten queerer Menschen sowie den zugehörigen politischen Diskursen auseinandersetzt.
In der politischen Bildung kann die Auseinandersetzung mit queerer Vielfalt als Beitrag zur Gewaltreduzierung verstanden werden, wenn sie sich mit gesellschaftlichen Realitäten queerer Menschen sowie den zugehörigen politischen Diskursen auseinandersetzt. Es lassen sich Implikationen für das Handeln von Individuen, Teilgruppen und der Gesellschaft als Ganzes herausarbeiten. Abseits dieser Lesart muss queere Vielfalt aber auch als ein genuin politisches Thema verstanden werden, welches über aktuelle Situationen und Debatten hinaus in politischer Bildung fest verankert sein sollte.
Verankerung in den Grundsätzen politischer Bildung
Im Beutelsbacher Konsens (vgl. Wehling 1977) und in der Frankfurter Erklärung (2015) ist festgehalten, dass politische Bildung Menschen dazu befähigen soll, sich ein selbstständiges Urteil zu bilden, alle Optionen kennenzulernen und die eigene Interessenlage zu analysieren. Politische Bildung soll sich den Umbrüchen der Zeit stellen sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse wahrnehmen und analysieren – und dabei die eigene Verwobenheit in diesen Strukturen kritisch hinterfragen.
Werden diese Grundlagen politischer Bildung herangezogen, ist es in unserer heutigen, primär heteronormativ und patriarchal geprägten Gesellschaft unumgänglich, geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt sowie queere bzw. queerfeministische Ansätze in der politischen Bildung zu thematisieren. Wenn sich Gesellschaft vielfältig gestaltet, muss sich das auch in politischer Bildung widerspiegeln, um vermeintliche Normen zu hinterfragen sowie individuelle und kollektive Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Wenn sich Gesellschaft vielfältig gestaltet, muss sich das auch in politischer Bildung widerspiegeln, um vermeintliche Normen zu hinterfragen sowie individuelle und kollektive Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Eine machtkritische Beschäftigung mit Themen wie Geschlecht und Sexualität ist dabei nicht nur für queere Menschen von Bedeutung. Auch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, welche cis- und endogeschlechtlich sowie heterosexuell ist, gehört zum Spektrum geschlechtlicher, sexueller und romantischer Vielfalt dazu und kann von einer reflektierten Auseinandersetzung mit Normvorstellungen von Geschlecht, Partner*innenschaft und Sexualität nur profitieren.
Die Beschäftigung mit queerer Vielfalt ist für politische Bildung folglich nicht nur mit dem Fokus auf queere Gruppen und Ansätze der Antidiskriminierung notwendig, sondern für alle Menschen hilfreich, um Perspektiven sowie neue Möglichkeiten für die eigene Lebensgestaltung zu eröffnen. Zeitgleich ist die Praxis politischer Bildung aufgefordert, die eigenen Strukturen, Mechanismen und Inhalte zu hinterfragen, um die Zugänglichkeit, eben auch für queere Menschen, sicherzustellen.
Entwicklung von Inhalten sowie deren Herausforderungen
Angebote politischer Bildung zu queerer Vielfalt können sich zum einen an die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, zum anderen an Gruppen aus dem queeren Spektrum richten. Die Inhalte und Ziele der Angebote können sich dabei unterscheiden.
Angebote für die Mehrheitsgesellschaft tendieren dazu, grundlegende Informationen zu queeren Themen zu vermitteln, Berührungspunkte zu Alltag und Fachpraxis aufzuzeigen, Stereotype und Vorurteile abzubauen sowie allgemein zu sensibilisieren (vgl. z. B. Debus/Laumann 2018 oder die oben genannten Studien und Themen). Angebote für queere Menschen wiederum setzen sich häufig mit den eigenen Lebensrealitäten oder Diskursen innerhalb queerer Communitys auseinander: Wie kann mit noch immer existierender Diskriminierung umgegangen werden? Welche Möglichkeiten gibt es, sich politisch und aktivistisch zu engagieren, um gesellschaftliche Entwicklung zu unterstützen? Wie können diverse Zugehörigkeiten und Erfahrungen von Mehrfachmarginalisierung mitgedacht werden?
