Außerschulische Bildung 2/2023

„Wir müssen da mal drüber reden!“

Herausforderungen und Chancen von Klassismus und Sprache in der politischen (Jugend-)Bildung

Über Klassismus wird nicht oft gesprochen – zeitgleich spielt Sprache in Bezug auf Klassismus eine wichtige Rolle. Auch in der außerschulischen politischen (Jugend-)Bildung zeigen sich verschiedene Ebenen, auf welchen Klassismus als gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismus Thematisierung finden kann und im Sinne eines emanzipatorischen Bildungsverständnisses finden muss. Dieser Artikel soll dazu beitragen, für klassistische Mechanismen in der politischen (Jugend-)Bildung zu sensibilisieren, die Bedeutung von Sprache hervorzuheben und Handlungsbedarfe sowie -möglichkeiten anhand von konkreten Beispielen aus der Praxis aufzuzeigen. von Simon Merz, Christine Strauss und Tanja Berger

Wenn wir von Klassismus sprechen – oder eben nicht

Unter Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund von Klassenzugehörigkeit und Klassenherkunft zu verstehen. Dabei handelt es sich – analog zu Sexismus, Queerfeindlichkeit oder Rassismus – um einen Diskriminierungsmechanismus, welcher zur Hierarchisierung von Menschen und zum Aufrechterhalten von Machtstrukturen sowie sozialer Ungleichheiten dient (vgl. Kemper/Weinbach 2009, S. 14 f.; Seeck 2022).

Bei diesem von verschiedenen Lebensrealitäten und Alltagserfahrungen geprägten Ansatz spielt daher nicht nur die Betrachtung von ökonomischen Prozessen und Kapitalismuskritik eine Rolle, sondern es geht „immer auch um die Aberkennungsprozesse auf kultureller, institutioneller, politischer und individueller Ebene“ (Kemper/Weinbach 2009, S. 15). Während Klassismus als umfassender Diskriminierungsmechanismus in enger sowie intersektionaler Verbindung mit Sexismus und Rassismus in den USA schon länger im Gespräch ist (vgl. hooks 2000), war der Begriff im deutschsprachigen Raum lange unbekannt oder wurde ignoriert. Der Versuch der breiteren Thematisierung mit der Publikation von Kemper und Weinbach (2009) blieb zunächst ohne größere Folgen. Erst mit dem erneuten Aufgreifen in der sozialarbeiterischen Praxis und in aktivistischen Kontexten (vgl. Seeck/Theißl 2020; Seeck 2022), begann wieder die intensivere Auseinandersetzung damit und erreicht nun auch die politische Bildung (vgl. Pohlkamp/Carstens/Nagel 2023).

Annäherung über das Phänomen sozialer Ungleichheit

Das Phänomen sozialer Ungleichheit ist demgegenüber schon häufiger im Fokus sozial- und bildungswissenschaftlicher Betrachtungen sowie politischer Diskussion gewesen. Nicht selten verbleiben dabei getätigte Aussagen über die Ungleichverteilung von Ressourcen in der Gesellschaft aber auf einer Ebene statistischer Betrachtungen, etwa über die fehlende Partizipation ökonomisch schlechter gestellter Menschen. Schon Schmitt und Weigel (2015) merken zu sozialer Ungleichheit korrekterweise an, dass etwa über die Analyse von Teilhabe und Nicht-Teilhabe an politischen Prozessen hinaus auch auf die Strukturen und Aufrechterhaltung von (sozialen) Ungleichheiten in der Gesellschaft geschaut und Diskriminierungsprozesse unterbunden werden müssen. Diese differenzierte Betrachtungsweise ist bei Arbeiten zu sozialer Ungleichheit aber nicht immer gegeben, weshalb der ständig wirkende Diskriminierungsmechanismus sowie die gesellschaftliche und politische Verantwortung schnell aus dem Fokus geraten. Der Begriff des Klassismus (re)fokussiert genau diese Aspekte und weist auf strukturelle Probleme hin, welche – unter anderem im Rahmen politischer Bildung – besser besprechbar gemacht werden können. Aus diesem Grund nutzen die Autor*innen des hier vorliegenden Beitrags, trotz einiger Überschneidungen in Bedeutung und Gebrauch mit sozialer Ungleichheit, den Begriff Klassismus.

Während Klassismus als umfassender Diskriminierungsmechanismus in enger sowie intersektionaler Verbindung mit Sexismus und Rassismus in den USA schon länger im Gespräch ist, war der Begriff im deutschsprachigen Raum lange unbekannt oder wurde ignoriert.

In Bezug auf politische Bildung ziehen Schmitt und Weigel zu ihrer Analyse Arbeiten von Bourdieu (1982; 1992) heran und weisen auf die Bedeutung der Habitus-Struktur-Reflexivität hin: Verinnerlichte strukturelle Muster (Habitus) und die Umgebung (Struktur) müssen in selbstreflexiver Auseinandersetzung gemeinsam betrachtet werden. In der politischen Bildung bedeutet das ganz konkret, dass nicht nur auf die Teilnehmenden, sondern auch auf verinnerlichte Muster der Weiterbildenden, auf festgeschriebene Abläufe und Methoden geschaut werden muss, um einem emanzipatorischen Ansatz nachzukommen und Machtverhältnisse bei allen Beteiligten deutlich zu machen. Kommen politische Bildner*innen dieser besonderen Verantwortung nicht nach, kann sich das negativ auf das Wohlbefinden von Teilnehmenden und ihre Motivation zur Mitgestaltung von Lehr-Lern-Situationen auswirken. Ganz grundsätzlich kann es auch sein, dass Menschen unbewusst die Möglichkeit genommen wird, überhaupt an politischen Bildungsprozessen teilzuhaben (vgl. Schmitt/Weigel 2015, S. 8 ff.).

Schmitt und Weigel beschreiben deshalb ein Analysetool für politische Bildner*innen und fordern auf, sich mit sozialer Ungleichheit in selbstreflexiver Weise auseinanderzusetzen. Wie sich das in der Praxis politischer Bildung jedoch konkret ausgestalten kann, bleibt offen.

Praxisnahe Beispiele zu Klassismus und Sprache

In aktivistischen Kontexten, die sich mit antiklassistischem Handeln auseinandersetzen, wurden bisher häufiger autobiografische Elemente und eigene Erfahrungen zur Verdeutlichung von Problematiken und Forderungen genutzt (vgl. z. B. Barankow/Baron 2021; Macioszek/Knop 2022). Dieser Tradition entsprechend und um der Aufforderung Schmitt und Weigels (2015) nach selbstreflexiver Betrachtung von Angeboten politischer Bildung nachzukommen, werden im Folgenden Erfahrungen der Autor*innen dieses Beitrags aus der Arbeit mit (Jugend-)Gruppen in der außerschulischen politischen Jugendbildung herangezogen und in Bezug auf Wirkmechanismen von Klassismus betrachtet. Den Autor*innen ist dabei bewusst, dass es sich lediglich um kleine Ausschnitte eines weiten Feldes handelt, kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht und die Überlegungen nicht immer gänzlich auf alle Gruppen und Situationen übertragen werden können. Wenn klassistischen Wirkmechanismen in der politischen (Jugend-)Bildung begegnet werden soll, muss jedoch an einem Punkt begonnen werden.

In bewusster Auseinandersetzung mit Sprache können relativ schnell Veränderungen angestoßen, Ausgrenzungsmuster erkannt und antiklassistische Strategien etabliert werden.

Die folgenden Berichte stammen von Menschen, die ihre Erfahrungen mit verschiedenen Gruppen und an verschiedenen Bildungsstätten gemacht haben. Gemeinsam haben die Berichte, dass ihr Fokus auf Sprache liegt, welche für die politische Bildung eine wichtige Rolle spielt: Schmitt und Weigel (2015) bezeichnen Sprache als Mittel der Grenzziehung und verdeutlichen, dass gerade auch in der Politik eine elitäre Sprache vorherrscht, welche einen Zugang zu dem Feld beschränkt. Was Sprache und Sprechen darüber hinaus interessant macht, ist, dass klassistische Abwertung oft an sprachlichen Merkmalen (z. B. Dialekten, nicht-deutscher Erstsprache oder nicht-akademischer Sprache) festgemacht und über Sprache vermittelt wird. In bewusster Auseinandersetzung mit Sprache können zudem relativ schnell Veränderungen angestoßen, Ausgrenzungsmuster erkannt und antiklassistische Strategien etabliert werden (vgl. Drexler 2020). Um diese Elemente soll es in den folgenden Erfahrungsberichten gehen.