Selbstverständlich können auch explizit queere Angebote zur Vermittlung von Wissen genutzt werden. Auch wenn oft von einer queeren Community gesprochen wird, existieren viele queere Communities, in welchen die Teilgruppen unterschiedliche Erfahrungen machen und zum Teil gänzlich unterschiedliche Bedarfe geäußert werden – und das auch schon, bevor intersektionale Ansätze zu Erfahrungen mit z. B. Rassismus, Klassismus oder Ableismus zum Tragen kommen. Auch innerhalb queerer Communitys kann folglich das Wissen zu anderen Lebensrealitäten erweitert werden. Häufig haben Angebote für queere Menschen aber eher einen empowernden Charakter, welcher Teilnehmende in ihrem Sein bestärkt und Partizipationsmöglichkeiten aufweist.

Partizipation ist auch bei der Auswahl und Gestaltung von Inhalten von großer Bedeutung. In der Akademie Waldschlösschen, welche seit ihrer Gründung vor über 40 Jahren einen Fokus auf queeren Themen hat, orientieren sich Angebote der politischen Bildung stark an den Bedarfen der Menschen, welche in die Bildungsstätte kommen. Die Communitys werden in die Themensetzungen einbezogen, entweder in Form von Teilnehmenden vor Ort oder über Kooperationen mit queeren Gruppen, die sowohl überregional wie auch lokal tätig sein können. Oft werden größere Veranstaltungen gemeinsam mit ehrenamtlichen Orga-Teams gestaltet. So ist mit Blick auf die letzten 40 Jahre auch eine Entwicklung der Themenschwerpunkte allgemein festzustellen: Von zunächst rein schwul-lesbischen Angeboten hin zur stärkeren Thematisierung von trans* und inter* Themen. Wobei bei der Thematik Inter* im Vergleich zu den anderen queeren Themen noch immer Nachholbedarf besteht.
Herausforderungen in der Themenentwicklung ergeben sich zum einen aus der Vielfalt möglicher Ansätze. Es gibt nicht „die eine queere Veranstaltung“, welche für alle Menschen passt. Zur Themensetzung gehören auch Aushandlungsprozesse, um möglichst vielen Bedarfen gerecht zu werden. Zum anderen ergibt sich nach der Themenfindung ein weiterer Aushandlungsprozess, der teilweise mit fördermittelgebenden Stellen geführt werden muss: Empowerment, welches (nicht nur) für explizit queere Angebote eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat, muss auch nach vielen Jahren noch immer als förderfähiger Inhalt erklärt und verteidigt werden. Darüber hinaus müssen gerade auch bei einer Thematisierung in der Mehrheitsgesellschaft sogenannte antiqueere Ideologien im Blick behalten werden, welche versuchen, Diskurse zu Diversität zu untergraben und Unsicherheit schüren (vgl. Engelmann 2019).
Was braucht es für eine gelingende Praxis politischer Bildung?
Um geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt in die Praxis politischer Bildung zu integrieren und dabei die Repräsentation von marginalisierten Gruppen sicherzustellen, sind Ansätze auf mehreren Ebenen möglich und notwendig: Dies betrifft zum einen die Ebene der Organisation beziehungsweise Bildungsstätten. Die Ebene der Seminare, u. a. mit einem diskriminierungskritischen Blick auf gewählte Inhalte und Methoden, schließt sich an. Als zentraler Aspekt ist zudem die individuelle Ebene mit besonderem Blick auf die eigene Haltung hervorzuheben.
Organisationsentwicklung als Basis einer vielfaltssensiblen Bildungsarbeit
Eine Organisationsentwicklung mit dem Fokus auf diskriminierungssensible Strukturen ist maßgeblich, um einen Rahmen für Vielfaltssensibilität zu schaffen. Menschen werden so in die Organisation eingeladen und Partizipation wird ermöglicht. Eine bewusst gewählte, queersensible Haltung als Organisation kann schon im Anmeldeprozess für Veranstaltungen, bei der Ansprache oder in der Gestaltung der Räumlichkeiten zum Ausdruck gebracht werden (vgl. allgemein zu Räumen in der politischen Bildung: Besand 2022). Den Teilnehmenden kann dadurch relativ einfach vermittelt werden, dass sie in ihrer persönlichen Identität und ihren Erfahrungen wahrgenommen und willkommen geheißen werden.