Foto: HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg

Erfahrungsberichte aus dem Seminaralltag

Erkennen – Europahauses Aurich – Deutsch-Niederländische Heimvolkshochschule e. V.

In jeglicher Art von Gruppenkonstellationen und Seminarformaten finden wir sie vor: die Lauten und die Leisen, die Direkten und die Zurückhaltenden, die Extrovertierten und die Introvertierten. Durch eine wertschätzende Atmosphäre können wir in der Bildungsarbeit eine gute Lernumgebung für alle schaffen, in der wir nach kurzer Zeit auch veränderte Rollen wahrnehmen können. Die Bedarfe aller hier im Blick zu haben ist eine wesentliche Aufgabe der politischen Bildner*innen. In einigen Fällen mag das Leise und Zurückhaltende zurückzuführen sein auf Wesens- und Charakterzüge der Einzelnen. Häufiger jedoch beobachten wir ein Machtgefälle innerhalb der Gruppen. Eine Wissenshierarchie, die sich im Verlauf eines Seminars immer weiter manifestieren und das Phänomen der Lauten und der Leisen immer weiter verstärken kann. Im schlechtesten Fall diskutieren nur noch wenige miteinander, beweisen sich selbst und den anderen in einer Art Wettlauf der besseren Menschen ihre sprachlichen Fähigkeiten und möchten die Seminarleitung und -gestaltung am liebsten gleich selbst übernehmen. Andere unterhalten sich nur noch zaghaft in Pausen über ihre vermeintlichen Schwächen und wünschten sich, sich niemals zu diesem Seminar angemeldet zu haben. Dazwischen bewegen sich einige Unschlüssige, deren Vokabular zwar den zur vermeintlichen Gruppenidentität erforderlichen Fachjargon umfassen, die sich jedoch inmitten des Machtgefälles unwohl fühlen. Dieser skizzierte worst case hat sich glücklicherweise nur einmal in zehn Jahren politischer Bildungsarbeit ereignet, sollte jedoch nicht negiert, sondern besprochen werden.

Sprache ist ein sehr mächtiges Instrument, das auch zur gewaltvollen Kommunikation missbraucht werden kann. Ob bewusst oder unbewusst: Teilnehmende nutzen die Sprache regelmäßig zur Machtinszenierung und schließen somit Menschen aktiv von Bildungsprozessen aus. Diesen ausgrenzenden Mechanismus von Sprache sollten wir als politische Bildner*innen erkennen und uns in unserem Handeln regelmäßig reflektieren. Wir sollten andere dafür sensibilisieren und Wege finden, wie wir diese Art von klassistischer Abwertung aufdecken und entkräften können. Je spezieller die Themen im Seminar sind, desto spezieller kann die erforderliche Sprache sein. Bereits bei der Konzeption eines Angebots der politischen Bildung müssen wir darauf achten, dass wir ausgrenzend agieren können. Wen wollen wir mit unseren Angeboten erreichen und wie sprechen wir diese Menschen an? Wie beziehen wir Menschen mit ein, die sich partizipativ einbringen möchten, jedoch bisher aufgrund klassistischer Wirkmechanismen und fehlender Zugänge nicht wissen, wie sie das bewerkstelligen sollen? Wie beziehen wir diejenigen mit ein, die sich sprachlich noch nicht so sicher bewegen, ohne diese bloßzustellen? Wie machen wir den Expert*innen ihre Privilegien sichtbar, ohne sie innerhalb der Gruppe zu entthronen?

Wir sollten unsere Angebote auch aufsuchend aufstellen und gleichzeitig mit viel Fingerspitzengefühl auf die Bedarfe in einer Gruppe eingehen. Vielleicht hinterfragen wir gemeinsam mit ihnen auch unsere eigene Sprache. Viele Fremdwörter und fachsprachliche Begriffe sind durchaus zumutbar, sie bedürfen aber einer Erklärung. Ein kurzer Nebensatz mehr reicht oft aus. Nur weil die vermeintlich Lauten direkt in den Diskurs mit einsteigen, können wir nicht voraussetzen, dass jede*r im Raum den Inhalten barrierefrei folgen kann. Eine bewährte Möglichkeit ist das Sammeln von themenbezogenen Fachbegriffen mit einer adäquaten Erklärung im Seminarraum. Hieraus könnte auch ein anschauliches Glossar mit weiterführenden Literaturhinweisen entstehen. Ehrliche Wertschätzung und das richtige Maß an Achtsamkeit können auch dazu beitragen, den Raum für Beiträge von jungen Menschen mit unterschiedlichsten Vorerfahrungen zu öffnen. Gerade in der politischen Bildung muss hier ein passender Rahmen gesetzt werden, da Diskussion und konstruktive Auseinandersetzung zentraler Bestandteil der Arbeit sind, aber nicht alle Teilnehmenden im Vorhinein dieses Verständnis teilen.