In Bezug auf die Sichtbarkeit von geschlechtlicher Vielfalt sind als bereits viel diskutierte Beispiele die Einrichtung von gender-neutralen Toiletten sowie eine neutrale Anrede in der Kommunikation zu nennen. Es kann etwa hilfreich sein, in der E-Mail-Signatur von Mitarbeitenden das eigene Pronomen zu nennen und bei der Begrüßung von Teilnehmenden neben den Namen auch die gewünschten Pronomen abzufragen. Dabei kann darauf hingewiesen werden, dass die geschlechtliche Identität eines Menschen von außen nicht sichtbar ist und es daher notwendig wird, Menschen vor Ort zu fragen, wie sie angesprochen werden wollen. Auch durch die Auswahl von dekorativen Elementen und Info-Materialien in den Räumlichkeiten oder den sozialen Medien kann eine inklusive Haltung demonstriert werden. Es können z. B. Symbole emanzipatorischer Bewegungen platziert oder Angebote von queeren Gruppen in der Region beworben werden. Maßnahmen können dabei individuell an die Gegebenheiten in der eigenen Organisation angepasst werden.
Diese Überlegungen zur Verankerung von diskriminierungssensiblem Verhalten innerhalb der Organisation und der Darstellung nach Außen lassen sich nicht nur auf das Thema Queerfeindlichkeit anwenden, sondern auch auf andere Diskriminierungsstrukturen, wie z. B. Rassismus, Klassismus oder Ableismus. Ein Entwicklungsprozess in diese Richtungen benötigt Zeit und sollte nach Möglichkeit extern begleitet werden. Wichtig ist dabei, alle Arbeitsbereiche einer Organisation an der Entwicklung zu beteiligen und durch Schulungen thematisch fit zu machen, damit sie die Haltung im Kontakt mit Gäst*innen und Teilnehmenden nach außen tragen können. Es ist hilfreich, Schritte nach und nach, aber gut überlegt, umzusetzen. Strukturelle Veränderungen, die keinen Rückhalt im Kollegium haben und zu denen das passende Wissen an der richtigen Stelle fehlt, können einen gegenteiligen Effekt haben.
Die Beschäftigung mit queerer Vielfalt ist für politische Bildung nicht nur mit dem Fokus auf queere Gruppen und Ansätze der Antidiskriminierung notwendig, sondern für alle Menschen hilfreich, um Perspektiven sowie neue Möglichkeiten für die eigene Lebensgestaltung zu eröffnen.
Darüber hinaus ist es beim Thema Antidiskriminierung ein sinnvoller Ansatz, bei der Auswahl von Referierenden auf deren Positionierungen zu achten. Spricht die referierende Person aus einer betroffenen Perspektive heraus und kann auf eigene Erfahrungen zurückgreifen oder spricht sie über eine andere gesellschaftliche Gruppe? Dies macht aus verschiedenen Blickwinkeln heraus einen Unterschied und kann entscheidend für die Qualität der Bildungsarbeit und den Lernerfolg der Teilnehmenden sein. Ein selbstkritischer und nach außen hin möglichst transparenter Umgang ist hier hilfreich.
Seminare sowie Auswahl und Anpassung von Methoden
Eine diskriminierungssensible Haltung drückt sich neben der Auswahl von Referierenden auch durch die bewusste Gestaltung von Seminaren und Nutzung von Methoden aus. Diese sind die Grundlage, um in der politischen Bildung emanzipatorische Ansätze vermitteln und Menschen zur Reflexion der eigenen Biografie sowie der gesellschaftlichen Verhältnisse anregen zu können.
Im ersten Schritt ist es sinnvoll, Standards und Kriterien für die eigene Bildungsarbeit zu entwickeln, um die ungewollte Reproduktion von diskriminierenden Strukturen im Seminarbetrieb und in den eingesetzten Methoden erkennen und verhindern zu können.
Ein häufig in Seminaren genutzter Einstieg ist die sogenannte Pronomenrunde, welche in die allgemeine Vorstellungsrunde integriert werden kann. Die Teilnehmenden einer Veranstaltung nennen neben ihrem Namen auch direkt die Pronomen, mit welchen über sie gesprochen werden kann. Das können die im Deutschen gängigen Pronomen „sie/ihr“ oder „er/ihm“ sein. Einige Menschen bevorzugen es aber, wenn über sie ohne Pronomen gesprochen wird und dafür der Name wiederholt wird. Darüber hinaus gibt es Entlehnungen der geschlechtsneutralen englischen Pronomen „they/them“ oder sogenannte Neo-Pronomen (z. B. „ersie“ oder „xier“), bei welchen es zur Nutzung im Sprachgebrauch etwas Übung brauchen kann.