Sprache ist ein sehr mächtiges Instrument, das auch zur gewaltvollen Kommunikation missbraucht werden kann. Ob bewusst oder unbewusst: Teilnehmende nutzen die Sprache regelmäßig zur Machtinszenierung und schließen somit Menschen aktiv von Bildungsprozessen aus.

Seit einiger Zeit beobachten wir gerade in politisch aktiven und aktivistischen Kreisen eine Tendenz, dass Themen immer stärker intellektuell ausgehandelt werden. Diskurse verlaufen sehr akademisiert und werden teilweise zur persönlichen Selbsterhöhung und moralischen Be- und Abwertung von anderen genutzt. Fehlerfreundlichkeit und die Basis für eine konstruktive Diskussion sind hier leider nicht immer vorhanden.

Paradoxerweise wird zeitgleich Wertschätzung und Achtsamkeit betont und gefordert, was einen Umgang im Kontext politischer Bildung herausfordernd macht.

Es kommt hinzu, dass dieses Verhalten nicht nur bei Teilnehmenden zu beobachten ist, sondern auch Multiplikator*innen der politischen Bildungsarbeit nicht gänzlich gegen ein solches, ausschließendes Verhalten gefeit sind.

Ob wir mit dieser Haltung klassenübergreifend junge Menschen erreichen, kann bezweifelt werden. Als politische Bildner*innen sollten wir daher auch unsere eigene Sprache regelmäßig in den Blick nehmen.

Thematisieren – Stiftung Akademie Waldschlösschen

In der politischen Jugendbildung können Sprache und Sprechweisen auf unterschiedliche Weisen zum Einsatz kommen. Auch wenn ein Angebot der außerschulischen politischen Jugendbildung in deutscher Lautsprache stattfindet, spielen andere Sprachen eine Rolle. So ist es schon vorgefallen, dass eine gemeinsam zu einem Seminar angereiste Gruppe aus einem Jugendzentrum untereinander begonnen hat, Englisch zu sprechen, da sie es von der sonstigen gemeinsamen Zeit her so gewohnt sind und üblicherweise immer mal wieder zwischen den Sprachen gewechselt wird. Andere Teilnehmende konnten an diesen Gesprächen jedoch nicht teilhaben, weshalb es in der Englisch sprechenden Teilgruppe angesprochen werden musste. Der Ausschluss war nicht absichtlich geschehen, weshalb es in diesem Fall ausgereicht hat, die Barriere, welche eine andere Sprache sein kann, ins Bewusstsein zu rufen. Spannenderweise war gerade diese durchaus aktivistische Teilgruppe im Seminar durch das Einbringen von intersektionalen Betrachtungen und der Betonung von Inklusivität (im weiteren Sinne) hervorgetreten. Dabei bezogen sich die Teilnehmenden jedoch zuvorderst auf queersensibles, rassismuskritisches und ableismuskritisches Handeln. Klassismuskritische Strategien wurden nicht von den Teilnehmenden selbst eingebracht – ein Phänomen, das auch häufiger schon bei anderen Gruppen zu beobachten war: Diskriminierungssensibilität in einem Bereich bedeutet nicht, dass die Sensibilität auch in anderen Bereichen entsprechend vorhanden ist.

Auch wenn sich das Problem im hier beschriebenen Fall recht leicht beheben ließ, musste sensibel damit umgegangen werden. Zum einen soll in einem solchen Fall keine der betroffenen Teilgruppen bloßgestellt werden – weder diejenigen, für die eine andere Sprache eine Hürde darstellt, noch diejenigen, die ebendas beim Sprechen nicht bedacht haben.

Zum anderen ist Mehrsprachigkeit nicht gleich Mehrsprachigkeit. Während im hier beschriebenen Fall das Ganze aus einer Unbedachtheit heraus passierte und die Teilnehmenden ohne Probleme in die deutsche Lautsprache wechseln konnten, muss das nicht immer für alle zutreffen. Es kann Teilnehmende geben, deren Mehrsprachigkeit stärker mit ihrer eigenen Ausdrucksweise, Emotionalität oder auch Identität verbunden ist. Wie Menschen in emotionalen Situationen stärker in einen Dialekt verfallen können, kann bei anderen Personen ihre Erstsprache (die eben nicht unbedingt Deutsch sein muss) stärker zum Vorschein kommen. Je nach Thema kann so eben auch eine andere Sprache als die deutsche Lautsprache für eine Person passend sein, weshalb in solchen Fällen individuell und gemeinsam ein für alle gangbarer Weg gefunden werden muss. Bei einem anderen Seminar bereits vorgekommen ist etwa der Fall, dass den Gedanken erst in der Erstsprache Ausdruck gegeben und sich anschließend an einer Formulierung in deutscher Lautsprache versucht wurde.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Emotionalität von Sprache. Wir neigen schnell dazu, Diskussionen rein rational zu führen und emotionale Regungen zu unterdrücken – möglicherweise aus der Sorge heraus, bei der kleinsten sichtbaren Emotion nicht mehr ernst genommen zu werden. Erfahrungen aus Argumentationstrainings haben uns gezeigt, dass das nicht immer der zielführende Weg sein muss und Emotionen sowie deren Ausdruck ihren Wert haben – auch in der politischen Bildung. Wenn zum Beispiel queere Teilnehmende in einem Seminar mit der Gruppe Diskriminierungserfahrungen teilen, dann nehmen wir uns heraus, diese Erfahrungen so zu bezeichnen, wie es uns in diesem Moment in den Sinn kommt. Bewusstes Fluchen kann eine erstaunlich befreiende Wirkung haben – und direkt im Seminar thematisiert werden. Drexler (2020) führt das Spiel mit Irritation, welche bewusstes Fluchen auslösen kann, als mögliche Strategie zur Erarbeitung einer selbstbestimmten sprachlichen Identität an. Wenn auch nicht für jede Situation geeignet, so können hier recht einfach mit sprachlichen Mitteln Konventionen durchbrochen und daran die Selbstdarstellung im Alltag hinterfragt werden.

Es ist wichtig, sich möglicherweise aufkommender Unterschiede zwischen Sprachen und Sprechweisen bewusst zu sein: Oft werden in Deutschland Kenntnisse in Englisch, Französisch oder Chinesisch höher anerkannt als Kenntnisse in zum Beispiel Türkisch oder Arabisch. Ferner wird „Hochdeutsch“ eher mit Bildung verknüpft als ein Dialekt – obwohl die Sprechweise nicht auf Bildung schließen lässt. Dass ein Dialekt in schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen sowie Hochschulen leider immer noch zu Diskriminierungserfahrungen und folglich Ausschlüssen führen kann, ist ein Thema, das an anderer Stelle ausführlicher betrachtet werden müsste. Da unterschiedliche Sprachen und Sprechweisen unterschiedlich bewertet werden, kann es durchaus förderlich sein, eine Sprachen- und Sprechvielfalt – auch in einem primär auf deutsche Lautsprache ausgelegten Seminar – zu thematisieren und im Sinne einer antiklassistischen Strategie zu feiern. Teil dessen sollten neben Lautsprachen auch Gebärdensprachen sein. Das Zusammendenken von Laut- und Gebärdensprachen bedarf eigener Ausführungen; verwiesen sei hier zur politischen Situation von Gebärdensprachgemeinschaften und kritischer Reflexion des Hörens z. B. Ladd/Vollhaber (2019) sowie zur inklusiven politischen Bildung allgemein Klamp-Gretschel (2022).