Im Kontext queerer Vielfalt sollte generell darauf geachtet werden, dass Heteronormativität und Geschlechterbinarität nicht reproduziert werden. Soll eine Gruppe aufgeteilt werden, wird schnell das zugeordnete und von außen nur vermeintlich ablesbare männliche oder weibliche Geschlecht herangezogen. Dies stärkt die Vorstellungen, dass es nur zwei Geschlechter gäbe und dass diese Geschlechter (romantisch und sexuell) nur aufeinander bezogen wären. Eine solche Gruppeneinteilung verhindert die Darstellung queerer Vielfalt und sollte bei der Planung von Bildungsveranstaltungen kritisch hinterfragt werden.
Um Methoden hinsichtlich ihrer Sensibilität für diskriminierende Strukturen zu überprüfen, kann z. B. der Methodencheck der Fachstelle Gender & Diversität NRW (FUMA) herangezogen werden. Dieser ist im Netz frei zugänglich und stellt mit 13 Fragen eine gute Handreichung für den ersten Zugang dar, um Methoden einer machtkritischen Überprüfung mit Berücksichtigung verschiedener Diskriminierungsformen zu unterziehen (vgl. FUMA o. J.).
Darüber hinaus existieren bereits viele gendersensible und machtkritische Methoden, die der politischen Bildung zur Verfügung stehen. Eine Methodensammlung für die Bereiche Identität, Beziehungen und Körper bietet z. B. der Band Sexualpädagogik der Vielfalt von Tuider et al. (2012). Auch queere Bildungsprojekte, wie Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V. (https://interventionen.dissens.de/materialien/methoden) oder neXTqueer (www.nextqueer.de/nextqueer-methodenkoffer), ein Projekt des Landesjugendrings Niedersachsen, stellen Methoden zur Verfügung.
Es ist nicht unbedingt notwendig, Methoden der queeren Bildungsarbeit zu verwenden, um für Vielfalt und Selbstbestimmung zu sensibilisieren. Auch hier gibt es nicht „die eine Methode“, welche alles leisten kann. Mit dem entsprechenden Wissen und der diskriminierungssensiblen Haltung der Referierenden können viele Inhalte und Methoden so angepasst werden, dass sie auch queere Lebensrealitäten mit einschließen. Die Grundlagen dafür sollten durch Fachweiterbildungen erworben werden.
Haltung
Auf individueller Ebene ist Haltung ein zentrales Element, mit dem sich bei vielfaltssensibler und diskriminierungskritischer Arbeit auseinandergesetzt werden muss. Im Kontext politischer Bildung betrifft das alle Menschen, die mit Lehrenden und Lernenden im Kontakt stehen. Auch wenn möglichst vielfältige Referierendenteams sehr zu befürworten sind, gibt es selten die Möglichkeit, genug finanzielle Mittel und personelle Ressourcen, um für sämtliche Veranstaltungen alle biografischen Anknüpfungspunkte und möglicherweise aufkommenden Fragestellungen abzudecken. Mit welcher Reflexionsfähigkeit und Transparenz die Teamenden in ihren Bildungsauftrag gehen, ist daher von immenser Wichtigkeit. So kann eine klare diversitätsbewusste Haltung damit beginnen, sich selbst als Teamende*r in der eigenen gesellschaftlichen Machtdynamik einzuordnen (vgl. Pohlkamp 2016, S. 227 ff.) und diese Einordnung Teilnehmenden offenzulegen. Auch das Verständnis, dass die Teilnehmenden divers aufgestellt sein werden in ihren Positionierungen, Diskriminierungserfahrungen und Privilegien, ist eine Basisvoraussetzung für das Gelingen auch queerthematischer politischer Bildung. Wenn Teamende einen Lernraum eröffnen und sich bewusst sind, dass unterschiedliche Teilnehmende zu bestimmten Themen biografisches Wissen und Erfahrungen mitbringen können, kann das helfen, entsprechend sensibilisiert in den Austausch zu gehen.
Haltung heißt auch, Solidarität mit Betroffenen zu zeigen und diese in die eigene Praxis einfließen zu lassen.