Zumuten – HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg

Alle im Seminarraum haben ihr Zitat gerade interpretiert und wir haben es gemeinsam diskutiert. „Jetzt habe ich ein bisschen Kopfweh, nach all dem Gelabere“, sagt einer der Jugendlichen gut gelaunt. Das können wir gut verstehen, denn wir haben uns ein paar nicht ganz alltägliche Aussagen von Philosoph*innen und Schriftsteller*innen vorgenommen und sie mal durchdacht. Genau genommen sitzen Auszubildende zu Köch*innen bzw. Gehilf*innen in einem Seminar der politischen Bildung, in dem es um interkulturelles Lernen und Toleranz im Rahmen der beruflichen Tätigkeit und allgemein geht. Die Seminarbegleitung hat entschieden, dass wir uns mehr oder weniger tiefgründige Aussagen für den Einstieg in den Seminartag zumuten. Zumuten ist dabei der Ausdruck der Wahl, denn es geht einerseits um Mut und andererseits um Zumutung. Es ist mutig, sich darauf einzulassen und den eigenen Gedanken zu stellen, überhaupt über eine sich nicht sofort, vielleicht auch nie komplett erschließende Aussage Gedanken zu machen und diese mit den anderen zu teilen.

Obwohl man es richtigmachen will – die Seminarleitung allerdings behauptet, es gäbe kein Richtig oder Falsch, das macht es für manche Teilnehmende nicht einfacher.

Eine Zumutung ist es auch, sich Sartre, Frisch, Brecht und Heraklit anzuschauen und zu bearbeiten. Sie gehören weder zur Lebenswelt der Jugendlichen, noch sind sie besonders plakativ oder gar leicht zugänglich in ihren Aussagen.

Irritation als Lernanlass ist natürlich richtig und diese Zitate irritieren – in ihrer Sprache und in ihrer Mehrdeutigkeit. Wir nehmen uns also die Zeit an diesem Seminarvormittag, diese zu lesen und darüber zu sprechen, Widerstände zu bemerken und zu äußern usw. Es ist die Sprache der akademischen Klasse, der Belesenen (so zumindest die Zuschreibung und das Gefühl der Jugendlichen). Es ist die Sprache, von der sich die Teilnehmenden schnell ausgeschlossen fühlen. Die Auszubildenden sind manchmal an ihrer Sprache, ihren Scherzen und ihrem Slang erkennbar und es besteht Argwohn gegenüber dem Intellektuellen, dem was als städtisch gilt.

Foto: HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg

Warum haben wir uns für diese Art von Gesprächsanlass entschieden? Weil wir es wichtig finden, immer wieder über den bisherigen Horizont und das eigene Interesse hinaus den Blick zu wagen. Und auch, weil wir denken, dass den teilnehmenden Jugendlichen sprachlich was zugemutet werden kann. Die Ermunterung und die Praxis, eigene Gedanken zu formulieren und diese mit anderen in einem wohlwollenden Setting zu teilen, halten wir für notwendig und gewinnbringend. Wir reflektieren gemeinsam unsere Ideen, in diesem Fall zu den Aussagen, und profitieren voneinander. Eine Reflexion des potenziell klassistischen Moments erfolgte bei diesem Element der Bildungseinheit nicht, denn es ging eher um den gedanklichen Einstieg in das Menschsein, um danach thematisch zu arbeiten. Diese Erfahrung zu machen bedeutet, dass die Menschen ernst genommen werden. Die Seminarleiterin profitierte selbst als junge Teilnehmerin davon, sprachlich die Komfortzone zu verlassen und sich langsam in ein Seminargespräch einzubringen. Sie fasste Vertrauen in Gruppen, maßgeblich gefördert durch die Teamer*innen. Diese organisierten gleiche Teilhabe in der Bildungsveranstaltung. Das ist eines der Ziele bis heute.

Klar, es ist unerlässlich, sich sprachlich auf Zielgruppen einzustellen. Es ist aber gleichzeitig wichtig, komplexere Gedanken zu haben und diese auch in Worte zu fassen. Deshalb trauen und muten wir in unserer Bildungsarbeit den Teilnehmenden eine Menge zu. Nicht immer ist alles einfach, auch nicht die Sprache. Sie können diese selbstbewusst und respektvoll nutzen.

Sprache kann Teilhabe ermöglichen und unmöglich machen

Aus klassismuskritischer Perspektive muss allgemein beachtet werden, dass Sprache zur Teilhabe einladen kann, aber genauso schnell auch Ausschlüsse herbeiführt. Unterschiedliche Teile einer möglichen Zielgruppe haben ihre eigene Sprache, Sprechweisen und auch Mehrsprachigkeit(en), die bewusst in die Planung und Umsetzung von Angeboten einbezogen werden können, sollen und müssen. Dabei kann Sprache – wie die oben beschriebenen praktischen Erfahrungen aufzeigen – an mehreren Stellen eine wichtige Rolle spielen und in den Blick genommen werden: Sprache bei Bewerbung einer Veranstaltung, Sprache der Teilnehmenden und Teamenden im Seminar. Dasselbe gilt für ausliegende Infomaterialien oder die Sprache aller Kontaktpersonen in einer Bildungsstätte. An jeder Stelle können sich (potenzielle) Teilnehmende von Veranstaltungen der außerschulischen politischen Bildung dafür und dagegen entscheiden, an politischer Bildung teilzuhaben, demokratische Prozesse kennenzulernen und sich als Teil eines politischen Systems zu verstehen.

Wann schließt Sprache andere Menschen (unbewusst) aus oder diskriminiert sie? Welche Diskurse werden auf welche Art geführt? Welche Bedeutung hat Emotionalität beim Sprechen?

Darüber hinaus kann Sprache als Seminarthema auf dem Programm stehen und gemeinsam mit Teilnehmenden über klassistische Wirkmechanismen in die Auseinandersetzung gegangen werden. Wann schließt Sprache andere Menschen (unbewusst) aus oder diskriminiert sie? Welche Diskurse werden auf welche Art geführt? Welche Bedeutung hat Emotionalität beim Sprechen? Unterschiedliche Vorerfahrungen und Bedarfe in einer Gruppe können Sprache als Thema für politische Bildner*innen jedoch schwierig machen. Wird im Kontext Klassismus nicht sensibel damit umgegangen, besteht die Gefahr, dass Teilnehmenden bisherige Grenzen – möglicherweise zum ersten Mal – sehr deutlich werden. Privilegiertere Menschen wiederum können sich schnell angegriffen fühlen, so sie einen Diskriminierungsvorwurf wahrnehmen. Gerade wenn Sprache aus diskriminierungskritischer Perspektive thematisiert wird, gilt, was Mendel (2015) für die Auseinandersetzung mit rassismussensibler Sprache festhält: „Wichtig ist, dass es in einem notwendigen Reflexionsprozess nicht um Schuldzuweisungen geht, sondern darum, Verantwortung für den eigenen Sprachgebrauch zu übernehmen.” (Ebd. S. 13) Eine vielfaltssensible Thematisierung von Sprache und Sprechweisen ist jedoch lohnend und kann u. a. auch auf Klassismus als gesamtgesellschaftlich und politisch relevanten Aspekt hinweisen sowie diesbezüglich sensibilisieren.

Chancen durch einen klassismuskritischen Blick auf Sprache

Wenn in der politischen Jugendbildung sensibel mit Sprache umgegangen wird, ergeben sich für Jugendbildner*innen mehrere Ansatzmöglichkeiten, um gemeinsam mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen, ihnen Partizipation im Seminar zu ermöglichen und sie so an politische Prozesse heranzuführen. Eine bewusste Nutzung von Sprache im Seminar kann darüber hinaus aufzeigen, was jede*r einzelne sich selbst zutrauen kann und welche Ausdrucksmöglichkeiten dafür zur Verfügung stehen. Die Arbeit mit Sprache kann daher auch als Empowerment-Arbeit verstanden werden, wobei die Teilnehmenden hier als Expert*innen in eigener Sache verstanden und in die Aushandlungsprozesse in der Gruppe einbezogen werden können und müssen. Sprache ist Teil der Lebensrealitäten jedes Menschen und eine selbstbestimmte sprachliche Identität kann erarbeitet werden (vgl. Aumair 2020). Diese Arbeit an und mit sich selbst ist sowohl für Teilnehmende wie auch politische Bildner*innen nicht unbedingt einfach und Fehler werden bei allen Beteiligten möglicherweise immer wieder auftreten. Mit dem richtigen Maß an Fehlerfreundlichkeit kann ein solcher Prozess jedoch gelingen.

Politischen Bildner*innen und ihrer Haltung kommt an dieser Stelle eine besondere Rolle zu. Daher sollte immer wieder gefragt werden: Welche Verantwortung tragen wir für eine gleichberechtigte Teilhabe an Bildungsprozessen? Was können wir als politische Bildner*innen tun, um klassistische Wirkmechanismen – wie am Beispiel Sprache deutlich wurde – bestmöglich aufzubrechen? An welchen Stellen steige ich mit Teilnehmenden selbst in einen Prozess ein?