Haltung hat also etwas mit der eigenen Reflexion und dem eigenen Selbstverständnis in der politischen Bildungsarbeit zu tun. Gleichzeitig bedeutet „Haltung zeigen“ im Falle von schwierigen Situationen, übergriffigen Fragen von Teilnehmenden und Diskriminierung, diese nicht unkommentiert stehen zu lassen. Es muss deutlich dagegengesprochen werden. Besonders in Lernkontexten können diskriminierende Begriffe aus einem Unwissen heraus benutzt werden. Diese dennoch nicht stehen zu lassen, sondern für alle Teilnehmenden sprachliche Alternativen aufzuzeigen und Hintergründe zu erläutern, zeugt davon, die Teilnehmenden in ihrem Lernprozess ernst zu nehmen und gleichzeitig dieses Lernen nicht auf dem Rücken der betroffenen Personen stattfinden zu lassen. Haltung heißt also auch, Solidarität mit Betroffenen zu zeigen und diese in die eigene Praxis einfließen zu lassen.

Entsprechend können auch heterosexuelle, cis- und endogeschlechtliche Menschen als sogenannte Allys oder Unterstützende über queere Themen sprechen. Dies ist ebenso hilfreich wie notwendig, bedarf neben grundlegendem Wissen und Sensibilität aber eben diese Reflexion und Haltung, um keine diskriminierenden Strukturen zu reproduzieren. Um für Teilnehmende transparent zu machen, aus welcher Position heraus in Bildungsveranstaltungen über Themen gesprochen wird, kann es sinnvoll sein, dies auch in Ausschreibungen deutlich zu machen. Damit kann auch gekennzeichnet werden, dass machtkritische Überlegungen bei der Planung von Bildungsveranstaltungen bedacht und reflektiert wurden, um Diskriminierung entgegenzuwirken.
In einem Lernraum, in dem die Haltung der Teamenden von Beginn an deutlich gemacht wird, werden Teilnehmende, die biografische Anknüpfungspunkte mit queeren Themen haben, sicherer und aktiver teilnehmen können. Da sie nicht selbst für das Aufzeigen von Diskriminierung sorgen müssen, können sie sich, wie andere Teilnehmende auch, auf die gemeinsame politische Bildungsarbeit konzentrieren und die gebotenen Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Teilnehmenden wirklich nutzen. So fördert eine deutliche Haltung nicht nur die Partizipation queerer Teilnehmenden, sondern verbessert auch die Erfahrung aller anwesenden Personen.
Fazit
Geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt ist als Thema in Gesellschaft und Politik hochaktuell. Sich auf Erfolgen politscher Kämpfe auszuruhen oder zu denken, dass queere Menschen in Deutschland rechtlich in allen Belangen gleichstellt sind und queere Themen deshalb nicht explizit in der politischen Bildung behandelt werden müssen, ist nicht nur nicht zielführend – sondern fatal. In Zeiten von aufstrebenden, antidemokratischen Parteien und Strukturen und erstarkendem Hass auf Minderheiten und Diversität ist besonders die außerschulische politische Bildung in der Pflicht, für Menschen vielfaltssensibel den Grundstein für die Entwicklung einer eigenen Haltung zu legen und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.
In Zeiten von aufstrebenden, antidemokratischen Parteien und Strukturen und erstarkendem Hass auf Minderheiten und Diversität ist besonders die außerschulische politische Bildung in der Pflicht, für Menschen vielfaltssensibel den Grundstein für die Entwicklung einer eigenen Haltung zu legen und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.
Wird auf die sogenannte Mehrheitsgesellschaft geschaut, sind queere Themen in ihrer Gänze noch nicht angekommen und es gibt Nachholbedarf. Das gilt für Fachkräfte in allen Kontexten, eben auch der Jugendhilfe und dem Bildungsbereich. Außerschulische politische Bildung zeigt sich vergleichsweise flexibel im Umgang mit Themen, welche aktuell gesellschaftlich diskutiert werden. Gerade auch, weil in den Grundsätzen politischer Bildung eine Verankerung der Vielfaltsthematik festgestellt werden kann, kommt politischer Bildung hier eine besondere Verantwortung zu. Um dieser auch nachgehen zu können, sprechen wir eine explizite Einladung an Bildner*innen aus, sich queerer Vielfalt in ihrer Arbeit zu nähern und sich mit den politischen Debatten in queeren Communitys auseinanderzusetzen. Geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt geht alle Menschen etwas an und mit dem grundlegenden Wissen und der passenden Haltung können alle etwas zum Gelingen eines gesellschaftlichen Miteinanders beitragen. Austauschräume und Fortbildungen bietet dafür u. a. die Akademie Waldschlösschen an.
Zu den Autor*innen

annika.garbers@waldschloesschen.org

leo.lunkenheimer@waldschloesschen.org

simon.merz@waldschloesschen.org