Werden diese und ähnliche Fragen sowie Klassismus und Sprache ernst genommen, können Jugendliche und junge Erwachsene in der Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Situation unterstützt werden. Ganz im Sinne eines emanzipatorischen Ansatzes der politischen Bildung.

Zu den Autor*innen

Simon Merz ist Jugendbildungsreferent bei der Stiftung Akademie Waldschlösschen in Gleichen bei Göttingen und arbeitet primär zum Schwerpunkt sexuelle, amouröse und geschlechtliche Vielfalt. Bei der Betrachtung von intersektionalen Ansätzen ist ihm u. a. Klassismus ein großes Anliegen, da er selbst im ländlichen Raum aufgewachsen ist.
simon.merz@waldschloesschen.org
Foto: Leo Lunkenheimer
Christine Strauß hat Psychologie mit dem Schwerpunkt Umweltpsychologie in den Niederlanden, England und Spanien studiert. Bis Ende 2022 arbeitete sie als Jugendbildungsreferentin im Europahaus Aurich und fokussierte sich dabei inhaltlich insbesondere auf die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit. Seit Anfang 2023 baut sie im Europahaus die deutsch-niederländische Zusammenarbeit neu auf.
strauss@europahaus-aurich.de
Tanja Berger ist Jugendbildungsreferentin bei HochDrei e. V. in Potsdam. Sie arbeitet aktuell vor allem im Schwerpunkt sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Sie stammt aus einer nichtakademischen Familie, liebt Sprache und wurde als Einzige in der Familie akademisch ausgebildet. Mittlerweile oft entfernt von Lebenswirklichkeiten der eigenen Verwandten. Der eigene Freund*innenkreis selbst gewählt mit (auch) Klassenwechsler*innen und den dort „heimischen“.
berger@hochdrei.org

Literatur

Aumair, Betina (2020): Bildung und soziale Ungleichheit: Impulse für eine klassismuskritische außerschulische Bildungsarbeit. In: Seeck, Francis/Theißl, Brigitte (Hrsg.): Solidarisch gegen Klassismus – organisieren, intervenieren, umverteilen. Münster: UNRAST-Verlag
Barankow, Maria/Baron, Christian (2021): Klasse und Kampf. Berlin: Claassen
Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Bourdieu, Pierre (1992): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1. Hamburg: VSA
Drexler, Anita (2020): Klassismus und Sprache. In: Seeck, Francis/Theißl, Brigitte (Hrsg.): Solidarisch gegen Klassismus – organisieren, intervenieren, umverteilen. Münster: UNRAST-Verlag
hooks, bell (2000): Where we stand: Class matters. New York: Routledge
Kemper, Andreas/Weinbach, Heike (2009): Klassismus. Eine Einführung. Münster: UNRAST-Verlag
Klamp-Gretschel, Karoline (2022): Umsetzung inklusiver politischer Bildung. Didaktische Empfehlungen für (außerschulische) Bildungseinrichtungen. In: Außerschulische Bildung, Ausgabe 3/2022, S. 19–25
Ladd, Paddy/Vollhaber, Tomas (2019): Kritik des Hörens. Zwei Perspektiven. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 6–7/2019, S. 37–46
Macioszek, Frede/Knop, Julian (2022): Klassenfahrt. 63 persönliche Geschichten zu Klassismus und feinen Unterschieden. Münster: edition assemblage
Mendel, Meron (2015): Das Kind beim Namen nennen. Rassismussensible Sprache in der Bildungsarbeit. In: Außerschulische Bildung, Ausgabe 3/2015, S. 12–17
Pohlkamp, Ines/Carstens, Lea/Nagel, Björn (2023): Klassismus und politische Bildung. Intersektionale Perspektiven und Reflexionen aus der Praxis. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag (im Druck)
Schmitt, Lars/Weigel, Lena (2015): „Hör mal, wer da spricht“. Partizipation, Sprechen und Gesprochen-Werden in Politik und politischer Bildung. In: Außerschulische Bildung, Ausgabe 3/2015, S. 4–11
Seeck, Francis (2022): Zugang verwehrt. Keine Chance in der Klassengesellschaft: wie Klassismus soziale Ungleichheit fördert. Zürich: Atrium Verlag
Seeck, Francis/Theißl, Brigitte (Hrsg.) (2020): Solidarisch gegen Klassismus – organisieren, intervenieren, umverteilen. Münster: UNRAST-Verlag